Woody Allen Trag sie noch einmal, Woody

Die Nerd-Brille feiert ihr Comeback. Ihre Träger sollten sich ein Beispiel an Woody Allen nehmen. Selbstvergessen, selbstironisch, knapp im modischen Abseits trägt er seine Hornbrille: der Grundstoff für seine Weltkarriere.

Von Christoph Gröner

Seit Kindertagen hat er Zaubertricks geübt. Und vielleicht ist sein größter Trick jener mit der Brille gewesen, der aus einem kurzsichtigen Sohn mittelloser Juden aus dem New Yorker Viertel Flatbush den modernen Großstadtmann machte, der sich an Frauen und Freud abarbeitet. Woody Allen behauptet felsenfest und immer wieder, er sei kein Intellektueller - und reibt sich die Augen hinter dicken Glas dabei. Mit 16 gab sich Allen Stewart Konigsberg einen neuen Namen, er schuf sich eine Kunstfigur namens Woody Allen - jetzt lebt er mit den Konsequenzen: Alle Welt hält ihn für den tiefgründigsten Komiker überhaupt.

Allen. Woody Allen. Auch rote Haare und eine dicke Brille können unverwechselbar machen

(Foto: Foto: Getty)

Sein Brille ist dafür entscheidend. Es gibt keinen anderen Brillenträger, den man so leicht erkennen würde. Jüngst hat Allen einen amerikanischen Modehersteller verklagt, weil der mit einer Allen-Aufnahme aus "Der Stadtneurotiker" warb. Allen ist zwar als Rabbi mit langem Bart geradzu vermummt; wer da vom Plakat hinuntersieht, ist dennoch unverkennbar: Zu dominant ist seine Brille, zu sehr ein fast angewachsenes Markenzeichen - und wenn man sich Fotos seit den sechziger Jahren anschaut, dann bleibt das Modell grundsätzlich gleich. Der gleiche breite Rahmen mit ovalen Gläsern. Vor allem ist das Gestell eins: groß und breit im Gesicht.

Time schrieb über seine Züge, die Haare sähen aus, als seien sie im Windkanal getrocknet, dieses Gesicht solle man "nicht malen, sondern tapezieren." Sagen wir mal so: Allen hat es mit seiner Brille geschmackssicher eingerichtet.

Niemand anders trug sie mit einer demonstrativeren Selbstverständlichkeit und kombinierte ihre intellektuellen wie komischen Signale so angemessen mit Worten. Ein gestottertes Sperrfeuer kam aus diesem Mund - stets konnte man sich sicher sein, dass immer noch etwa Kluges oder zumindest Witziges darunter sei, wenn man beim Hören denn mitkommt. Dass er nur einmal, 1967, Werbung für Sonnenbrillen machte, passt gut ins Bild: Die Brille wird bei Allen als Zeichen und ironischer Bruch der eigenen Denkkraft getragen, nie aber als cooles Accessoire. Der kleine Mann mit dem großen Horngestell wusste schnell genau, was zu ihm passt.

Gleich in seinem ersten Film "Woody der Unglücksrabe" bestimmt die Brille die Handlung, wird mehrfach zerbrochen und der tolpatschige Titelheld deshalb als Gangster überführt. Stets ist der schwarze Rahmen dabei, ob Allen einen Bogey-Mantel trägt in "Mach's noch einmal, Sam" oder in anderen Filmen mit raushängender Zunge russischen Adelsfrauen nachgeifert, zerzaust aus einer Zukunftsmaschine names Orgasmotron steigt oder ein Spermum spielt: Ein kleiner überdrehter Hüpfer, dem man wegen der Brille alles durchgehen lässt.

In späteren Filmen ersetzt er die zotigen Witze zunehmend mit intellektuellem Grosstadtflair, die Brille trägt er dennoch stets mit einer Prise Humor. Nichts ist schlimmer, als wenn man mit der Brille auch das eigene Ich unversehens zu ernst nimmt - das ist die befreiende Allen-Botschaft. Woody als Gegenbild zum Gravitätischen der Hornbrille in Politikergesichtern.

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Ein Mann, eine Brille

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