Dokumentation über Neukölln:Wie in Schwabing

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Wolfgang Ettlich ist in München bekannt als Betreiber einer Theaterkneipe. Geboren aber ist er in Berlin- Neukölln. Für den RBB fuhr er wieder hin und fragte: Wie ist es da heute wirklich?

Von Verena Mayer

Mit dem Stadtteil Neukölln verbindet man außerhalb Berlins vor allem zwei Dinge: die Rütli-Schule, in der alles so schlimm war, dass die Lehrer hinwarfen, und den Satz "Neukölln ist überall". Der stammt vom scheidenden Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky, der seinen Bezirk als Antibotschafter zum Synonym dafür machte, was alles schief gehen kann in einer Stadt. Nur: Stimmt das? Wie sieht es in Neukölln wirklich aus? Den Fragen ist der Regisseur Wolfgang Ettlich nachgegangen, auch aus persönlichem Interesse: Ettlich ist 1947 in Neukölln geboren, hat 20 Jahre da gelebt, ehe er nach Schwabing zog, wo er mit Henry Heppel die legendäre Theaterkneipe "Heppel & Ettlich" betrieb. Den Betrieb des gleichnamigen Theaters besorgt er heute noch.

In Mein Neukölln guckt Ettlich erst einmal, ob sich etwas verändert hat in der alten Heimat. In dem ärmlichen, aber beschaulichen Kiez von früher sind heute Studenten, Künstler und Hipster unterwegs, Bars und Bioläden reihen sich aneinander. Jungfamilien suchen finanzierbare Wohnungen, wo früher ein abgerissener Laden war, ist heute ein Geigenbauer. Die Probleme, die man jetzt hat, beschreibt ein alter Mann auf einer Parkbank: "Für die Reichen stehen überall Stühle auf dem Bürgersteig, da kommt man nicht mehr mit dem Rolli vorbei." Es ist also ganz anders. Um nicht zu sagen: ein bisschen wie in Schwabing.

Ettlich bewegt sich durch Neukölln wie ein Expeditionsteilnehmer, durchstreift Eckkneipen, forscht Nachbarn aus, zeigt Fotos seiner Kindheit. Sein Blick auf Neukölln das er in breitem Berlinerisch kommentiert, ist so privat, dass man sich erst fragt, was Ettlich eigentlich erzählen will, außer, dass nichts mehr so ist wie früher. Am Ende macht das aber die Qualität der stillen Berliner Skizze aus: Dass in Großstädten nichts festgelegt ist, und die Verlierer von gestern die Gewinner von morgen sein können. Die Geschichte Neuköllns gibt ihrem früheren Bewohner recht: Die Rütli-Schule ist inzwischen eine der besten Schulen im Kiez, Bezirksbürgermeister Buschkowsky hat sein Amt abgegeben, und Neukölln wird auch nicht überall sein: Dafür sind die Mieten hier längst viel zu hoch.

Mein Neukölln: RBB, 22.45 Uhr.

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