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Fernsehen:Wenn der Kopf einfach abschaltet

"Mind Control your TV": Die BBC führt in einem Video vor, wie Testpersonen mit der neuartigen Fernbedienung umgehen - und was sie von dem Experiment berichten

(Foto: BBC)

Die BBC testet eine neuartige Fernbedienung: Sie soll TV-Zappen alleine durch Gedankenkraft ermöglichen.

Das ist die Chance, endlich Jedi-Ritter zu sein! Endlich den Fernseher per Gedankenkraft zu steuern, statt die Fernbedienung in der Sofaritze zu suchen. Wenn es nach der BBC in Großbritannien geht, könnte so die Zukunft des Fernsehens aussehen. Der britische TV-Sender testet seit einigen Monaten einen futuristischen Kopfaufsatz. Mit ihm kann man den Fernseher anschalten und auf der BBC-Streaming-Plattform iPlayer einen von mehreren Sendern auswählen. "Das ist im Wesentlichen Telekinese", sagt einer von zehn begeisterten Testern in einem Video auf der Homepage des Senders.

Nein, die Geschichte ist kein Marketing-Gag. Seit mindestens fünfzehn Jahren experimentieren Forscher mit sogenannten Gehirn-Computer-Schnittstellen. Sie basieren auf dem Prinzip, dass das Gehirn aktiv wird, wenn man an eine bestimmte Tätigkeit denkt. Je nachdem, welche Tätigkeit das ist, werden unterschiedliche Regionen des Denkorgans aktiv. Diese Gehirnaktivität erzeugt schwache elektrische Signale, die man mit Sensoren messen kann.

Das machen sich auch Mediziner zunutze, die gelähmten Menschen helfen wollen. Die Patienten bekommen Helme aufgesetzt, die an Badehauben erinnern und die auf Gehirnströme reagieren. So können Menschen zum Beispiel den Cursor auf einem Bildschirm bewegen oder dem Computer Buchstaben diktieren. Einzelne Gedanken lassen sich mit der Technik allerdings nicht identifizieren, dazu geht es im menschlichen Schädel viel zu chaotisch zu.

Was der Zuschauer über ein Programm genau denkt, kann das Gerät leider auch nicht erkennen

Der von einem Londoner Start-up entwickelte Prototyp einer gedankengesteuerten Fernbedienung, den die BBC nutzt, ist viel primitiver als die ausgeklügelten Medizingeräte. Optisch erinnert das Gerät, mit dem die BBC experimentiert, an ein handelsübliches Headset. Ein Clip kommt ans Ohrläppchen, ein Plastikbügel wird auf die Stirn gedrückt. Der Apparat kann lediglich zwei Gehirnzustände erkennen: Volle Konzentration und totale Entspannung. Die Nutzer können sich aussuchen, ob sie lieber Entspannung oder Konzentration als Signal auswählen. Gibt ein Benutzer dann auf diese Art ein Zeichen, registriert das der Sensor nach einigen Sekunden - und wertet es als Signal, den Fernseher anzuschalten. Anschließend durchläuft die auf dem TV installierte Software langsam eine Liste von Kanälen. Der Nutzer hat jeweils zehn Sekunden Zeit, einen auszuwählen, indem er bewusst relaxt oder an etwas Vertracktes denkt.

Ein Video der BBC zeigt, wie das in der Praxis so funktioniert (www.bbc.co.uk/programmes/p02tx270). "Das funktioniert im Prinzip bei jedem", sagt Klaus-Robert Müller von der TU Berlin, ein Experte für Gehirn-Computer-Schnittstellen. Er glaubt, dass Geräte dieser Art im Unterhaltungsbereich einen Markt finden könnten. Allerdings messe der BBC-Prototyp mitnichten nur Hirnsignale. Das Headset reagiere deutlich stärker darauf, wenn sich Muskeln im Gesicht anspannen - was zwangsläufig passiere, wenn Leute die Augen schließen, um sich mental zu konzentrieren oder zu entspannen. "Die Geräte verkaufen sich aber natürlich besser, wenn 'Hirnsignal' draufsteht", sagt Müller. Das klingt schließlich geheimnisvoller.

Bei der BBC wird betont, dass man in Sachen Gedankensteuerung noch ganz am Anfang stehe; die Technik könnte für körperlich eingeschränkte Menschen interessant sein. Klaus-Robert Müller vermutet, dass auch Fernsehjunkies so ein Headset gerne ausprobieren werden. Wenn sie merken, wie mühsam das Zappen per Gedankenkraft ist, werden sie vielleicht doch schnell wieder zu einer handelsüblichen Fernbedienung greifen. Das deutete sich bereits beim Test der BBC an. "Das ist viel langsamer, als wenn ich eine Fernbedienung benutze", sagte da eine Testerin. Wie Luke Skywalker als Jedi-Ritter die Sache sieht, ist nicht bekannt.

© SZ vom 10.08.2015
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