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WDR for You

Nicht nur in Deutschland unterwegs: ein WDRforyou-Reporter an der bosnisch-kroatischen Grenze.

(Foto: WDR)

Angebote wie "WDRforyou" richten sich gezielt an Geflüchtete. Reporter mit verschiedenen Biografien arbeiten zusammen. Wie funktioniert das? Ein Redaktionsbesuch.

Es sind noch drei Stunden bis zur Sendung. Burhan Akid arbeitet an den letzten Formulierungen auf seinen Moderationskarten. Der junge Syrer wird später zusammen mit einer Kollegin ein Grillduell präsentieren, live auf Facebook. Im Oktober 2015 ist der heute 28-Jährige über die Balkanroute nach Deutschland geflüchtet.

Er habe "immer irgendwas mit Medien machen" wollen, sagt Akid, in Syrien arbeitete er parallel zum Studio als Radiomoderator. "Das war cool", ergänzt er, "aber dann hat der Krieg angefangen." Auf einmal wurde sein Privatradiosender politisch, Akid musste Nachrichten verlesen, von denen er wusste, dass sie so nie passiert waren.

Er floh nach Deutschland, kam in die Eifel, und stieß zum ersten Mal auf einen Beitrag von WDRforyou : "Wenn man nicht viel zu tun hat, hängt man auf Facebook rum." 2018 bewarb er sich mit einem Video als Praktikant, anschließend klappte es mit der Anstellung.

Seit diesem Jahr arbeitet Burhan Akid als Redakteur bei WDRforyou . Die Online-Plattform ging im Januar 2016 an den Start, nur wenige Tage nach der Kölner Silvesternacht. Das Programm richtet sich vor allem an Geflüchtete. Es gibt Beiträge auf Deutsch, Englisch, Arabisch und Persisch. In der Zeit nach dem Sommer 2015, in der mehr als eine Million Menschen nach Deutschland gekommen waren , entstanden hierzulandezahlreiche Medienangebote für Geflüchtete. WDRforyou ist also längst nicht das einzige multikulturelle Programm - aber eines der erfolgreichsten und vor allem eines, dass es immer noch gibt.

Die Arbeit mit und für Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, ist nicht einfach. Sie konfrontiert die Medienmacher mit ungewohnten Fragen: Wie lassen sich Inhalte vermitteln an eine Zielgruppe, deren Mitglieder aus ganz unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Demokratie- und Bildungsstandards kommen? Wie lassen sich Menschen in eine Redaktion integrieren, die erst vor Kurzem in Deutschland angekommen sind und die Sprache gerade erst lernen?

Nicht immer gibt es dabei ein Happy End: News for Refugees, die Online-Plattform des SWR, wurde im vergangenen Jahr eingestellt. "Menschen, die als Geflüchtete im Südwesten eine neue Heimat gefunden haben, können nun in den Regelangeboten des SWR Themen finden, die sie interessieren", teilt der Sender diesbezüglich mit und verweist auf eine Multimediaserie für Kinder, die ab diesem Herbst starten soll. Auch die Initiative des ZDF, Beiträge in der Mediathek auf Englisch und Arabisch zu untertiteln, wurde wieder eingestampft. Die geringe Resonanz habe nicht im Verhältnis zum hohen Personalaufwand gestanden.

Doch es gibt auch Formate, die sich etabliert haben: Das Refugee Radio von Cosmo zum Beispiel, das täglich Nachrichten auf Englisch und Arabisch sendet und das Informationsportal Info Migrants, das die Deutsche Welle in Zusammenarbeit mit anderen europäischen Medien und der Europäischen Union verantwortet. Hinzu kommen lokale und private Initiativen wie die Nachrichtenportale Amal, Hamburg! und Amal, Berlin!, die von der Evangelischen Journalistenschule betrieben werden, oder das Refugee Radio Network, ein Internetradio, dessen Sendungen durch Kooperationen mit anderen Sendern teils auch terrestrisch ausgestrahlt werden.

