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Arte-Doku:Auf der Spur

Doku erzählt von kurdischen PKK-Funktionärinnen. So klischeefrei, wie es bei dem Thema selten klappt.

Tarnkleidung, ein Gewehr wird geladen. Frauenhände, an den Handgelenken bunte Bänder. Eine dunkle Haarsträhne schiebt sich über die Uniform. Schon die ersten Sekunden der Arte-Doku Paris - Die Kurdinnen und ihr Killer ziehen in den Bann wie ein Thriller.

Nach zwei Minuten ist der Plot entfaltet: Es geht um den Mord an drei kurdischen PKK-Funktionärinnen, die in Paris am 9. Januar 2013 mit zehn Kugeln getötet wurden. Das Intro zeigt in Slow Motion eine Soldatin der YPG-Milizen im kurdisch kontrollierten Teil Nordostsyriens. Hier werden die drei Frauen bis heute als Märtyrerinnen des Widerstandskampfes verehrt. Vor dem Hintergrund der erstmals veröffentlichten Tatortfotos - Kugel mit Blut, gelbe Aufsteller, Hände der Ermordeten - gleiten Schriftzug von Titel und Autor ins Bild.

Paris - Die Kurdinnen und ihr Killer
Der Kampf von PKK und Türkei mitten in Europa

Es geht in der Doku um den Mord an drei kurdischen PKK-Funktionärinnen, die 2013 in Paris getötet wurden.

(Foto: BR/Ahmet Senyurt)

Unter der Kameraführung von Hans Fischer entsteht aus der Doku von Ahmet Şenyurt mehr als eine treibende Investigativreportage. Die Bilder fließen verlangsamt, eine zusätzliche Dramatisierung haben die Inhalte ohnehin nicht nötig. Sanitäter schieben Bahren mit grauen Leichensäcken aus der Rue Lafayette 147, Demonstranten fordern Rache, der französische Innenminister in der Menge spricht von "Hinrichtung".

Ein Hauptverdächtiger wird festgenommen. Der türkische Staatsbürger Ömer Güney, der in Bayern lebte und sich ab 2011 in das politische Umfeld der kurdischen Aktivistinnen eingeschlichen hatte, soll die Morde begangen haben. Zu einem Prozess kam es nie. Güney starb 2016 im Gefängnis an einem Hirntumor. Die Handykommunikation des mutmaßlichen Mörders weist auf eine Verwicklung des türkischen Geheimdienstes MIT hin.

Paris - Die Kurdinnen und ihr Killer
Der Kampf von PKK und Türkei mitten in Europa

Im kurdisch kontrollierten Teil Nordostsyriens werden die drei Frauen bis heute als Märtyrerinnen verehrt.

(Foto: BR/Ahmet Senyurt)

Die französische Akte wurde nach Güneys Tod trotzdem geschlossen. Das jüngste der drei Opfer, Leyla Şaylemez, war fünf, als die Familie aus der Türkei floh, der Vater erhielt in Deutschland politisches Asyl. Erstmals treten Angehörige und Freunde vor die Kamera. Der Vater am Tatort. Die Eltern im Plattenbau-Wohnzimmer in Halle. 2008 ging Leyla zur Schule - und kam nicht zurück. Sie war in ein Guerilla-Ausbildungslager in den Nordirak ausgereist. Şenyurt interviewt ehemalige Genossen in Deutschland und gräbt die Geschichten hinter der inzwischen von der PKK zur Ikone aufgebauten Frau aus. Leyla Şaylemez war im Visier der Behörden. 2012 ging sie nach Paris und lernte die dortige PKK-Führungsebene um Sakine Cansız kennen.

Paris - Die Kurdinnen und ihr Killer
Der Kampf von PKK und Türkei mitten in Europa

Die Faktensuche führte auch ins Innere der PKK und in bestimmte Gebiete Nordsyriens, erzählt der Filmemacher.

(Foto: BR/Ahmet Senyurt)

Zu der Zeit ist Ömer Güney bereits an Cansız' Seite, arbeitet mit im Kurdischen Kulturzentrum. Vor 2011 hatte er am Starnberger See gelebt, eine Cousine geheiratet. Dort, so rekonstruiert der Film, kam er mit der rechtsradikalen türkischen MHP-Partei in Kontakt. Bei aller Anteilnahme mit den Opfern beteiligt sich der Film nicht an der Legendenbildung, greift die Narrative vom "kurdischen Volk" - homogen und im Widerstand geeint - nicht auf. Im Gegensatz zu anderen Produktionen der öffentlich-rechtlichen Sender jüngeren Datums (Die Kurden - Unterdrückung, Terrorismus und Verrat, zu sehen in der ZDF-Mediathek, Rojava - der Traum der Kurden und Der Freiheitskampf der Kurdinnen, beides Arte-Mediathek) verzichten Şenyurt und sein Team auf das PKK-Pathos. Sätze wie "Volk ohne Staat", "Kurdistan, schroff, ursprünglich, von Blut getränkt", ohne die die anderen Dokus nicht auskommen, fallen hier nicht. Der Film exotisiert "die Kurden" nicht, verschwendet keine Zeit mit Bildern von uniformierten Frauen in kurdischen Bergen vor Sonnenuntergang. Er konzentriert sich auf den Schauplatz Europa.

2014 tauchten Tonaufnahmen eines Gesprächs zwischen Ömer Güney mit dem MIT auf. Kurz darauf erschien im Internet ein Dokument des MIT samt Mordauftrag an Sakine Cansız. Honorar: 6000 Euro. Der MIT dementierte. Die Pflichtverteidigerin des Verdächtigen erklärte, Mitschnitte könne jeder produzieren. Und obwohl die Verfolgung türkischer "Staatsfeinde" durch den MIT in Europa gerichtsfeste Tatsache ist: Die Pariser Akte war geschlossen.

Der Film greift die vielen losen Enden erstmals wieder auf. Vier Jahre dauerten die Recherchen. Die Faktensuche führte auch ins Innere der PKK. "Das ist ein Film, der gegen Widerstände entstanden ist. Auch seitens der PKK-Führungselite", sagt Şenyurt der SZ. Die Einreise in bestimmte Gebiete Nordsyriens sei ihm zunächst verwehrt worden. Er kam trotzdem rein. "Dann verhinderten sie dort, wo die PKK-Schwesterpartei PYD und ihr bewaffneter Arm YPG das Sagen haben, aktiv meine Gespräche mit den Fraueneinheiten", so der Journalist. Paris - Die Kurdinnen und ihr Killer ist trotz alldem ein sehr unmittelbarer Dokumentarfilm geworden, eher Kino als Reportage. Und nach Ende der hartnäckigen Recherchen und auf Druck des Opferanwalts haben die Pariser Behörden die Ermittlungen wieder aufgenommen.

Paris, die Kurdinnen und ihr Killer, Arte, Dienstag, 21.45 Uhr.

© SZ vom 24.03.2020
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