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Hörfunk:Viel Applaus, wenig Geld

Die privaten Radiosender spüren die Corona-Krise mit voller Wucht, weil sie sich allein aus Werbeeinnahmen finanzieren. Der Zuspruch der Hörerinnen und Hörer macht den Machern ebenso Mut wie die Landesmedienanstalten.

Von Stefan Fischer

"Derzeit haben wir noch keine Hinweise auf akut drohende Insolvenzen", sagt Siegfried Schneider, Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM). Das ist aber auch schon die beste Nachricht zur wirtschaftlichen Lage der privaten Radiosender. Die Corona-Krise bedroht sie in besonderem Maß, da der Verkauf von Werbezeiten ihre einzige Einnahmequelle ist. Schon im März lagen die Werbebuchungen zwischen 25 und 30 Prozent unter den Erwartungen, im April werden zwischen 70 und 80 Prozent der Einnahmen fehlen, für den Mai ist Ähnliches zu befürchten - diese Zahlen nennt nicht nur Siegfried Schneider, sie sind unisono zu hören in der Branche.

Selbst wenn sich die Lage in vier bis sechs Wochen wieder stabilisieren sollte, so schätzt Klaus Schunk, Vorsitzender des Fachbereichs Radio und Audiodienste im Verband privater Medien (Vaunet) und Geschäftsführer des badischen Senders Radio Regenbogen, werden die privaten Wellen aufs Jahr gesehen ein Drittel ihrer Einnahmen verlieren: "Kein Privatradio wird in diesem Jahr seine Kosten decken können." Sven Thölen, Geschäftsführer von Radio NRW, pflichtet ihm bei. Er rechnet frühestens für das vierte Quartal damit, bei den Werbeeinkünften wieder die Planzahlen zu erreichen. Radio NRW ist der Anbieter eines Rahmenprogramms für die 45 Lokalradios in Nordrhein-Westfalen.

Aktuell greifen die Privatradios auf ihre Liquiditätsreserven zurück und nehmen Stundungen in Anspruch, etwa für die Zahlung der Umsatz- und der Gewerbesteuer und bei den Gema-Abgaben. Auch ließen sich Sachkosten reduzieren, etwa bei der Programmforschung und beim Marketing. "Aber da muss man eine Balance wahren, weil diese Ausgaben mittel- und langfristig wichtig sind für die Sender", sagt Thölen.

Einige Wellen haben Kurzarbeit angemeldet, auch wenn das für Radiosender eine schwache Option ist: Die Arbeit nimmt wie in allen Medienunternehmen derzeit zu, das Informationsbedürfnis ist enorm. Georg Dingler, Geschäftsführer von Radio Gong München, bestätigt das: "Wir bekommen sehr viele Rückmeldungen von unseren Hörern. Anscheinend treffen wir einen richtigen Ton." Die privaten Radios könnten derzeit ihre Stärke ausspielen: "Wir sind für die Hörer zurzeit auch deshalb besonders wichtig, weil wir sie nicht nur informieren, sondern auch unterhalten und ablenken", so Sven Thölen von Radio NRW.

Die Sender hoffen aktuell, dass sie durchhalten, bis sich die Situation bessert. Georg Dingler telefoniert derzeit viel mit seinen Werbekunden: Einige bleiben treu und haben ihre Spots verändert - "sie werben für Onlinekäufe oder weisen auf ihren digitalen Service hin, vor allem Banken. Andere machen Imagewerbung." Für viele ergibt es im Moment jedoch einfach keinen Sinn zu werben. "Aber die steigen sofort wieder ein, sobald sich die Lage bessert", ist Dingler überzeugt: "Insofern bin ich sehr zuversichtlich - wenn bis Anfang Mai eine Normalisierung eintritt."

Aber selbst dann wäre die Krise noch nicht überstanden. "Wenn nicht eingegriffen wird, kann es im Verlauf des Jahres zu einer Marktbereinigung kommen", befürchtet Klaus Schunk von Vaunet. Der Verband hat dieser Tage einen Brandbrief versandt an das Bundeswirtschafts- und das Bundesfinanzministerium, an sämtliche Ministerpräsidenten und Staatskanzleien sowie die Direktoren der Landesmedienanstalten. Darin fordern die Vertreter des privaten Rundfunks Hilfen: "Ohne Unterstützung geht den privaten Hörfunkveranstaltern für die Dauer von zwei bis drei Jahren jegliche Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Programmangeboten der öffentlich-rechtlichen Anstalten verloren."

Die BLM hat Schunk auf seiner Seite: "Die aktuelle Situation bringt das gesamte duale Rundfunksystem in Schieflage", sagt deren Präsident Siegfried Schneider. Vaunet möchte unter anderem erwirken, dass bis Jahresende die Kosten für die Ausstrahlung der Programme übernommen werden - nach den Personalkosten ist das der zweitgrößte Posten in den Etats der Sender, und er lässt sich über Einsparungen nicht reduzieren. Auch sollen die Lizenzen jener Sender, die in den nächsten drei Jahren auslaufen, rasch verlängert werden, das erhöhe die Planungssicherheit und die Verhandlungsposition gegenüber Banken.

Die Privatsender fühlen sich von den Landesmedienanstalten ernstgenommen. Als Aufsichtsorgane des privaten Rundfunks befänden sie sich in konstruktiven Dialogen mit den Landesregierungen, heißt es allenthalben. Und noch etwas mache Mut, wie Georg Dingler von Radio Gong München über seine Mitarbeiter sagt: "Speziell in Krisenzeiten merkt man, wie unglaublich gut das Team ist."

© SZ vom 15.04.2020
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