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Charlie Sheen in "Anger Management":Nur eine weitere Demütigung

Charlie Sheen hat wieder eine Serie. Aber "Anger Management" ist keine Sitcom, sondern eher eine schlecht getarnte Biografie, in der sich der skandalträchtige Schauspieler selbst demontiert.

Michael Moorstedt

Ein Format der US-amerikanischen Comedy-Kultur wird sich in Deutschland trotz aller transatlantischen Gleichförmigkeit wohl niemals durchsetzen. Der Celebrity Roast. Hier wird jegliche Political Correctness über Bord geworfen und durch den Humor eines 15-Jährigen ersetzt.

Anger Management

Schwulen-, Frauen- und Pimmelwitze: Die Geschichte des Aggressions-Therapeuten Goodson (Charlie Sheen) wird sicher ein Quotenhit.

(Foto: Prashant Gupta/FX Network)

Grob umrissen handelt es sich hier um die Praxis, einen mehr oder weniger verdienten Prominenten auf eine Bühne zu zerren, um ihn dann vor dem Publikum zu beleidigen. Vom Hauptdarsteller wird erwartet, dass er trotz aller Witze auf seine Kosten auch noch mitlacht. Für die Stars, die aufs Korn genommen werden, ist das gar nicht so einfach. Zum Beispiel für Charlie Sheen, dem Mann, der von sich behauptet, "Tigerblut" zu haben und durch dessen Venen wohl schon ganz andere Substanzen flossen. Der seinen wahnwitzig hoch bezahlten Job bei Two and a Half Men verlor und durch Ashton Kutcher ersetzt wurde, weil er den Produzenten beschimpft hatte. Sheen legte damals ein beeindruckendes Portfolio an selbstzerstörerischem Verhalten an den Tag, und die People-Zeitschriften hatten seinen Nachruf schon verfasst.

Brodeln, Kochen, Ausrasten

Jener Charlie Sheen also saß am 10. September 2011 in einem Celebrity- Roast-Studio in Los Angeles und ließ sich von Stars wie William Shatner, Mike Tyson oder Seth MacFarlane auf die übelste Art und Weise schmähen. Seine Ex-Frauen, seine Kinder, seine Gespielinnen, sein Drogenkonsum, sein Irrsinn - jedes dieser Themen sorgte für orgiastische Lacher beim Publikum, und man sah Sheen an, dass er sich sichtlich zurückhalten musste.

Ist es nicht also die logischste aller Entwicklungen, dass dieser Mann kaum ein Jahr darauf mit einer Serie ins Fernsehen zurückkehrt, die genau das zum Thema hat? Das Brodeln, das Kochen, das Ausrasten? Fast scheint es, als hätte das Konzept von Anger Management, angelehnt an den gleichnamigen Film mit Jack Nicholson, nur auf einen Typen wie Charlie Sheen gewartet. "Ihr könnt mich nicht rausschmeißen. Meint ihr, ihr könnt mich durch irgendeinen anderen Typen ersetzen? Macht nur! Es wird nicht dasselbe sein", lauten die ersten Sätze, die Sheen in seiner neuen Serie spricht. Am vergangenen Donnerstag feierte er im amerikanischen Bezahl-Sender FX mit einer Doppelfolge Premiere, fünfeinhalb Millionen Menschen schauten zu, eine ziemlich beeindruckende Quote fürs Pay-TV. Die Free-TV-Rechte in Deutschland hat sich überraschenderweise Vox gesichert - und nicht Pro Sieben, das mit der pubertären Strahlkraft von Two and Half Men seinen Dienstagabend bestreitet. Der Ausstrahlungstermin ist noch ungewiss.

Subtiler Metahumor oder verletzte Eitelkeit?

Auch der eingeweihte Zuschauer kann sich angesichts der Rausschmiss-Sätze nicht sicher sein, ob er es hier mit subtilem Metahumor oder doch nur mit verletzter Eitelkeit, einem überbordenden Ego oder der Bösartigkeit der Drehbuchschreiber zu tun hat. Sonst bleibt von Anger Management wenig hängen. Sheen gibt den Aggressions-Therapeuten Charlie Goodson, der eben jene Sätze einer Plastik-Puppe ins Gesicht schreit, um seinen Patienten zu illustrieren, wie sie sich in einem Entlassungsgespräch zu verhalten haben. Sie sind nicht überzeugt.

Goodson ist ein Mann mit gebrochener Biografie, halbwegs erfolgreich, er geht selbst gern mit diversen Einrichtungsgegenständen auf Menschen los, die seine Meinung nicht teilen, eine Tochter und eine Ex-Frau hat er auch. Und spätestens jetzt wird klar, was die Produzenten mit Anger Management vorhaben. Dies ist keine Sitcom, sondern ein schlecht getarntes Biopic über einen Menschen, der eventuell gar nicht mehr registriert, dass sein neues Engagement nur eine weitere Demütigung für ihn selbst bedeutet. Umso mehr, wenn man weiß, dass Sheen sich gerade für eine Homestory in der amerikanischen Newsweek im Dschungelkämpfer-Outfit und in Flammen gesetzt fotografieren ließ und während des Reporter-Besuchs mal wieder ausrastete.

Zumindest an Sheens Pointen hat sich mit der neuen Show nichts geändert. Sie zielen immer noch deutlich südlich der Gürtellinie. Keine zehn Minuten sind in Anger Management vergangen, da schlägt der Gag-Geigerzähler schon heftig in Richtung Schwulen-, Frauen- und Pimmelwitze aus. Und genau deswegen, also weil sich im Vergleich mit dem Vorgänger nichts verändert, wird Anger Management wohl zu einem Quotenhit werden. So lange, bis es Charlie Sheen schafft, seinen Ärger unter Kontrolle zu halten.

© SZ vom 02.07.2012/cag

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