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Dichtung:Haltbar wie Granit

Frank Witzel und Leonhard Koppelmann nähern sich mit ihrem Hörspiel "Bruchstücke" den fragmentarischen Stücken im Werk von Friedrich Hölderlin.

Von Stefan Fischer

Ganz konkrete Bilder drängen sich auf beim Hören von Frank Witzels Bruchstücke. Ein Hölderlin-Alphabet: So als würde man auf felsigem Terrain tatsächlich einen Brocken aufheben, ihn in der Hand wiegen, drehen und besehen. Um ihn nach einiger Zeit wieder fallenzulassen und sich nach dem nächsten zu bücken - diesmal vielleicht nach einem Kiesel. In dem Bewusstsein, dass das vor einem schon viele andere getan haben. Darunter etliche, die mehr verstehen von diesem Geröll als man selbst.

Die Fundstücke in diesem Hörspiel sind Gedanken, Sätze und Wendungen aus dem fragmentarischen Teil von Friedrich Hölderlins Werk. Die eine granitene Haltbarkeit bewiesen haben in der deutschen Geistesgeschichte. Ja, es gibt auch jene, die all das zermalmen wollen, die Hölderlin als einen "Trakl für Arme" verspotten. Aber die Bewunderer sind in der großen Überzahl.

Wobei Frank Witzel nicht an einem akademischen Diskurs interessiert ist: Was die Literaturwissenschaft über Hölderlin publiziert, kümmert ihn nicht. Er klinkt sich ein in den fortwährenden künstlerischen Diskurs über Hölderlin, bringt neuerlich die Funken zum Knistern, die Martin Heidegger, Stefan George, Robert Walser, Peter Weiss, Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Heiner Müller geschlagen haben aus diesen Geistesbrocken - und damit Feuer entfacht haben, wärmende ebenso wie verheerende.

Im Hörspiel glühen die Funken nur kurz. Der Regisseur Leonhard Koppelmann verfolgt das literarische Kompositionsprinzip von Witzel, der auch die Musik für Bruchstücke geschrieben hat, in seiner Inszenierung konsequent. Der Ton ist lyrisch, die Gedanken können schweifen. An einer Stelle heißt es, der 1770 geborene Hölderlin sei aufgrund des fragmentarischen Charakters vieler seiner Texte ein Phänomen, das ins 20. Jahrhundert gehört, ein Dichter der Moderne. Dieser Spur folgen auch Witzel und Koppelmann.

Bruchstücke. Ein Hölderlin-Alphabet, HR 2, Sonntag, 22 Uhr.

© SZ/tyc/ebri
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