Und eben WDRforyou. Die Redaktion in Köln gleicht einem Startup: ein umfunktionierter Konferenzraum (Großraumbüro wäre ein Euphemismus), mit Sitzbällen auf dem Boden und Klebezetteln an der Wand. Ein Team von rund zehn Mitarbeitern bespielt die Plattform. Es gibt die, die als Moderatoren vor der Kamera stehen, Redaktionsleiterin Isabel Schayani nennt sie "Frontgesichter", und diejenigen, die eher im Hintergrund arbeiten - die recherchieren, übersetzen, die Facebook-Seite betreuen. Neben der Vorbereitung für das Grillduell am Abend steht an diesem Nachmittag noch ein Kollegengespräch zu den neuesten Asylsucherzahlen an. Das bildet die inhaltliche Bandbreite von WDRforyou schon ganz gut ab: etwas aktuelle Migrationspolitik, etwas rechtliche Aufklärung, etwas Unterhaltung.

Wie Burhan Akid gehört auch Isabel Schayani zur Fraktion der Frontgesichter. Von Beginn an leitet sie die Redaktion, steht in Livestreams und Kollegengesprächen vor der Kamera. Die 52-Jährige ist Tochter eines persischen Vaters und einer deutschen Mutter. Dass WDRforyou vor allem auf Social Media setzen muss, um erfolgreich zu sein, stand für sie und die anderen Macher von Anfang an fest: "Wer flüchtet, hat kein Radio und keinen Fernseher dabei." Ausgespielt werden die Inhalte deshalb über Youtube, Instagram und Facebook. Letzteres ist mit etwa einer halben Million Abonnenten der erfolgreichste Kanal. Etwas mehr als die Hälfte der Nutzer halten sich laut den Angaben auf Facebook in Deutschland auf, drei Viertel davon sind Männer, die meisten zwischen 25 und 34 Jahre alt.

"Wir fragen uns gegenseitig: Hältst du das für realistisch? Bei einigen Geschichten wissen wir schon aus unserer Erfahrung heraus: Das kann nicht stimmen." - Journalistin Isabel Schayan

Heute, vier Jahre nach dem Sommer 2015, in dem viele euphorisch T-Shirts und Fahnen mit der Aufschrift "Refugees Welcome" zur Schau stellten, hat sich die Stimmung im Land verändert. "Am Anfang sind alle aus ihrem Sessel aufgesprungen, um zu helfen", sagt Isabel Schayani, "jetzt sind es weniger, und die machen es leiser." Die Rechten sind stärker geworden im Diskurs, immer wieder hat WDRforyou mit Kritik und Hatespeech zu kämpfen. Einen der ersten Shitstorms verursachte ein Beitrag, in dem Schayani zusammen mit einer arabischen Kollegin mit Kopftuch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Dublin-Regelung erklärte. Das Video wurde mehr als 7000 Mal geteilt und mehr als 3000 Mal kommentiert. Das rechte Online-Portal Politically Incorrect titelte: "WDR sendet Einladung an arabische Welt."

Aber auch innerhalb der Community sorgt die Berichterstattung immer mal wieder für Empörung. Ein Beitrag, der erklären sollte, wie man in Deutschland mit Frauen umgeht, stieß bei vielen Nutzern auf Unverständnis. "Die haben geschrieben: Haltet ihr uns denn alle für doof? Wir sind doch keine Bauern", erzählt Schayani. "Das Schwierige ist, zu vermitteln, ohne belehrend zu wirken. Das ist uns damals nicht gelungen."

Nichtsdestotrotz sind die Medienangebote für viele Geflüchtete eine wichtige Quelle für Informationen. Für Froghden Sayedi zum Beispiel, der im August 2015 von Afghanistan nach Deutschland geflogen ist. Kurz nach seiner Ankunft hatte ein Freund den 22-Jährigen auf WDRforyou aufmerksam gemacht. Damals habe er noch nicht einmal das Wort "Deutschland" verstanden, erzählt Sayedi. Am Anfang sah er die Beiträge deshalb vor allem auf Persisch, mittlerweile guckt er sie auf Deutsch. "Das ist eine korrekte Adresse mit korrekten Leuten und korrekten Antworten", sagt er. Das sei wichtig, weil gerade in der Flüchtlings-Community viele Unwahrheiten kursierten. Als Sayedi während seiner Ausbildung zum Koch abgeschoben werden sollte, erfuhr er über WDRforyou, dass das rechtlich nicht möglich ist - und klagte zusammen mit seinem Ausbilder erfolgreich dagegen.

