Ausnahmezustand:Fliegt doch

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So vieles, was bisher undenkbar war, ist auf einmal möglich. Davon handelt das Hörspiel "Mein hohles Herz singt Lieder der Versammlung" - in mehrfacher Hinsicht. Es wurde komplett im Home-Office produziert.

Von Stefan Fischer

Noch ist es ruhig. "Aber irgendwann müsste sich das Internet doch melden mit einer Beschwerde über kulturelle Verstopfung." Ein lustiger Gedanke aus dem Hörspiel Mein hohles Herz singt Lieder der Versammlung: Das Internet klingelt an der Tür und schmeißt den Künstlern ihre Kunst vor die Füße. Weil die damit raus aus dem Netz und bitteschön wieder in ihre Theater und Galerien und Studios gehen sollen.

Am Beginn des Hörspiels stehen eine ganze Reihe persönlicher Dystopien. Wie die, mit seiner Kunst jetzt auch noch aus dem Internet rauszufliegen. Gegen Ende dreht sich das alles aber - dann entwickeln die Autoren des Stücks eine utopische Idee der Zukunft. Denn wird in der aktuellen Krise nicht gerade der Traum einer besseren Welt Realität? Jedenfalls lassen wir derzeit unsere Barcelona-Wochenendtrips bleiben und schließen unsere Coffeeshops oder Concept Stores, um Schwächeren zu helfen.

Mein hohles Herz singt Lieder der Versammlung ist selbst ein utopisches Projekt - jedenfalls hätte man es vor wenigen Monaten noch dafür gehalten. Das Hörspiel ist eine reine Homeoffice-Inszenierung. Christine Grimm, als Hörspiel-Dramaturgin neu bei Deutschlandfunk Kultur, hat im steten Austausch mit einem Dutzend Autoren und ebensovielen Schauspielern deren oft aufeinander bezogene Texte und Beiträge zu dem Stück collagiert, gemeinsam mit dem Regisseur Henri Hüster, der über Skype und Zoom inszeniert hat. Unter den Autoren sind Maren Kames, Nina Bußmann, Thomas Köck, Jan Schomberg und Gerhild Steinbuch. Zur der Riege der Schauspieler gehören Jens Harzer, Leonie Benesch und Lilith Stangenberg.

Dieser bewusst so konzipierte Arbeitsprozess ist als Phänomen interessant, doch erschöpft sich darin die Qualität des Hörspiels längt nicht. Die Sprachrhythmen und die Musikalität der einzelnen Teile greifen großartig ineinander, auch die unterschiedlichen akustischen Räume fügen sich zu einem Gebäude. Mein hohles Herz singt Lieder der Versammlung ist ein vielstimmiger, sich überlagernder Ruf in der Hoffnung auf Echos. Sobald die sich einstellen, sobald die Gewissheit da ist, dass es da draußen noch andere gibt, setzt ein Reigen zumeist witziger Episoden ein.

In der schönsten Groteske möchte sich ein Familienvater den Bau eines ausladenden Schaukelgestells bewilligen lassen - ein Privatspielplatz direkt an der Grundstücksgrenze. Die Dame vom Amt zögert, zitiert Vorschriften, es geht viel um die Mindestabstände des Baurechts. Am Ende plädiert der Vater auf Milde: Jetzt, wo doch so vieles möglich sei, was bislang undenkbar war, könne da nicht ...

Mein hohles Herz singt Lieder der Versammlung, DLF Kultur, Sonntag, 18.30 Uhr.

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