Fotogeschichte Grüße aus Ostpreußen

Neue Interpretation für ein lange bekanntes Foto von Adolf Hitler und Benito Mussolini am 20. Juli 1944 in der Wolfsschanze.

(Foto: Gamma-Keystone via Getty Images)

Wie die amerikanische Nachrichtenagentur AP mit einem berühmten Bild von Hitler und Mussolini noch kurz vor Kriegsende die Nazi-Propaganda unterstützte.

Von Willi Winkler

Im Roman Fatherland von Robert Harris endet der Zweite Weltkrieg mit einer Teilung der Welt zwischen den USA und Nazi-Deutschland. Hitler lebt und strebt zu seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag die Aussöhnung mit Amerika an. Der Roman ist natürlich reine Erfindung: Das Ende Hitlers begann im Dezember 1941, als die USA in den Krieg gegen Deutschland eintraten.

Bisher durfte man annehmen, dass damit jede Art der Nachrichtenübermittlung zwischen den beiden Länder unterbunden war. Amerikanische Korrespondenten wurden interniert und dann gegen deutsche Reporter in Amerika ausgetauscht. Die Blockade schien so total zu sein wie der Krieg. Auch der ausgesprochen deutschfreundliche Leiter der Nachrichtenagentur AP, Louis P. Lochner, musste das Land verlassen. Die Agentur überließ er einem SS-Mann namens Willy Brandt, den nichts mit dem späteren Bundeskanzler verbindet. Brandt organisierte für die AP, die jetzt als "Büro Laux" firmierte, einen erstaunlichen Bild-Tausch zwischen den USA und Nazi-Deutschland, dessen ganzes Ausmaß erst jetzt langsam bekannt wird. Es zeigt sich: die Branche hielt trotz allem zusammen.

Ein Kurierflugzeug brachte ausgewählte Fotos jeden Tag zuerst nach Lissabon und dann auch nach Stockholm, von wo sie in die USA übermittelt wurden. Auf dem umgekehrten Weg gelangten Bilder von der anderen Seite nach Deutschland, wo sie zuerst Hitler, Himmler und dem Außenminister Ribbentrop vorgelegt wurden.

Mit dem Foto zeigte man der Welt, dass Hitler nicht zu schlagen war

Auf diese Weise, hat der Stuttgarter Zeithistoriker Norman Domeier herausgefunden, wurden zwischen 1942 und 1945 ungefähr vierzigtausend Bilder zwischen den sich erbittert bekriegenden Ländern getauscht. Domeier kann jetzt für ein bekanntes Foto eine vollkommen neue Interpretation anbieten. Es zeigt Hitler und Mussolini am 20. Juli 1944 in der Wolfsschanze, dem Tag, als Stauffenberg das Attentat unternahm, das Hitler nur leicht verletzte. "Im Schutze der Vorsehung" lautete die Bildunterschrift in der Zeitschrift Berlin- Rom - Tokio, die als Propagandaunternehmen vom Außenministerium betrieben wurde. Der Bildnachweis nennt Gerd Baatz als Fotografen und das Büro Laux als Agentur. In der New York Herald Tribune, die das Foto wie ein knappes Dutzend weiterer amerikanischer Zeitungen am 23. Juli bringt, ist aus "Laux" ein Foto von Associated Press geworden. Dank AP konnte Hitler von Ostpeußen aus aller Welt demonstrieren, dass er nicht zu schlagen war.

Von AP in New York kommt die überraschende Stellungnahme, dass die Tauschaktion 1942 von der "US-Regierung autorisiert" worden sei. Nachfragen beim US-Verteidigungs- und Außenministerium wurden nicht beantwortet.

Nach 1945 kam Lochner nach Deutschland zurück, ließ sich von Brandt das AP-Material zurückerstatten und setzte sich für die rasche Entnazifizierung seines Prokuristen ein. Lochners Enkelin Anita wurde eine bekannte Schauspielerin und wirkte 1976 in der Salzburger Premiere von Thomas Bernhards Macht der Gewohnheit mit, der Komödie mit dem Refrain "Morgen in Augsburg". Die Geschichte von AP muss nicht umgeschrieben werden, könnte aber ohne Weiteres unter dem Arbeitstitel "Heute Wolfsschanze, morgen New York" neu erzählt werden.