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Hörspiel:Eine von ihnen - und immer noch weiß

Nancy Cunard, 1926, (1896-1965), heiress to the Cunard Line fortune enjoyed the friendship of avant-garde writers and ar

Die unkonventionelle Nancy Cunard auf einem Foto von 1926.

(Foto: Courtesy Everett Collection via www.imago-images.de/imago images/Everett Collection)

Die Millionärstochter Nancy Cunard wollte 1934 mit dem Buch "Negro" eine Anthologie schwarzer Kultur vorlegen. Ein Hörspiel dazu schlägt mühelos die Brücke in die Gegenwart.

Von Stefan Fischer

Ein Standardwerk? Eher nicht, auch wenn es die Absicht der Autorin war, ein solches zusammenzutragen. Doch dazu ist Nancy Cunard ihr Buchprojekt Negro. An Anthology dann doch zu sehr entglitten. Ein spannendes Zeitdokument ist das 1934 erschienene Œuvre aber allemal. Und auch so etwas wie eine Initialzündung.

Die Millionärstochter Cunard - ihr Urgroßvater hatte 1839 die Reederei gegründet, die heute noch nach der Familie benannt ist - hatte eine erste umfassende schwarze Kulturgeschichte im Sinn. Sie hat etliche ihrer weißen Künstlerfreunde gewonnen für das Projekt. Sowie eine Reihe schwarzer Autoren. "Ich war eine von ihnen. Obwohl immer noch weiß", wird sie in Karl Bruckmaiers Hörspiel Nancys "Negro" zitiert.

Die Selbsteinschätzung der 1896 geborenen Frau, die mit den Konventionen der Oberschicht, aus der sie stammte, gebrochen hat und mit dem schwarzen Jazzpianisten Henry Crowder liiert war, kann gleichwohl nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ein überwiegend weißer Blick ist auf das, was damals auch ganz ohne Diffamierungsabsichten "Negro" genannt wurde. Dennoch: Es war ein früher Anlauf, sich nicht bloß mit einzelnen Aspekten schwarzer Kultur zu befassen, sondern eine Anthologie vorzulegen. Und sich an einem nicht rassistischen Konstrukt von Blackness zu versuchen.

Karl Bruckmaier hat parallel auch eine deutsche Übersetzung von Auszügen des Buchs herausgegeben in der Edition Kursbuch. Das Hörspiel ist noch einmal ein Exzerpt davon. Diese Reduzierung wird dem Werk trotzdem gerecht, weil Negro. An Anthology sprunghaft ist, assoziativ und natürlich kein bisschen vollständig - also im besten Sinn ein Werk der literarischen Moderne. Und weil Bruckmaier nicht alle Aspekte in der Kürze der 70 Minuten dann eben nur antippt, sondern sich fokussiert auf vor allem zwei Themenstränge: Die Adaption schwarzer Musik durch weiße Künstler und die Abhängigkeitsverhältnisse, die nach dem offiziellen Ende der Sklaverei in den USA durch das neue Abhängigkeitsverhältnis der Schuldknechtschaft entstanden sind.

Sehr überzeugend ist die Entscheidung des Regisseurs, diese historischen Texte - Erinnerungen, Pamphlete, Analysen, Songtexte - zu verweben mit Musik aus der Gegenwart. Bruckmaier hat den New Yorker Multiinstrumentalisten Elliott Sharp für sein Hörspiel gewonnen. Und der schlägt eine Brücke von Nancy Cunard in die Gegenwart, ohne die Nostalgie bemühen zu müssen.

Nancys "Negro", Bayern 2, Freitag, 21.05 Uhr.

© SZ/tyc
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