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175 Jahre Bertelsmann:Die Macht aus Gütersloh

Jubiläum mit dunklen Vorzeichen: Liz Mohn und ihre Bertelsmann AG müssen sich zum 175. Geburtstag verteidigen.

Caspar Busse und Hans-Jürgen Jakobs

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VOLLMER

Quelle: AP

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Prolog

Die Grünen-Politikerin Antje Vollmer kennt sich aus mit Stiftungen. Jahrelang, in der rot-grünen Ära (1998 - 2005), kämpfte sie für eine Reform des Stiftungsrechts, die mehr Transparenz bringen sollte. Dabei fiel ihr die Macht des Gütersloher Medienriesen Bertelsmann ("ist unberührbar") und seiner Stiftung aus. Am Tag zur Feier des 175. Geburtstags des Unternehmens zieht die einstige Bundestagsvizepräsidentin in der taz vom Leder. Wie in den USA sollte auch in Deutschland eine Stiftung nur 20 Prozent eines Unternehmens besitzen - bei Bertelsmann aber sind es 77,4 Prozent, und das, so Vollmer, bei "beschämend niedriger Ausschüttung". Sie spricht von einem "Machtmonopol". Nach dem Tod des Partons Reinhard Mohn im Oktober 2009 sei alles noch problematischer geworden - "weil seine Nachfolgerin Liz Mohn nicht die Unternehmenskompetenz des Alten hat". Die Familie fülle die Rolle der gemeinnützigen Stiftung nicht mehr aus: "Bei Liz Mohn müssen Sie doch nur sehen, wie peinlich berührt alle Politiker unter sich gucken, wenn sie eine Rede hält", erklärt Antje Vollmer.

175 Jahre Bertelsmann

Quelle: Bernd Thissen/dpa

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Im Medienhaus Bertelsmann gab es früher ein Jahresmotto. Man las es auf Kärtchen und auf Schreibtischen, und eine Losung lautete: "In harter Zeit hilft Fröhlichkeit." Reinhard Mohn, eigenwilliger Patron, stand auf solche Sätzchen.

Für Elisabeth ("Liz") Mohn ist es eine sehr harte Zeit. Monate nach dem Tod ihres Mannes im Oktober 2009 häufen sich kritische Artikel in der Presse, ein enthüllendes Buch (Bertelsmann Republik Deutschland) sorgt für schlechte Laune, sogar eine Politikerin wie Antje Vollmer äußert sich öffentlich. Das Image leidet. Auf einmal wirken die Gutmenschen aus Gütersloh mit ihren Stiftungen wie Steuertrickser. Und das alles im Geburtstagsjahr von Bertelsmann, erstanden vor 175 Jahren - ein Jubiläum, das an diesem Donnerstag mit Pomp im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt gefeiert wird. In der ersten Reihe Kanzlerin Angela Merkel - deren Foto im Silberrahmen in Gütersloh den Schreibtisch von Liz Mohn ziert, neben Aufnahmen von George W. Bush, Queen Elizabeth II. und Papst Benedikt XVI.

Liz Mohn, Brigitte Mohn, Angela Merkel

Quelle: AP

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In solch harter Zeit muss Liz Mohn selbst für Fröhlichkeit sorgen. Sie bat den Bunte-Reporter Paul Sahner zum Interview: Auf großen Fotos dominiert Plüsch und Blattgold, ganz wie bei Königs, ganz wie bei Elisabeth I. Der französische Botschafter kommt zu Besuch, und Liz Mohn fragt immer wieder: "Was braucht der Mensch?" Sie redet über ihre Schlaganfallstiftung und ihren verstorbenen Mann. "Nun lege ich alles in deine Hände. Du wirst es richten", habe er gesagt. Der bunte Bericht vom Hofe ist so schön, dass er in einer offiziellen Broschüre über Liz Mohn, 69, nachgedruckt wurde. Sie sei "bei Bertelsmann die klare Nummer eins", sagt Reporter Sahner. Die Schatten wollen dennoch nicht verschwinden.

