Fernsehen Kann das weg?

Drittsendezeiten wurden einst eingeführt, um Meinungsvielfalt im deutschen Privatfernsehen zu sichern. Eine Spurensuche mit der Fernbedienung nach den wilden Sendungen jenseits des Mainstreams.

Von Benedikt Frank

Nachts durchs private Fernsehprogramm gezappt, und auf einmal saß da Helge Schneider in SS-Uniform und gab sich als Alfons Hitler aus. Alexander Kluge, heute 86, interviewt den angeblichen Großgroßneffen des deutschen Diktators, bis dieser sagt: "Ich bin kein Nazi. Ich hab nur eben von den Leuten keine anderen Sachen zum Anziehen gekriegt." Man kann das als Parodie auf das Tagesprogramm aus inszenierten Skandalen und Reality verstehen. Meist war Kluges Talkformat 10 vor 11 auch sonst das genaue Gegenteil des auf Masse zielenden RTL-Programms: Lange Interviews mit Künstlern, Schriftstellern, Regisseuren, Forschern bei meist gleicher Kameraperspektive. Ende Juni lief nach etwa 30 Jahren und mehr als 1500 Ausgaben die letzte Folge. Das Fernsehen ist nun eintöniger.

Kluges Sendung war ein Fremdkörper im Privatfernsehen, eine Sendung, wie sie nur die Drittsendezeitenregelung ermöglichen konnten: Unter bestimmten Voraussetzungen müssen private Sender Programme von unabhängigen Produzenten finanzieren und zeigen, auch wenn sie nicht dem sonstigen Programm entsprechen. Ein bedrohter Freiraum. Ab einem Marktanteil von zehn Prozent pro Sender oder 20 Prozent pro Sendegruppe müssen Dittsendefenster öffnen. Laut Rundfunkstaatsvertrag soll das die Meinungsvielfalt sichern. Abgesehen davon, dass das in Zeiten des Internets ohnehin anachronistisch wirkt, könnte damit angesichts sinkender Quoten bald Schluss sein.

Was das bedeutet, bekommt schon heute Sylvia Fahrenkrog-Petersen zu spüren. Als Chefin der "Good Times Fernsehproduktions GmbH" verantwortet sie die Gesprächssendung Dinner Party , die auf einem Drittsendeplatz in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch um viertel nach Zwölf auf Sat 1 zu sehen ist. Abwechselnd moderieren Oliver Pocher und Ariana Baborie die Sendung. "Für die Vielfalt und kleine Produktionsfirmen ist es schön, dass es die Drittsendezeiten gibt", sagt die Produzentin. Sie sei "auf jeden Fall" dafür, die Schwelle für die Verpflichtung der Sender zu senken. Denn diese ist schon jetzt umstritten, zum Nachteil ihrer Firma.

ProSiebenSat 1 lag zuletzt 2015 über dem 20-Prozent-Marktanteil. Ringen private Sender normalerweise wegen der Werbeeinnahmen um möglichst hohe Zuschauerzahlen, geht es seitdem darum, Richter zu überzeugen, dass die gemeinsame Quote zu gering für die Drittsendezeit sei. Zuletzt wurde vom Oberverwaltungsgericht Koblenz entschieden, dass Sat 1 als reichweitenstärkster Sender der Gruppe das Fenster zeigen muss, da ohnehin nur um 0,2 Prozent der Gesamtsendezeit der Gruppe betroffen sind. Meinungsvielfalt sei wichtiger als die Autonomie des Senders. Die nächsten Instanzen könnten aber anders entscheiden und die Dinner Party platzen lassen. Good Times ist damit nicht zufrieden. Der Platz auf Sat 1 wurde der Firma für fünf Jahre versprochen. Produzentin Fahrenkrog-Petersen sagt, das neue Studio drohe zum Verlustgeschäft zu werden, etwa zehn Arbeitsplätze hingen an der Produktion.

