Fußball-WM in Brasilien:Die Barbaren kommen

Fußball-WM in Brasilien: Gegen die Welle von WM-Besuchern aus der sogenannten Ersten Welt müssen Vorkehrungen getroffen werden, findet Blog-Autor Emir Sader.

Gegen die Welle von WM-Besuchern aus der sogenannten Ersten Welt müssen Vorkehrungen getroffen werden, findet Blog-Autor Emir Sader.

(Foto: Screenshot)

Vorsicht Bananenrepublik! In den Medien werde Brasilien als brodelnder Kessel voller Konflikte dargestellt, wettert Soziologe Emir Sader in seinem ironischen Blog. Er möchte die Brasilianer nun umgekehrt seelisch auf die WM-Besucher vorbereiten.

Von Michaela Metz

Vorsicht, möchte man besorgt Brasilienreisenden hinterher rufen, hier droht an jeder Straßenecke ein Überfall! Vorsicht vor geldgierigen Taxifahrern und korrupten Polizisten. Und die Drogen in den Drinks, die dem unbedarften Fan zum Verhängnis werden können . . .

Doch auch die Brasilianer haben Bedenken gegenüber der Welle, die zur WM auf sie zurollt. Was sind das für Leute, die da kommen, aus der sogenannten Ersten Welt? Zur Party in der ehemaligen Kolonie Brasilien, der Bananenrepublik. Da müsse man Vorkehrungen treffen, schreibt der Philosoph und Soziologe Emir Sader, einer der bekanntesten Theoretiker der brasilianischen Linken, in seinem ironischen Blog des Online-Magazins "Carta Maior".

Seine Stimme im Netz steht exemplarisch für eine digitale Öffentlichkeit, die abseits der meist erzkonservativen Printmedien in Brasilien unzensiert Kritik übt, ein Meinungsforum, das durchaus politisch inkorrekt daherkommt, überzogen, radikal. Via Facebook reicht diese Nische enorm weit, von Brasilien über Kalifornien bis Bayern. Zehntausende folgen Sader in den sozialen Netzwerken, darunter Mark Zuckerberg - und Peter Gauweiler.

Bewaffnet mit Vorurteilen und Klischees

"Der Brasilianer ist bekannt für seine Sympathie, seine Freundlichkeit auch den Touristen gegenüber. Aber es gilt, Vorkehrungen zu treffen." Eine große Menge Touristen, bewaffnet mit Vorurteilen und Klischees. Viele hielten Brasilien für ein Paradies für Sex und Drogen. Viele Fans - besonders die Europäer - verhielten sich respektlos gegenüber Menschen mit geringem Lebensstandard oder anderer Ethnien.

"Deshalb werfen sie Bananen nach schwarzen Fußballspielern. Hier ist Diskriminierung eine Straftat, das ist in der Verfassung festgeschrieben", wettert der Blogger mit libanesischen Wurzeln. In Europa sei die extreme Rechte die politische Kraft, die am meisten wachse. Sie attackiere die Rechte der Immigranten, wolle sie aus ihrem Land vertreiben. "Die Brasilianer müssen Leute ohne jegliche Erziehung ertragen, die glauben, sie seien die Zivilisierten, die die Barbaren besuchen. Die halten sich für demokratisch und wissen doch nicht, wie man mit Menschen anderer Ethnien, anderer Lebensart und anderen Werten zusammenlebt."

Doch der Carioca in Rio läuft ebenso smartphone-fixiert durch die Stadt wie jeder andere Großstädter der Welt oder cruist mit seinem schnittigen Ebike (und zwar nicht mit einem dieser 20-Kilo-Monster, die man in Deutschland allerorten sieht) durch die Zona Sul. Und in den Favelas? Auch wenn in Deutschland nur von Befriedungsaktionen und Drogen die Rede ist, gibt es dort Kulturprojekte, Filmemacher, Graffitikünstler, Autoren, Studenten und ganz normale Leute.

Brasilien werde in den Medien als ein brodelnder Kessel voller Konflikte und Gewalt dargestellt, der im Begriff sei zu explodieren. Dabei sei in Europa die Arbeitslosenrate extrem hoch. "Wir werden überleben", schließt Emir Sader, schon deshalb, "wiel wir uns ein wenig über die hochnäsigen 'Gringos' lustig machen werden." Am Mittwoch postete er auf seiner Facebookseite "Imagine na Copa", in Anspielung auf John Lennons "Imagine"-Song von 1971 - das Bild eines brasilianischen Fußballers mit Lennons Kopf.

© SZ vom 06.06.2014/nema/pak
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