Foto: Angela Merkel, Liz Mohn (rechts) und ihre Tochter Brigitte (links)

175 Jahre Bertelsmann

Quelle: dpa

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I. Die Machthaberin

Reinhard Mohn hat manches gepredigt, auch das Zurückstehen der Familie. Vieles gilt nicht mehr. Stattdessen: Alles hört auf ihr Kommando. Liz Mohn hat die wichtigen Schaltstellen besetzt, vor allem in der zentralen Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG), die über die Stimmrechte disponiert; die Witwe hat das Vetorecht ihres verstorbenen Mannes übernommen. Laut Testament darf sie bis zum 75. Lebensjahr an der BVG-Spitze stehen; zusätzlich wurde für sie eine übergeordnete BVG-Stiftung geschaffen.

Natürlich hält sie selbst, wie die ganze Familie, Aktien. Liz Mohn ist Vize-Vorsitzende in der Bertelsmann-Stiftung und fungiert als Aufsichtsrätin der Bertelsmann AG; dort leitet sie den Arbeitskreis Mitarbeiter. Die Machtfülle der einstigen Buchclub-Telefonistin erweckt Argwohn. Sie mischt sich an vielen Stellen ein, und mancher Manager hat schlicht Angst vor der geltungsbewussten Frau, die Preise sammelt wie einst Buchclub-Abonnenten ihre Vorschlagsbände. Im Juni wurde sie vom Kieler Institut für Weltwirtschaft mit dem Weltwirtschaftlichen Preis 2010 bedacht, wobei Liz Mohn übrigens selbst als Vertreterin der spendierfreudigen Bertelsmann-Stiftung im Wirtschaftsbeirat des Instituts sitzt.

HV BASF

Quelle: DPA/DPAWEB

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II. Die Einflüsterer

Wo Patron Mohn instinktsicher seinen Konzern an die Spitze der europäischen Medienindustrie dirigierte, braucht die Nachfolgerin Berater. Davon gibt es in Gütersloh viele. Wer Audienz erhält, hat Deutungsmacht. Die derzeitigen Favoriten sind offenbar der einstige Thyssen-Manager Dieter Vogel und der Ex-BASF-Chef Jürgen Strube (Foto). Sie sitzen im Aufsichtsrat und im Lenkungsausschuss der maßgeblichen Firma BVG. Angesichts ihrer Präsenz gerät sogar Liz Mohns langjähriger Vertrauter, der Stiftungschef Gunter Thielen, ins Abseits.

Reinhard Mohn, Helmut Kohl

Quelle: AP

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III. Die Familie

Die "Kontinuität des Unternehmens", einer der Evergreens von Bertelsmann, übersetzt Liz Mohn mit Vorsorge für ihre Kinder Brigitte und Christoph. Sie sitzen ebenfalls in den wichtigen Gremien, wobei für Brigitte offenbar einmal der Vorsitz der Bertelsmann-Stiftung vorgesehen ist. Christoph wurde mit der kleinen Reinhard Mohn Stiftung bedacht, die ebenfalls an der AG beteiligt ist. Die beiden werden einmal die umfangreichen Sonderrechte der Mohns bei der BVG erben. Im Grunde sei bei Bertelsmann die AG durch die vorgeschaltete Gesellschaft BVG "ausgehöhlt", meint der langjährige Bertelsmann-Manager Jürgen Richter: "Die Aufsichtsräte vollstrecken nur, was die Familie will." Liz Mohn betrachte die Bertelsmann AG als "Family Office", kolportiert das Manager Magazin.

Foto Reinhard Mohn (rechts) mit Helmut Kohl.

