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Filmwelt überwindet Rassendiskriminierung:Wunderschöner Albtraum

HOLLYWOOD

An einer stilechten Ausstattung hat es bei der Netflix-Miniserie „Hollywood“ gewiss nicht gefehlt.

(Foto: Saeed Adyani/Netflix)

Die spektakulär angelegte Netflix-Serie "Hollywood" scheitert nach einem großartigen Beginn an den eigenen sehr hohen Ansprüchen.

Von Jürgen Schmieder

Worum geht es hier eigentlich? Wer sich beim Betrachten von Hollywood diese Frage stellt, bemerkt schnell das fundamental Falsche an dieser Serie - was umso krasser wirkt, weil diese Mini-Serie so wunderbar produziert ist (möge Designer Matthew Ferguson bitte schön sowohl Emmy als auch Golden Globe bekommen) und an Darstellern (mögen Patti LuPone, Jim Parsons und Dylan McDermott sämtliche Awards abräumen, derer sie habhaft werden können) das Tollste aufbietet, was die Unterhaltungsbranche derzeit zu bieten hat. Die Botschaft jedoch, die Erfinder Ryan Murphy sendet, ist derart naiv und selbstgerecht, dass es sogar gefährlich ist.

Es geht um die amerikanische Filmbranche der 40er-Jahre, das sogenannte goldene Zeitalter in Hollywood, und die ersten Folgen sind tatsächlich eine messerscharfe Analyse dieser Zeit - Hollywood liefert seit jeher einige der besten Stoffe (Sunset Boulevard, The Player, Mulholland Drive), wenn es einen bitterbösen Blick in den Spiegel wirft. Gezeigt wird eine dekadente Stadt mit degenerierten Einwohnern: Schauspieler, die sich für Erfolg prostituieren. Der Kotzbrocken-Agent, der sexistische Studioboss, der rassistische Anwalt - alle spielen ihre Rolle, jeder hält sich selbst für die Sonne und bleibt doch nur ein winziger Planet in diesem System.

Die Zuschauer betrachten diese grandios komponierten Szenen mit der gleichen angewiderten Faszination, mit der sie bereits Mad Men über die Werbebranche im New York der 60er-Jahre geguckt haben - doch irgendwann wird dieser Spiegel verzerrt, weil Murphy eine fiktive Ebene einführt und wahre Begebenheiten mit Wunschdenken vermischt: Das Drehbuch des schwulen Afroamerikaners wird verfilmt, die Hauptdarstellerin ist dunkelhäutig, ihre Kollegin asiatisch - genehmigt wird das alles von einer resoluten Frau, die nach dem Herzinfarkt ihres Mannes zur Studiochefin aufsteigt. Das gewagte Projekt wird ein wahnwitziger Erfolg, gesellschaftlich wie kommerziell, und bei der Oscarverleihung outet sich Nebendarsteller Rock Hudson (ja, genau der) als homosexuell. Hach, wäre so eine Welt nicht wunderbar?

Das wäre sie wirklich, und zahlreiche Alternative-Realität-Produktionen haben zuletzt grandios funktioniert: Quentin Tarantino etwa hat im Nazijäger-Spektakel Inglourious Basterds Adolf Hitler in einem Kino getötet und in seiner Liebeserklärung an die Filmindustrie Once Upon a Time in Hollywood die Schauspielerin Sharon Tate am Leben gelassen. Die Amazon-Serie The Man in the High Castle thematisiert den Gedanken, wie die Welt wohl aussehen würde, hätten die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen.

Die erste Botschaft lautet ohne einen Funken Ironie: "Filme können die Welt verändern."

Es ist ein Balanceakt auf dünnem Seil, und Hollywood stürzt deshalb, weil es den Kampf gegen Rassismus und Sexismus verniedlicht und verhohnepipelt. Worum geht es hier eigentlich? Die erste Botschaft lautet, ohne einen Funken Ironie vorgetragen: Filme können die Welt verändern. Das ist eine naive und selbstherrliche Betrachtungsweise der eigenen Branche, letztlich jedoch harmlos, sie überhöhen sich nun mal gerne selbst in Hollywood, das ist schon okay.

Gefährlich wird es auf der zweiten Ebene: Die Serie legt nahe, dass die Welt eine andere wäre, wenn ein paar Leute im Hollywood der 40er-Jahre ein bisschen mutiger gehandelt hätten. Der Rest, ach, der Rest hätte sich dann schon von selbst ergeben.

Das ist freilich eine Ohrfeige für all jene, die in den letzten 80 Jahren gegen Widerstände gekämpft haben, die mutig gewesen und dennoch aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht oder sexueller Orientierung gescheitert sind. Murphy präsentiert, und man verrät damit wirklich nicht zu viel, es ist von Beginn an abzusehen, das Happiest Ending Possible, ermöglicht durch die Filmbranche; dabei weiß er doch aus seiner Erfahrung als einer der genialsten Geschichtenerzähler (Glee, Nip/Tuck, American Horror Story): Das fröhlichstmögliche Ende ist nur selten auch das beste.

Murphy verwendet als Referenzpunkt die Südstaaten-Saga Vom Winde verweht, er zeigt daran virtuos die Magie der Kunstform Film und die Verdorbenheit der Industrie dahinter: Wie Vivien Leigh daran leidet, auf ihre Darstellung der Scarlett O'Hara reduziert zu werden. Wie die Afroamerikanerin Hattie McDaniel von der Oscarverleihung ausgeschlossen wird, und wie ihr danach trotz des Erfolgs keine ordentlichen Rollen mehr angeboten werden: "Es war, als wollte mich diese Stadt dafür bestrafen, dass ich gewonnen habe."

Das sind große Momente voller ehrlicher Trauer, und die hätten gereicht, um eine grandiose Serie zu tragen. Hätte sich Murphy darauf konzentriert zu zeigen, dass dieses vermeintlich goldene Zeitalter in Hollywood in Wirklichkeit eine todtraurige Ära gewesen ist, hätte er die letzten vier Episoden so gestaltet wie die ersten drei: Hollywood wäre der Favorit auf sämtliche Preise, die diese Branche zu vergeben hat. Er will jedoch zu viel, das Projekt ist zu ambitioniert, und es verliert den Blick auf das, worum es eigentlich hätte gehen sollen. Wer alles sein will, ist am Ende gar nichts mehr.

Hollywood, Netflix.

© SZ vom 11.05.2020
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