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Weihnachtsstress:"Wir erleiden Weihnachten"

sueddeutsche.de: Wie bekommt man denn kommunikativ die Kurve, wenn trotzdem Streit ausbricht?

Maragkos; oh

Markos Maragkos ist Diplom-Psychologe an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität.

(Foto: Foto: oh)

Maragkos: Dann sollte man sparsam mit Vorwürfen umgehen. Wenn ich das Gegenüber konfrontiere mit Sätzen wie: "Du hast aber ..." und "Du willst doch ...", fühlt sich der andere sofort angegriffen. Vielmehr sollte man von sich sprechen: "Ich habe den Eindruck, dass ..." oder "Mir wäre es lieber, wenn ...". Natürlich gibt es Familien, in denen die Fronten bereits verhärtet sind. Dann sollte man rechtzeitig ein klärendes Gespräch suchen - und zwar nicht erst am 20. Dezember. Das kann die Tür für Weihnachten öffnen.

sueddeutsche.de: Wir reden bislang über Menschen, die jemanden zum Streiten haben. Was können alleinstehende und einsame Menschen tun, die der Gedanke an das "Fest der Liebe" stresst?

Maragkos: Weihnachten ist für diese Menschen eine anspruchsvolle Zeit: Das Alleinsein tritt besonders deutlich zutage. Tagsüber sind keine Kollegen da, die einen ablenken könnten, die Abende sind lang. In der Weihnachtszeit können sich Depressionen verschlimmern. Ich rate dazu, Kontakte zu suchen - neue oder alte. Es gibt schließlich andere einsame Menschen. Wie feiern denn die Weihnachten? Über Kontaktbörsen im Internet kann man sich verabreden. Das ist alles andere als verwerflich, sondern eine gute Maßnahme gegen Einsamkeit. Man sollte sie nur rechtzeitig einleiten. Oder man nimmt Kontakt zu Menschen auf, denen man wegen mittlerweile "verjährter" Streits aus dem Weg gegangen ist. Auch das sollte man frühzeitig angehen.

sueddeutsche.de: Wie können Menschen mit dem Fest umgehen, die im vergangenen Jahr einen geliebten Menschen verloren haben?

Maragkos: Ich rate zu guten Ritualen. Räumen Sie der Person, die leider nicht mehr dabei sein kann, einen Platz ein. Es hilft, an Heiligabend ganz bewusst an den Verstorbenen zu denken, über ihn zu sprechen - und ihm vielleicht sogar ein kleines Geschenk zu kaufen. Als Zeichen dafür, dass man ihn nicht vergessen hat. Auch mit einem Foto kann man ihn in die Runde integrieren. Wenn Ihnen nach Weinen ist, unterdrücken Sie die Gefühle nicht. Weihnachten ist auch ein Fest, an dem man Traurigkeit teilen kann. Dennoch sollte man vermeiden, die Person in den absoluten Mittelpunkt zustellen. Man kann an sie denken und zugleich angemessen feiern.

sueddeutsche.de: Und wenn einem nicht nach Feiern zumute ist?

Maragkos: Hinterbliebene erlauben sich oft nicht, Weihnachten zu feiern. Sie fürchten, die verstorbene Person dadurch zu kränken oder zu "entehren". Sie verzichten auf ein Festessen, obwohl gerade das ein wichtiger Bestandteil ist. Doch im Gegenteil: Sie können die Person ehren und ihrer gedenken, indem Sie zum Beispiel ihre Lieblingsnachspeise kochen.

sueddeutsche.de: Was raten Sie Menschen, die sich vor lauter Traurigkeit zurückziehen?

Maragkos: Auf keinen Fall alleine bleiben an Weihnachten! Hinterbliebene haben häufig den Eindruck, sie können sich niemandem "zumuten". Sie glauben, mit ihrer Trauer die Weihnachtsfreude der anderen zu schmälern und lehnen deshalb Einladungen ab. Oder sie fürchten, die Freude anderer würde ihre Trauer nur verstärken. Ich rate Trauernden, die Gesellschaft von Menschen zu suchen, mit denen sie ihr Leid teilen können. Sie sollten versuchen, Weihnachten zu feiern - nicht trotz, sondern mit der Trauer.