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Wein-Skandal in Italien:"Skandale haben auch etwas Reinigendes"

Italien hat einen handfesten Wein-Skandal. Weinhändler Eberhard Spangenberg über gefälschten Brunello und die Auswirkungen der Panscherei für die Konsumenten.

Titus Arnu

Dioxin im Mozzarella, Salzsäure im Wein, gefälschter Brunello - italienische Lebensmittel sind in der Krise. 70 Millionen Liter Billigwein sollen mit einem lebensgefährlichen Cocktail aus Zucker, Wasser und Salzsäure gepanscht worden sein. Geschummelt wurde auch mit dem angesehenen und teuren Rotwein Brunello di Montalcino. Eberhard Spangenberg, Geschäftsführer der Münchner Weinhandlung Garibaldi, die sich auf italienische Weine spezialisiert hat, kommt gerade von der Weinmesse "Vinitaly" aus Verona zurück - und berichtet von aufgebrachten Winzern und verunsicherten Kunden.

Eberhard Spangenberg; oh

Weinhändler Eberhard Spangenberg hat aufgeregte Kollegen in Italien getroffen.

(Foto: Foto: oh)

SZ: Welchen italienischen Rotwein kann man noch trinken, welchen nicht?

Spangenberg: Das ist genau die Frage, die sich die Leute stellen. Zunächst mal muss man klar unterscheiden: Es gibt zwei Weinskandale. In dem einen Fall geht es um absolute Schrottweine und um kriminelle Weinpanscherei auf niedrigstem Niveau. Im anderen Fall geht es um nicht gesetzeskonform produzierten Brunello, der aber keine Gefahr für den Konsumenten darstellt.

SZ: Wie kann man sichergehen, keinen Salzsäure-Wein zu kaufen?

Spangenberg: Das ist schwierig. Die meisten Leute kaufen solche Billigweine ja im Supermarkt oder im Internet, wo es keine Fachberatung gibt. Im Moment wissen wir leider noch nicht einmal, ob diese Weine überhaupt nach Deutschland gelangt sind. Es handelt sich jedenfalls um Billigstprodukte, die pro Flasche weniger als zwei Euro kosten, und um Weine, die in Kanistern verkauft werden, die Marken sind noch nicht bekannt. Beim Brunello sieht es anders aus.

SZ: Wie denn?

Spangenberg: Die betroffenen Weine enthalten keine gesundheitsgefährdenden Substanzen, sie sind insofern nicht schädlich für den Konsumenten. Aber es gibt sehr strenge Gesetze für DOCG-Produkte, die genau festlegen, wie bestimmte Sorten produziert werden dürfen. Brunello di Montalcino muss zu 100 Prozent aus Sangiovese-Trauben gemacht werden. Einige Winzer haben da wohl geschummelt und andere Rebsorten beigemischt. Auch die größten und bekanntesten Brunello-Weingüter sind beteiligt: Antinori, Freschobaldi, Castello Banfi und Argiano.

SZ: Der Brunello gilt als einer der besten Weine der Welt. Warum riskieren die Winzer mit Verschnitten ihren Ruf?

Spangenberg: Um ihre Weine zu verbessern. Sangiovese ist eine schwierige Rebsorte, es ist viel leichter, einen runden Brunello zu machen, indem man Sangiovese mit anderen Sorten wie Cabernet oder Merlot mischt. Der Erfolg eines Spitzenweines hängt auch von den Bewertungen ab, die er von Weinexperten wie Robert Parker erhält - also machen manche Winzer den Wein so, dass er deren Geschmack möglichst gut trifft und möglichst vielen Leuten schmeckt. Ein echter Brunello von einem kleinen Produzenten unterliegt dagegen je nach Jahrgang großen Schwankungen.

SZ: Was wird der Weinskandal bei den italienischen Winzern bewirken?

Spangenberg: Viele befürchten, dass der italienische Wein insgesamt einen Imageschaden erleiden könnte. Der Skandal könnte aber auch einen positiven Einfluss haben. Winzer, die einen guten und ehrlichen Wein machen, könnten durch die Sache gestärkt werden. Ein Skandal hat ja auch etwas Reinigendes.

SZ: Werden die Weinkenner sich nun vom Brunello abwenden?

Spangenberg: Das glaube ich nicht. Viele Kunden fragen besorgt, aber die meisten können wir beruhigen, denn die in Italien beschlagnahmten Weine führen wir gar nicht. Sie sind ja auch nicht giftig, sondern nur auf unerlaubte Weise verbessert worden. Wahrscheinlich dürfen die betroffenen Winzer ihren Wein sogar verkaufen, nicht als Brunello, sondern als toskanischen Tafelwein. Das wird ein sehr, sehr guter Tafelwein sein.

© SZ vom 8.4.2008
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