Bibiana Beglau in "Sieben Stunden" "Ein Opfer, das gegen das Opfersein mit allen Mitteln ankämpft"

Bibiana Beglau als Gefängnistherapeutin Hanna Rautenberg in "Sieben Stunden".

(Foto: BR/Barbara Bauriedl/h&V entertai)

Bibiana Beglau spielt die Gefängnistherapeutin Hanna Rautenberg, die von einem Insassen vergewaltigt wird. Ein Gespräch über die wahre Begebenheit hinter dem Drama.

Interview von David Denk

In "Sieben Stunden" spielt Bibiana Beglau die Gefängnistherapeutin Hanna Rautenberg, die von einem Patienten stundenlang in ihrem Büro vergewaltigt und gequält wird. Ein Gespräch über die wahre Begebenheit hinter dem Drama und die Frage, warum Opfer nicht sympathisch sein müssen.

SZ: Frau Beglau, Sie mussten im Zusammenhang mit Sieben Stunden sicher viel über sexuelle Gewalt sprechen. Wie sehr nervt es, wenn Reporter und Publikum Rollen so stark auf den Schauspieler beziehen, beides womöglich verwechseln?

Bibiana Beglau: Mich nervt es nicht, mir scheint das eher in der Natur der Sache zu liegen. Wenn eine Figur überzeugt hat, denkt der Zuschauer oder Journalist vielleicht nicht mehr an den Darstellenden als eine Person, der eine Figur verkörpert. Es ist eine Verwechslung, mit der wir Darsteller ja auch spielen: sich in Rollen hineinwerfen, mit ihnen verschmelzen und damit das Verwirrspiel zum Äußersten treiben. Dann ist das Spiel für uns Darsteller zu Ende, und wir gehen nach Hause. Der Zuschauer ist im besten Falle verwirrt.

Welche Rolle hat es für Sie gespielt, dass es mit Susanne Preusker ein reales Vorbild für die Rolle der stundenlang in ihrem Büro gequälten Therapeutin gab?

Viele Dramen und Geschichten beziehen sich auf reale Biografien, insofern ist es nicht ungewöhnlich. Besonders war aber, dass Frau Preusker lebte und der Regisseur auch immer wieder mit ihr in Kontakt stand. Bei dem Film folgt das Drehbuch ihrer Biografie bis zu der Szene im Gerichtssaal. Alles, was dann passiert, und wie die Figur sich verhält, ist frei erfunden. Es wurde der Fall Preusker bearbeitet, um eine Figur zu schaffen, bei deren Umgang mit ihrem Schicksal wir zuschauen können. Es wird kein biografischer Film erzählt. Vielmehr zeigen wir, was nach einem massiven Einschnitt in einem Menschenleben passiert.

Ihr Film endet vorsichtig optimistisch, Susanne Preusker, die Sieben Stunden noch gesehen und laut Regisseur Christian Görlitz gemocht hat, hat kurz darauf Suizid begangen. Hat das Ihren Blick auf den Film verändert?

Ich hätte Frau Preusker sehr die Möglichkeit zu leben gewünscht. Es ist traurig, dass sie sich das Leben genommen hat, aber es ist ihre Entscheidung. Meinen Blick auf den Film hat es nicht verändert. Wie gesagt, er ist keine Biografie, sondern ein Film, der von ihrem Fall ausgehend ganz anderen Wegen folgt.

Denkt man bei einem Rollenangebot wie diesem nicht instinktiv erst mal: Fragt doch bitte jemand anderes?

Oh nein, gar nicht. Das ist ja ein hochdramatischer Stoff, mit dem ich mich da beschäftigen darf. Wie geht ein Weiterleben nach einem gewaltigen Eingriff in die innere menschliche Ordnung? Als Christian Görlitz mir die Rolle anbot, hatte ich mich gerade am Residenztheater in München mit einer Bearbeitung von "Phädra" beschäftigt. Einer Frau, die durch großen inneren Schmerz zur Person der Rache, der Verblendung und Ungerechtigkeit wird. Hanna Rautenberg schien mir nicht so weit davon entfernt zu sein. Ein Opfer, das gegen das Opfersein mit allen Mitteln ankämpft, das interessiert mich sehr.

Ihre Figur sagt ständig "Ich", als gäbe es nur sie auf der Welt. Warum?

Ich bin überzeugt, dass es sehr schwer ist, von seiner eigenen Verwundung aufzuschauen und sich auf ein Gegenüber zu beziehen. Der Schmerz und die Verletzung lassen nur das zu. Das "Ich" ist der Selbsterhaltungstrieb. Bei einer äußeren schweren Verletzung fällt es uns als Außenstehende leichter, das zu erkennen. Die Wunde ist tief, die Knochen zerfetzt, und der Verletzte starrt auf das Desaster. Bei seelischen Verletzungen ist es genauso, nur dass Außenstehende die Wunde nicht sehen und es daher schwerer fällt, eine völlige Ichbezogenheit des Opfers zu akzeptieren.

Wie wichtig war es zu zeigen, dass Opfer nicht sympathisch sein müssen?

In der Gesellschaft, in der wir leben, haben wir uns eher darauf geeinigt, dass ein Opfer ruhig, traurig und schwach ist. Es bedarf unserer Hilfe und Empathie. Da macht dann auch das Helfen Spaß, weil es den Helfer edel und gut erscheinen lässt. Ich glaube aber, dass ein Opfer sich aufbäumt, Widerstand leistet, kämpft, fehlerhaft und ungerecht wird oder werden kann. Da macht es dann keinen Spaß zu helfen. Das ist anstrengend und aufreibend und sehr unsympathisch. Opfer funktionieren nicht in der Rolle, die wir ihnen in unserer Gesellschaft zugewiesen haben. Das finde ich wichtig zu zeigen.

Sieben Stunden, in der ARD-Mediathek.

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