Frankreich:Sein Spiel

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Im Jahr 2013 ließ sich der Journalist Robert Ménard mit Hilfe des Front National zum Bürgermeister wählen.

(Foto: AFP)

Die Nachrichtenagentur AFP verklagt Robert Ménard, den Gründer von Reporter ohne Grenzen. Ihm dürfte die Geschichte gelegen kommen.

Von Joseph Hanimann

Medienwirksames Engagement ist die hauptsächliche Konstante im Leben dieses Mannes, doch manchmal schlägt sie zurück. Der heute 62-jährige Journalist Robert Ménard hat 1985 nach dem Vorbild von Ärzte ohne Grenzen die Organisation Reporter ohne Grenzen gegründet, die sich rund um die Welt für die Pressefreiheit und für verfolgte Journalisten einsetzt. Von 2008 an leitete er vorübergehend das in Doha gestiftete Zentrum für Informationsfreiheit, war dann wieder als Journalist tätig und ließ sich 2013 mithilfe des rechtsextremen Front National zum Bürgermeister der südfranzösischen Stadt Bézier wählen. In dieser Funktion ist er nun von der Nachrichtenagentur AFP wegen Fälschung eines ihrer Pressefotos gerichtlich verklagt worden.

In der Rolle des Zensierten, Geschmähten, Verfolgten hat Ménard sich schon immer gefallen

In der letzten Ausgabe des Gemeindeblatts Journal de Bézier ist ein Foto mit Flüchtlingen beim Gedränge um einen Zug zu sehen, auf dessen Fenstern die Redaktion zwei Aufschriften ins Foto hineinmontiert hat. "Bézier 3 865 km" ist da zu lesen und die Worte "Kostenlose Einschulung, Unterkunft und Sozialgeld für alle" - das ganze unter dem Titel "Sie kommen". Gemeint sind die Flüchtlinge.

Die AFP klagt nun wegen Produktfälschung und verlangt in ihrem Namen sowie in dem des Fotografen, der das Bild im vergangenen Juni in Mazedonien aufgenommen hat, je 30 000 Euro Schadenersatz. Ménard zeigt sich erstaunt über diesen Schritt und erklärt mit gespielter Unschuld, in seinem Gemeindeblatt würden die Fotos doch immer bearbeitet.

Die Gerichtsklage kommt diesem Medienprofi aber wohl eher gelegen und erlaubte ihm, als ein Zensierter, Geschmähter, Verfolgter durch die Fernsehstudios zu ziehen. In dieser Rolle hat sich Robert Ménard, bekannt für seinen oft rechthaberischen Ton, schon immer gefallen. Denn kaum war das Journal de Bézier erschienen, schob er sogleich eine neue Provokation hinterher.

Mit der blau-weiß-roten Binde seines Bürgermeisteramts über der Brust suchte er vor den laufenden Kameras eine Wohnsiedlung seiner Stadt auf, um den syrischen Flüchtlingen, die sich dort einquartiert hatten, mit erhobenem Zeigefinger zu erklären, sie seien hier unerwünscht, sie sollten verschwinden, er würde sie vertreiben lassen. Dass ein Bürgermeister dafür keine Befugnis hat, ist ihm klar. Doch geht es ihm um die Bilder, die bei seinen Wählern und bei den Sympathisanten des Front National im ganzen Land gut ankommen.

In seiner Stadt Bézier unternimmt der im französischen Algerien geborene Ménard gern symbolische Aktionen wie die Umbenennung von Straßen und Plätzen. Die Straße des 19. März 1962, des Datums des französisch-algerischen Waffenstillstands, hat der Bürgermeister kurz nach seiner Wahl in den Namen eines französischen Kämpfers gegen die Unabhängigkeit Algeriens umbenannt. Bei seinem Gemeindeblatt zögert Ménard auch nicht, direkt ins Redaktionelle einzugreifen, und lässt unliebsame Regionalzeitungen offen kritisieren. Die im nahen Montpellier erscheinende Zeitung Midi libre, die ihn auch gern kritisiert, ist ein besonders häufiges Ziel seiner öffentlichen Zurechtweisungen.

Dieses Doppelspiel auf der Grenzlinie zwischen politischer Macht und journalistischer Gegenmacht hat dem Bürgermeister Ménard die Rüge des Innenministers Bernard Cazeneuve im Senat eingebracht. Politiker haben auch eine offene Petition an den Staatspräsidenten Hollande gestartet, die schon 4500 Mitunterzeichner gefunden hat. Sie verlangen darin die amtsrechtliche Absetzung des Mannes, der mit seinen Aktionen systematisch die Regeln der Republik torpediere.

Für den Betroffenen wäre das nur die Bestätigung seiner Strategie: als politischer Verantwortungsträger zu handeln - und zugleich als Opfer zu protestieren.

© SZ vom 21.09.2015
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