Und welche Bedeutung haben die Drittsendeplätzen heute inhaltlich noch? Was dort heute im Namen der Vielfalt läuft, fällt jedenfalls längst nicht mehr aus dem Rahmen wie Kluges lange Gespräche: Auf RTL gibt es dienstags um 19 Uhr Life - Menschen, Momente, Geschichten, ein Unterhaltungsmagazin. Darin geht es etwa um die teure Deko eines Kreisverkehrs, um das Leben im Gefängnis oder mit Glasknochenkrankheit. Auf Sat 1 läuft samstags zur gleichen Zeit das nicht minder unauffällige Reisemagazin Grenzenlos. Gewichtigere Produktionen sendet man eher versteckt nachts, wie das Nachrichtenmagazin Spiegel TV auf RTL oder Focus TV auf Sat 1. Der Reportagereihe Die Alltagskämpfer - ÜberLeben in Deutschland kann man mit etwas gutem Willen unterstellen, mehr an der Problematisierung von Missständen wie der Obdachlosigkeit interessiert zu sein. Sie läuft nach Mitternacht auf RTL. Im Anschluss ist dort die Dokureihe Ohne Filter - So sieht mein Leben aus! zu sehen. Deren Themen würden auch im Tagesprogramm nicht fremd erscheinen: Camping, Schützenfest, Kleingartenanlagen. Und dann ist da eben noch Dinner Party, wo wie zuvor bei 10 vor 11 geredet wird - jedoch auf ganz andere Weise.

Es geht um Gesichtsmasken und Klatschblätter, kaum intellektuelles Gefälle also

Oliver Pocher veranstaltete dort kürzlich einen Brettspielabend. Das Konzept einer anderen Folge war, dass er die Gäste vorher nicht kennt, also unvorbereitet drauflos redet. Moderiert von Ariana Baborie geht es in einer Frauenrunde etwa um Klatschblättchen als Tischdeko. Und neulich durfte eine Vertreterin in der Sendung lange über die Vorteile dozieren, sich Blattgold ins Gesicht zu massieren. Das intellektuelle Gefälle zum Normalprogramm ist, anders als bei Kluges Nachtgesprächen, kaum auszumachen. Der einzige Unterschied zum Nachmittagstalk ist, dass es in lockerer Tischrunde ohne johlendes Studiopublikum weniger hektisch zugeht. Wenn Sat 1 gegen die Drittsendezeiten klagt, dann geht es folglich gar nicht so sehr um den Inhalt, sondern ums Prinzip: Denn bei der Besetzung der Plätze haben die Sender ein Mitspracherecht, was zum Teil erklärt, warum so wenig Drittproduktionen aus dem Rahmen privater Unterhaltung fallen. "Der Sender will generell gerichtlich überprüfen lassen, ob die eigentliche Verpflichtung zur Ausstrahlung und Finanzierung unabhängiger Dritter rechtmäßig besteht", sagt eine Sat 1-Sprecherin. Man möchte alleine über die Gestaltung des Programms entscheiden.

Damit in Zukunft Klarheit herrscht, versucht die Medienpolitik nachzusteuern. Rheinland-Pfalz, Vorsitzland der Rundfunkkommission der Länder, habe einen Vorschlag zur Diskussion gestellt, heißt es auf Nachfrage. Demnach sollen Drittsendezeiten nicht mehr an die Quote geknüpft sein. Stattdessen sollen die beiden größten Senderfamilien zur Ausstrahlung verpflichtet werden.

Das wünscht sich auch Georgios Gounalakis. Als Vorsitzender der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich ist sein Auftrag die Sicherung der Meinungsvielfalt im Privatfernsehen. Für ihn ist es sinnvoll, wenn "die beiden bundesweit reichweitenstärksten Fernsehvollprogramme" zu Drittfenstern verpflichtet würden. Das würde die komplizierte und umstrittene Feststellung vereinfachen, welche Programme betroffen sind, und sicherstellen, dass es die "Vielfaltselemente" auch dauerhaft gebe.

Reformbedarf besteht schon seit vielen Jahren. Gerichtsprozesse zum Thema beschäftigen Medienanwälte seit Jahrzehnten, immer wieder geht es dabei auch um die Quotenlösung. "Eine Meinungsbildung auf Länderebene hat hierzu allerdings noch nicht stattgefunden", berichtet eine Sprecherin der Landesregierung. So schnell wird die Frage also nicht geklärt sein. Im Programm bliebe ohnehin alles beim Alten: RTL und Sat 1 müssten unabhängige Produktionen zeigen, die dann nicht mal wirklich als fremd auffallen.