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Ermittlungen gegen Ex-Premiere-Chef:Mehr als 600.000 Karteileichen?

Die Münchner Staatsanwaltschaft erhebt schwere Vorwürfe gegen den früheren Premiere-Chef Georg Kofler. Mit falschen Abo-Zahlen soll er den Aktienkurs geschönt und damit gut verdient haben. Der einstige TV-Star will von frisierten Zahlen nichts wissen.

Klaus Ott

Der Mann ist viel unterwegs, ständig auf der Suche nach neuem Geschäft. Und wenn nicht, entspannt er beim Golf. Mit seinen 54 Jahren ist er nach wie vor ein Energiebündel, Kofler Energies halt. So heißt seine Firmengruppe, die einer der "führenden unabhängigen Energiedienstleister in Deutschland" sei, wie Georg Kofler findet. Der gebürtige Südtiroler, der einst im Privatfernsehen Pro Sieben und Kabel 1 aufgebaut hat, verkauft zusammen mit 270 Ingenieuren und Technikern ein Kernprodukt: "Die gesparte Kilowattstunde."

Premiere-Chef Georg Kofler, 2005

Ein Energiebündel, für dessen Vergangenheit beim Abo-Sender Premiere sich heute die Justiz interessiert: Georg Kofler.

(Foto: REUTERS)

Ein paar Stunden mit der Justiz kann sich Kofler zu seinem Leidwesen nicht sparen. Er muss Rechenschaft ablegen über seine vorherige Tätigkeit als Vorstandschef des Abosenders Premiere, der inzwischen Sky heißt. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn und zwei weitere Ex-Manager von Premiere wegen mehrerer angeblicher Delikte: Kapitalanlagebetrug, Manipulation des Börsenkurses und unrichtige Darstellung von Unternehmenszahlen.

Sollten sich Vorwürfe bewahrheiten, könnte Kofler das teuer zu stehen kommen. Er hat 2007 am Verkauf von Premiere-Aktien gut verdient, von bis zu 100 Millionen Euro ist die Rede. Schon damals sollen falsche Angaben über den Bezahlsender in Umlauf gewesen sein. Vor allem die Zahl der Abonnenten sei überhöht gewesen.

Verliert Kofler also seine Aktienerlöse, oder zumindest einen Teil davon?

Ein Gespräch darüber kommt nicht zustande. Kofler ist schwer erreichbar. Sein PR-Berater sieht im Vergleich zu früheren Vorwürfen keine "wirklich neuen" Punkte. Dafür bietet er frei Haus Zitate an, die mit Kofler abgestimmt seien.

Der ehemalige Premiere-Chef sagt demnach, die Verdächtigungen der Staatsanwaltschaft seien "absolut unbegründet". Landgericht und Oberlandesgericht München hätten nach Klagen von Aktionären bereits festgestellt, die Premiere-Zahlen seit 2005 seien korrekt gewesen: "Kundiger und neutraler als die Gerichte kann ich diese Dinge sicher nicht bewerten."

Doch nun rollt die Münchner Staatsanwaltschaft den Fall, der Premiere schon Rügen der Börsenaufsicht Bafin eingebracht hat, noch einmal neu auf.

Falscher Börsenprospekt

Kürzlich wurden Büros und Wohnungen gefilzt, im Unternehmen Sky, bei Kofler und anderswo. Der Durchsuchungsbeschluss ist eine Kollektion heftiger Anschuldigungen. Alle Quartalsberichte von Anfang 2006 bis Mitte 2008 hätten unrichtige Abo-Zahlen enthalten, mit denen der Aktienkurs geschönt worden sei, heißt es da.

In weiteren Berichten zum Geschäftsjahr 2007 und zum ersten Halbjahr 2008 seien Risiken zum geplanten Kauf von Übertragungsrechten der Fußball-Bundesliga nicht ausreichend dargestellt worden. Außerdem sei der Börsenprospekt falsch gewesen. Und die Presse, in diesem Fall der Spiegel, sei auch noch belogen worden.

Die Berliner Wohnung Koflers und seine Villa am Tegernsee wurden gefilzt. Und doch: Der langjährige TV-Zampano blieb gelassen. Unter seiner Führung habe Premiere bis 2007 die höchsten Umsätze und besten Ergebnisse gehabt, so etwas sei nur mit "realem Geschäft" möglich. Und Gerichte hätten Schadenersatzklagen von Aktionären ja abgewiesen. So urteilte das Landgericht München unter anderem, Premiere habe stets deutlich gemacht, dass man auch sogenannte B2B-Coupons vergebe, mit denen möglicherweise ein niedrigerer Ertrag erzielt werde als mit anderen Abos.

"B2B" meint Business to Business, also von Geschäftspartner zu Geschäftspartner - Großkunden wie BP oder Otto erhielten vom Abo-TV-Betrieb aus Unterföhring bei München Coupons, die sie an ihre Kunden weitergaben.

Doch nun legt die Staatsanwaltschaft nach. Sie behauptet, beim B2B seien 620.000 Coupons überhaupt nicht als Abonnements frei geschaltet worden, also niemand habe zugeschaut. Dennoch seien diese Coupons als Abos gezählt worden. Koflers Geisterfernsehen? Auch seien Gratis-Abos für Prominente, für Journalisten und für Premiere-Angestellte einfach mitgezählt worden. Ebenso wie Kunden, die ihre Abos gekündigt hätten und im Rahmen eines Kundenbindungs-Programms noch eine Zeitlang gratis hätten zusehen dürfen.

Die "aufregendste Versuchung"

Der einstige Finanzchef Alexander Teschner soll dann auch noch den Spiegel angeschwindelt haben - im September 2008 berichtete er über falsche Abo-Zahlen. Premiere habe keine Abonnements, für die nicht bezahlt werde, versicherte er. Der gute Mann habe gewusst, dass dies falsch gewesen sei, glauben die Ermittler. Sie rechnen akribisch vor, dass der Aktienkurs um gut 50 Prozent einbrach, von 9,25 auf 4,59 Euro, als das neue Premiere-Management unter dem neuen Hauptaktionär Rupert Murdoch im Oktober 2008 die Abonnentenzahl drastisch nach unten korrigierte, von 3,5 auf rund 2,5 Millionen Euro.

Ein früherer Premiere-Kollege von Kofler entgegnet, das sei nur gemacht worden, damit der Kurs drastisch sinke, und sich Murdoch so billig mit weiteren Aktien eindecken konnte. Murdoch und die Staatsanwaltschaft sieht das anders.

Kofler wehrt sich. "Premiere hat unter meiner Führung stets korrekt berichtet", beteuert der Italiener, der früher mal in einer eigenen Fernsehserie den Skilehrer spielte. Er hat vor neun Jahren den Abosender Premiere aus der Insolvenzmasse seines Mentors Leo Kirch vor der Pleite gerettet, was niemand für möglich hielt, außer Kofler selbst natürlich. Premiere sei die "aufregendste Versuchung", seit es Fernsehen gebe, frohlockte der dynamische Manager damals. Manchmal ist eine Versuchung auch zu groß.

© SZ vom 11.06.2011
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