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Quelle: AP

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IV. Die Stiftung

Stiften und schenken, das war Reinhard Mohns Strategie seit 1977. Er gründete seine eigene große Stiftung, redete von gesellschaftlichen Beiträgen, und galt manchem als "roter Mohn". Es ging immer schon darum, "effizient gut zu sein", sagt ein früherer Weggefährte, natürlich habe es auch eine Rolle gespielt, so Körperschafts-, Schenkungs- und Erbschaftssteuer sparen zu können. Für Mohn sollte eine Behörde oder eine Universität wie ein gutes Unternehmen organisiert sein, also am besten genauso wie Bertelsmann. Wie schmal der Grat dabei werden kann, verdeutlichte kürzlich der anerkannte Stiftungsexperte Peter Rawert. Die Ausnutzung des guten Rufs der Stiftungen durch "hybride Gebilde, die Eigennutz als Gemeinnutz tarnen", sei der "wahre Skandal des Falles Bertelsmann", schrieb er in der FAZ. Und rechnete nach, dass die von der Bertelsmann-Stiftung seit 1977 in die Allgemeinheit investierten 870 Millionen Euro "weitaus weniger darstellen als den Schenkungssteuervorteil Reinhard Mohns und seiner Familie".

Jetzt fällt auch auf, dass die Stiftung etwa 2008 nur 72 Millionen Euro Dividende kassierte, der Bilanzgewinn aber das 16fache betragen hatte. Mohns Erbschaftssteuervorteile würden auf dem seit Anfang 2009 geltenden Steuerrecht basieren - und wären auch eingetreten, wenn nur seine Familie die Bertelsmann AG geerbt hätte, heißt es dagegen in Gütersloh. Buchautor Thomas Schuler hatte Wochen zuvor den Blick auf das Gemeinnutzwesen gelenkt und allerlei Querverbindungen zwischen der durch und durch merkantilen AG und der höheren Stiftung kritisiert.

Mal ging es um die herbeigesehnten schlanken Ämter, denen die Bertelsmann-Firma Arvato das Steuereintreiben abnehmen wollte, mal um eine abgespeckte Kommunikationsordnung, von der die eigene Fernsehtochter RTL am stärksten profitiert hätte. Schuler und andere Kritiker sehen den Stiftungseinfluss überall im Land, von der Hartz-IV-Gesetzgebung bis zur Bologna-Hochschulreform. Weil er im Spiegel seine Recherche ausbreiten konnte, waren sie bei Bertelsmann besonders sauer: Man ist am Hamburger Verlag beteiligt.

REINHARD MOHN

Quelle: DPA

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V. Die Geschichte

Schon der Geburtszeitpunkt ist umstritten: Bereits 1824 schrieb Carl Bertelsmann Aufschlussreiches zu seiner Druckerei nieder, es wurde später aber lieber die Gründung des eigenen Verlags für religiöse Literatur als Startdatum gefeiert. Mit Märchenbüchern, Bibeln, Zeitungen und Unterhaltungsbüchern suchte die Firma zusehends Käufer, und in der Nazizeit kam reichlich braune Literatur für den kämpfenden Deutschen dazu. Enthüllungen darüber haben das Bild vom Widerstandsverlag widerlegt. Es war Reinhard Mohn, der Heimkehrer aus US-Kriegsgefangenschaft, der 1945 die zerbombte Familienfirma zum Kraftzentrum machte. Er zog großflächig Buchclubs auf, kaufte Bücherverlage, zog eine Schallplattenfirma hoch, erjagte sich den Großverlag Gruner + Jahr und formte sich mit der RTL Group ein Privatfernsehreich. Nur im Internet wollte wenig gelingen.

Foto: Reinhard Mohn

Bilanzpressekonferenz Bertelsmann AG

Quelle: ddp

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VI. Die Geschäfte

Pünktlich zur Jubiläumsfeier hatte Vorstandschef Hartmut Ostrowski vor zwei Wochen gute Nachrichten parat. Er meldete für das erste Halbjahr 2010, sicher zur Freude von Liz Mohn, einen Gewinnsprung: "Das operative Ergebnis hat Rekordniveau erreicht." Und Finanzchef Thomas Rabe erhöhte sogar die Prognose fürs Gesamtjahr: Der Gewinn soll nun bei mehr als 500 Millionen Euro liegen, der Umsatz steigen. Dabei kommt den Güterslohern die Erholung der Werbemärkte zugute: RTL macht gute Geschäfte, Gruner + Jahr legt wieder zu.

