Sat1-Film über häusliche Gewalt:Ehedrama in der heilen Welt

Lesezeit: 2 min

Die Ungehorsame

Leonie (Felicitas Woll) wird von ihrem Mann Alexander (Marcus Mittermeier) misshandelt.

(Foto: Sat.1/Britta Krehl)

Jeder vierten Frau in Deutschland wurde schon vom eigenen Partner Gewalt angetan. "Die Ungehorsame" greift dieses Thema auf - und entblößt eine Gesellschaft, die wegschaut, sobald etwas nicht in die perfekte Welt passt.

Von Julia Weigl

In Deutschland wird Studien zufolge jede vierte Frau Opfer von häuslicher Gewalt. Das ist eine schlimme Zahl für eine Gesellschaft, die sich die Gleichberechtigung in die Verfassung geschrieben hat. Bereits der Begriff "häusliche Gewalt" umreißt das Problem: Die Gewalttaten finden zu Hause statt - hinter verschlossenen Türen, meist ohne Zeugen. Niemand hat Einblick in diese Welt. Und bis jemand etwas merkt, ist es oft zu spät.

Am Anfang wirkt Leonie wie eine unterkühlte Hausfrau

Genau an diesem Punkt setzt das TV-Drama Die Ungehorsame von Holger Haase ein, das Sat 1 mit einer anschließenden Dokumentation (Verdammt verliebt - Mein Ausweg aus der Ehehölle) zeigt: Der Spielfilm rollt die Geschichte um das Ehepaar Leonie (von Lolle aus Berlin, Berlin, Felicitas Woll, unheimlich und roh gespielt) und Alexander (Marcus Mittermeier) von hinten auf.

Zu Beginn sitzt Leonie in ihrem weißen Kleid auf ihrem weißen Ledersofa in ihrem weißen Designer-Wohnzimmer. Ihr Blick ist leer, ihr Körper blutverschmiert. Sie hat Alexander mit einer Tranchiergabel erstochen. Am Anfang wirkt Leonie wie eine unterkühlte Hausfrau, die ihren Mann brutal ermordet hat. Aber nach und nach deckt der Film vorsichtig und entschleunigt auf, wie Leonies Leben wirklich war, und erzeugt so zunehmend Empathie beim Zuschauer.

Alexander ist ein gewalttätiger Kontrollfreak

Im Zentrum stehen zwei stereotype Lebensgeschichten: Leonie hatte immer Pech mit Männern. Der Vater ihres Sohnes ließ sie kurz nach dessen Geburt im Stich, dann blieb sie lange allein und kümmerte sich um ihre kleine Goldschmiedwerkstatt. Bis sie irgendwann Alexander, einen sympathischen und gut aussehenden Radiologen, kennen lernt - den perfekten Mann.

Er überrascht sie mit Rosen, kauft ihr ein Designerhaus in der Berliner Vorstadt und will sie heiraten. Aber bald entpuppt sich die heile Welt als Ehedrama, denn Alexander ist ein gewalttätiger Kontrollfreak. So wird das eigene Heim für Leonie zu einem Käfig, aus dem sie nicht mehr ausbrechen kann. Alexander wiederum wurde als Kind von seinem autoritären Vater misshandelt.

Dennoch sind in dieser Welt Frauen keine gelähmten Opfer

Leonie lässt sich, gezeichnet von ihren negativen Erfahrungen mit Kerlen, von dem netten Traummann verführen, und genau dieser stellt sich dann als brutaler Patriarch heraus. Es sind genau diese Zuspitzungen, die den Film beklemmend realistisch wirken lassen.

Denn er entblößt eine Gesellschaft, die an das Gute im Menschen glauben möchte und wegschaut, sobald etwas nicht in die perfekte Welt passt. Dennoch sind in dieser Welt Frauen keine gelähmten Opfer: Vor Gericht wird Leonie von einer hoch motivierten, jungen Strafverteidigerin verteidigt und das Urteil fällt am Schluss eine patente Richterin. Die Männer können da nur schweigend zusehen.

Die Ungehorsame, Sat1, 20.15 Uhr

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