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Amazon Marketing:Leseprobe

Amazon Prime lockt seine Kunden mit digitalen Zeitschriften wie "Stern", "Spiegel" oder "Vogue". Die Ankündigung "kostenlos und unbegrenzt" entpuppt sich bei genauem Hinsehen allerdings als etwas zu großspurig.

Von Karoline Meta Beisel

Neulich gab Jeff Bezos, Buch- und Gemüsehändler, Videothekenbesitzer und Eigentümer der Washington Post, Zeitungsmachern auf einer Konferenz in Turin einen Tipp für die Zukunft: "Bitten Sie die Leute, zu zahlen. Dann werden sie auch bezahlen." An wen die Leser zahlen sollen, dazu ging Bezos nicht ins Detail, aber natürlich ist auch er auf der Suche nach Kunden.

Seit Ende der vergangenen Woche gehören zum Prime-Dienst von Amazon auch e-Books und digitale Ausgaben von Zeitschriften wie etwa Spiegel, Stern, das Männermagazin GQ oder die Vogue. Zwar muss man für das Gesamtangebot von Amazon Prime - etwa günstigere Lieferbedingungen und Zugang zum Video-Streaming - zahlen, je nach Modell bis zu neun Euro im Monat. Das Lese-Angebot sei für Prime-Kunden aber "kostenlos und unbegrenzt", hieß es in einer Mitteilung - was bei näherem Hinsehen aber eine zumindest großspurige Ankündigung ist.

Auf Nachfrage beeilen sich die beteiligten Verlage klarzustellen, dass sie ihre Inhalte bei Amazon keineswegs verschenken würden. "Der Spiegel ist nicht Teil einer Amazon-Flatrate", sagt etwa ein Sprecher des Spiegel-Verlags, bei Condé Nast heißt es, kostenlos sei "nur jeweils eine Probe-Ausgabe" ihrer Magazine - als Leseprobe, um auf die Art und diesem Betriebsweg neue, zahlende Kunden zu gewinnen: Mit nur ein paar Klicks kann man die Hefte bei Amazon auch abonnieren.

Insofern stimmt es zwar, dass Prime-Kunden unbegrenzten Zugriff auf Magazin-Ausgaben erhalten. Nur eben jede Woche auf andere Hefte, auf "eine wechselnde Auswahl", wie es für aufmerksame Leser auch in der Mitteilung heißt - ein Kiosk für Leseproben. So wie man in der Biokiste zwar jede Woche irgendwelches Gemüse bekommt, aber nicht immer Tomaten.

© SZ vom 26.06.2017
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