"Deutschlands schönste Frau":"Bei dir fehlt mir das Herz"

Je enger der Kreis wurde, umso besser schienen sich die Frauen anzufreunden. Wenn sie schon nichts gemeinsam hatten, dann doch zumindest, dass sie bisher dem Rausschmiss entgangen waren. Beliebtheit schweißt zusammen, weshalb die Finalistinnen gestern immer ein bisschen wie die coolen Gören guckten, die schon seit dem ersten Schultag beste Freundinnen sind. Die Harmonie könnte also locker weitergehen. Und spinnt man das Drehbuch nach "Sex and the City"-Logik weiter, sieht man wirklich Carrie und Co Cosmopolitan-schlürfend und durch Münzwurf bestimmend, wer nach einer dicken Umarmung verabschiedet werden soll. Dem nostalgischen Serienfan würde das sogar genügen. Doch bei "Deutschlands schönster Frau" ging das nicht. Stattdessen versuchte der Sender am Ende jeder Episode dramatisch auszuleuchten, welche heimlichen Intrigen und Hassgefühle in Wirklichkeit zwischen den Frauen herrschten.

Natürlich ging das total schief. Die Kandidatinnen versagten der Show von der ersten Episode an jeden kompetitiven Charakter, ganz im Gegenteil zu Heidi Klums dauerzickigen Topmodels. Und niemand nutzte die Möglichkeit, mal endlich loszuhassen. Beliebtheit schweißt eben zusammen.

Gruppenzwanglogik und Topmodellogik

Tragischer ist vielleicht nur, dass noch kurz vor dem Finale ausgerechnet zwei Frauen gehen mussten, die wegen überdurchschnittlichen Alters und Hüftumfangs noch am ehesten aus anderen Castingshows herausgestochen hätten. Die Rausschmeißenden begründeten ihre Wahl recht scheinheilig mit: "Bei dir fehlt mir das Herz" und "Die anderen kenne ich schon fünf Minuten länger als dich". Und die merkwürdigen Ausreden sind sehr nachvollziehbar. Denn weil niemand irgendwen hasste, kegelten sich die Kandidatinnen nach reinster Gruppenzwanglogik raus. Beziehungsweise: nach Topmodellogik. Es ist eine der blödesten Ideen dieses Formats, den attraktivsten Kandidatinnen die Chance zu bieten, unter sich zu bleiben - welche diese verständlicherweise auch dankbar nutzten.

Dass Stil-Guru und Showmaster Guido Maria Kretschmer das Prozedere unkommentiert schwänzt, macht das gegenseitige Rauskegeln nicht weniger seltsam. Kretschmer ist anwesend, wenn es darum geht, Designeroutfits zusammenzustellen und Geld für Taschen zu versenken. In Gruppenszenen gibt er den Märchenonkel, sagt Sachen wie "eine ganz liebe Freundin" und "was ganz was Besonderes" und macht die Schnute, die auch Heidi Klum macht, wenn sie ihren "Süßen" in die große Modewelt hilft. Auch bei "Deutschlands schönster Frau" steht die Gruppe Kandidatinnen ihrem Mentor gegenüber, der hier aber nicht ihr Richter ist.

Gutes Aussehen bringt in allen anderen Castingshows vielleicht Bonuspunkte ein. Für "Deutschlands schönste Frau" wurde es als ödes Hauptkriterium festgelegt. Die Kandidatinnen hatten kaum Chancen, sich mit inneren Werten zu duellieren - wie auch immer das hätte aussehen können. Der Versuch wäre spannender gewesen, als die Entscheidung der Macher, ihrem lahmen Titel bis zum Schluss treu zu bleiben.

© Süddeutsche.de/dayk
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