Vor allem aber macht sich der harte Sparkurs 2009 bemerkbar. Alles kam auf den Prüfstand, viele Jobs, auch in der Zentrale, wurden gestrichen, etwa eine Milliarde Euro Einsparungen kamen so zustande. Es war ein bitteres Jahr: Unter dem Strich stand sogar ein Nettoverlust von 82 Millionen Euro, das erste Minus der Firmengeschichte. Offiziell freilich wurden 35 Millionen Gewinn genannt - davon musste man den Anteil, der bei der RTL Group an fremde Gesellschafter geht, abziehen. Schlecht für die PR im Jubiläumsjahr. Trotzdem wurden 60 Millionen Euro an Stiftung und Familie ausgeschüttet. Und noch immer drücken den Konzern hohe Schulden, die aus einer tollkühnen Idee Liz Mohns resultieren: Sie ließ einen Konzernanteil von 25 Prozent, den Baron Albert Frère besaß, für 4,5 Milliarden Euro zurückkaufen. Zahlen muss die AG dafür.

Bilanzpressekonferenz Bertelsmann AG mit Hartmut Ostrowski (links), und Finanzvorstand Thomas Rabe.

Bilanzpressekonferenz Bertelsmann AG

Quelle: ddp

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VII. Die Zukunft

Im Fußball spielte Vorstandschef Ostrowski früher stets im Sturm. Und so gab der gebürtige Bielefelder zum Amtsantritt Anfang 2008 zunächst große Ziele vor, der Umsatz sollte bis 2015 auf 30 Milliarden Euro steigen: "Wachstum ist die Basis von allem." Doch danach wird gesucht. Stürmer Ostrowski muss seitdem vor allem in der Verteidigung spielen. Es geht ums Sanieren. Ganze Sparten wie das Musikgeschäft oder Teile der Buchclubs wurden verkauft, dazu kam die tiefe Wirtschaftskrise.

Bertelsmann, einst weltgrößter Medienkonzern, rutscht international ab. "Wir glauben, dass die Geschäfte, die wir haben, zukunftsfähig sind", glaubt Ostrowski - doch selbst die Dienstleistungstochter Arvato, auf die er so gehofft hat, schwächelt. Zuletzt stand 15,4 Milliarden Euro Jahresumsatz zu Buche. Was fehlt? Ein großer strategischer Wurf. Als Wachstumsfeld hat der Konzern die Bildung identifiziert und auch das Digitalgeschäft soll wichtiger werden. Aber mehr als Pläne gibt es nicht.

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Quelle: AP

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Von solchen Themen wird beim aktuellen Festakt in Berlin kaum die Rede sein. Und auf viele SZ-Anfragen zur Lage bei Bertelsmann liegt bis dato keine Stellungnahme vor. Minister und Stars werden am Festabend zum Motto "175 Jahre Bertelsmann - eine Zukunftsgeschichte" klatschen, die Top-Manager des Medienriesen sich und der Frau an der Spitze applaudieren. Bunte-Reporter Sahner, der Liz Mohn sehr gut kennt, entwirft so etwas wie ein Psychogramm der Aufsteigerin: "Sie ist eine Frau, die ganz genau weiß, was sie will. Jahrzehntelang hat sie an der Seite von Reinhard Mohn gelernt, auch mit Angriffen und Anfeindungen jeder Art umzugehen. Da hat sie inzwischen absolute Souveränität. Sie geht da unbeirrt durch wie der Elefant im Dickicht."

© sueddeutsche.de/berr

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