Auch weil mittlerweile weniger Flüchtlinge in Deutschland ankommen, haben sich die Inhalte der Plattform verändert, die Bedürfnisse der Menschen, die nun hier leben, sind nicht mehr die gleichen wie kurz nach der Ankunft. Isabel Schayani sagt: "Wir wollen mitwachsen." Anfangs habe man ein Erste-Hilfe-Paket bereitstellen wollen, Beiträge, die auf existenzielle Fragen antworten wie: "Wie stelle ich einen Asylantrag?", "Wie finde ich eine Wohnung?" Mittlerweile sei man bei Themen wie der Niederlassungserlaubnis oder Formaten wie der "Danke-Show" angelangt, einer Sendung, in der sich Geflüchtete bei ihren Helfern bedanken.

Auch die Nutzergruppe will man ausweiten. Um mehr Frauen zu erreichen, klärt die Redaktion mittlerweile zum Beispiel über Scheidungen auf und macht eine Sprechstunde mit einer Frauenärztin. Ab Herbst soll die bislang etwas vernachlässigte afrikanische Community mehr in den Blick genommen werden. Was nach einer Erfolgsgeschichte klingt, ist im Alltag trotzdem nicht immer einfach. Aktuell besteht die Redaktion zu etwa einem Drittel aus Geflüchteten der neuen Generation, also der Zielgruppe selbst, zu etwa einem Drittel aus Menschen mit gemischter Biografie und zu etwa einem Drittel aus Deutschen ohne Migrationshintergrund.

"Ich habe anfangs gedacht: je mehr Flüchtlinge, desto besser", sagt Schayani. Jetzt sehe sie das nicht mehr unbedingt so. "Viele Geflüchtete sind mit so existenziellen Dingen beschäftigt, die können nicht arbeiten wie jemand, der hier heimisch ist und einen eingespielten Alltag hat. Das muss eine Gruppe erst mal tragen können." Viele seien außerdem journalistisch anders sozialisiert, an strenge Hierarchien und andere Arbeitsweisen gewöhnt. Da müsse man schon auch mal erklären, dass Recherche nicht einfach nur Abschreiben bedeute.

Schwierig wird die journalistische Arbeit auch, wenn es um die Prüfung persönlicher Schicksale geht: "Lügen sind ein Riesenthema", sagt Schayani. Bei genauerem Hinsehen entpuppe sich so manche Geschichte als falsch, das könne schon beim Alter anfangen. "Dann sage ich meinen Gesprächspartnern schon mal ins Gesicht: Das glaub ich nicht. Auch auf Sendung." Nach Möglichkeit ließen sich die Mitarbeiter Unterlagen zeigen, sagt Schayani, oft bleibe aber nur der Austausch unter Kollegen. "Wir fragen uns gegenseitig: Hältst du das für realistisch? Bei einigen Geschichten wissen wir schon aus unserer Erfahrung heraus: Das kann nicht stimmen."

Auch bei der Frage der journalistischen Distanz gilt laut Schayani vor allem die Redaktion als Korrektiv: "Wir sind auf keinen Fall Amnesty-TV. Wir sagen uns Bescheid, wenn wir finden, jemand ist zu nah dran." Um dem Vorwurf der Parteinahme zu entgegnen, vermeide WDRforyou zum Beispiel Einzelfallberatungen. Dennoch: "Es wäre gelogen zu sagen, da gibt es eine eindeutige Definition, an die man sich hält, und fertig", sagt Schayani, "das ist immer eine Abwägung."

Zumindest physisch ist das mit dem Abstand gar nicht so einfach am Abend des Grillduells. Immer wieder müssen Schayani, Akid und ihre Kollegen während des Grillduells für Selfies hinhalten. Kulisse für die Show ist ein Park in Köln, die Requisite hat Plastik-Sonnenblumen bereitgestellt. Eine kleine Gruppe von Zuschauern hat sich eingefunden, es riecht nach Fleisch und Knoblauch. Das Ganze wird live ins Netz gestreamt, die Bewertung erfolgt online durch Smileys und analog durch eine Jury. Durchschnittliche Zuschauerzahl auf Facebook: zwischen 500 und 600. Am Ende herrscht Gleichstand zwischen den Teams.

Als das Duell längst vorbei ist, spricht eine Gruppe iranische Jungs Schayani und einen Kollegen an. Sie wurden, erzählen sie, letztes Jahr von Rechtsextremen in Chemnitz angegriffen - ein Video davon ging durchs Netz. Jetzt wechselt Schayani vom Unterhaltungsmodus in den der Journalistin. Sie hört den jungen Männer zu, runzelt die Stirn, stellt ihnen Fragen auf Deutsch und Persisch. "Hier entsteht gerade unser nächster Beitrag", sagt sie.