Besuch in München:Zur Not auch ohne Print

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Besuch in München: Mark Thompson, 59, ist seit 2012 Geschäftsführer der New York Times. Zuvor war der Brite Generaldirektor der BBC, bei der er - abgesehen von einem Intermezzo beim privaten Channel 4 - mehr als 30 Jahre beschäftigt war.

Mark Thompson, 59, ist seit 2012 Geschäftsführer der New York Times. Zuvor war der Brite Generaldirektor der BBC, bei der er - abgesehen von einem Intermezzo beim privaten Channel 4 - mehr als 30 Jahre beschäftigt war.

(Foto: Kirsty Wigglesworth/AP)

"New York Times"-CEO Mark Thompson erklärt seine Strategie für die Zukunft des Medienunternehmens.

Von Viola Schenz

Wenn New York Times -Geschäftsführer Mark Thompson, 59, seine Sicht auf die Digitalisierung erklärt, dann streckt er sein Smartphone in die Höhe. "Da stecken 100 Möglichkeiten für Journalisten drin, Geschichten zu erzählen", sagt er. Gäbe man Verlegern weltweit einen Knopf, mit dem sie das Internet ungeschehen machen könnten, erklärte Thompson vor ein paar Tagen in München, sie würden ihn alle drücken. "Ich würde ihn nicht drücken."

Das ist vermutlich übertrieben; wahr ist aber, dass die New York Times, die viele Menschen für die beste Zeitung der Welt halten, in Sachen Digitalisierung eine Vorbildfunktion hat - vor allem in Bezug auf die Radikalität, mit der Thompson den Umbruch angeht. Die New York Times hat dieselben Probleme wie andere Blätter, die um ihr Geschäftsmodell kämpfen, die Druckauflage fiel im vergangenen Quartal um sechs Prozent. Die Einkünfte aus Digital-Abos allerdings stiegen um 15 Prozent. Thompson ist ob solcher Diskrepanz nicht zimperlich: "Wenn die gedruckte Zeitung eines Tages nicht mehr wirtschaftlich ist, muss man sie einstellen."

Vier Dollar, mehr als vier Mal so viel wie vergleichbare Zeitungen, erlöse man im Jahr pro Einzelnutzer auf der Website, so Thompson; Qualitätsjournalismus sei im Web also durchaus refinanzierbar. Und dann verweist er stolz auf einen Chart: Im Juli hat die New York Times mit weltweit 125 Millionen Nutzern einen neuen Rekord eingefahren. Nun gehe es darum, so viele wie möglich in zahlende Leser zu verwandeln. Und die lockt man auch mal mit Kostenlos-Offerten: So schaltet die Times zur US-Präsidentschaftswahl für 72 Stunden ihre digitalen Angebote ausnahmsweise komplett frei.

Seit 2011 gibt es bei der New York Times ein sanftes Online-Bezahlmodell, von einer klaren Paywall hält Thompson nichts, die schrecke ab, besonders junge Leser. Es stimme nicht, dass die sich aus der Zeitungswelt verabschiedet hätten, allenfalls noch News-Häppchen konsumierten. Von den 125 Millionen digitalen NYT-Nutzern zählen 35 Millionen zu den Millennials, also den zwischen 1980 und 1999 Geborenen; die gelte es zu halten. "Und entgegen den Klischees mögen die durchaus große Geschichten", sagt der CEO. "Wir hatten kürzlich eine Reportage über den unbemerkten Tod eines einsamen New Yorkers. 8000 Wörter lang, mehr als eine Million haben sie innerhalb eines Tages gelesen, die Hälfte auf dem Smartphone."

Thompson setzt seit seinem Antritt 2012 zudem auf eine digitale, internationale Leserschaft, 50 Millionen Dollar steckt er in den kommenden Jahren rein, die 30 NYT-Auslandsbüros werden zusätzlich mit lokalen Reportern bestückt, es soll mehr landesspezifische Geschichten geben. Natürlich tut sich eine englischsprachige Zeitung sehr viel leichter, weltweit neue Leser zu gewinnen, als eine deutsche oder eine französische. Aber die New York Times geht dennoch einen Schritt weiter: Seit 2012 gibt es eine hauseigene Ausgabe auf Chinesisch, seit Anfang dieses Jahres eine auf Spanisch.

Bis 2020 will Thompson die Digitaleinkünfte auf 800 Millionen Dollar verdoppeln. Für das alte Motto der Times, "All the News That's Fit to Print" (Alle Nachrichten, die sich eignen, gedruckt zu werden), muss er sich dann irgendwann wohl einen Ersatz suchen.

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