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Umwelt:Hackfleisch mit Keksverzierung

Genosse Brockoli, Best Buddy Banane, Lieblingslauch. Ada und Emil wollen das nicht wegwerfen. Illustration: Henriette Artz; Foto: privat

Irre Mengen an Lebensmitteln landen Tag für Tag im Müll. Und das, obwohl man sie noch essen kann. Die Familie von Ada, 9, und Emil, 11, findet das doof - und geht deshalb Essen retten statt einkaufen. Über einen Alltag, bei dem Joghurt Glückssache ist.

Von Katrin Freiburghaus

Zum Einkaufen brauchen Ada und Emil weder Geld noch Tasche noch Einkaufszettel. Nicht mal Schuhe müssen die beiden dafür anziehen. Statt in den Supermarkt gehen die Geschwister nämlich einfach in die Garage. Dort stapeln sich Kisten mit Lebensmitteln. Auberginen und Bananen sind heute dabei, außerdem Keksverzierung, Hackfleisch, Haferflocken und Süßstoff. "Und Himbeeren!", ruft Ada, als sie eine ganze Reihe kleiner Plastikschachteln entdeckt. Emil schaut kurz auf und reckt den Daumen, dann sucht er weiter. Joghurt? Den löffelt er abends gerne beim Fernsehen. Ob es auch Schokoflocken gibt?

Das Essen in den Kisten hat die Familie der Geschwister vor dem Müll gerettet. Dort landen allein in Deutschland jedes Jahr 18 Millionen Tonnen Lebensmittel. Das ist mehr, als alle Einwohner von Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und der Schweiz zusammen auf die Waage bringen. Vor allem aber ist es eine gigantische Verschwendung, mit der sich die sechsköpfige Münchner Familie nicht abfinden will.

Seit vier Jahren machen sie deshalb bei dem Verein Foodsharing mit. Das bedeutet übersetzt so viel wie "Essen teilen". Tatsächlich essen Ada und Emil das gerettete Essen nämlich nicht nur selbst, sondern verteilen es auch an ihre Nachbarn. Was danach noch übrig ist, fahren sie zu einem Nachbarschaftstreff. Dort kann sich jeder abholen, was er will.

Einmal in der Woche holt Mutter Danijela die Lebensmittel bei einem Supermarkt ab. Ganz früh am Morgen parkt sie dafür vor dem Lieferanteneingang und verlädt alles bis auf offensichtlich Verdorbenes in den Kofferraum. Ausgesucht wird später. Meist ist es ein wilder Mix aus Produkten, die nur eines gemeinsam haben: Sie wurden aussortiert. Sie einfach aus dem Müll zu klauben ist in Deutschland verboten. Sie nach Absprache abzuholen, bevor sie in der Tonne landen, ist hingegen erlaubt.

Zu Hause warten Ada und Emil. Es ist für sie spannend, was dabei ist. Schließlich hängt davon ab, was bei der Familie auf den Tisch kommt. Sie verteilen die Kisten in der Garage. Das Auto muss längst draußen parken. Die Regel ist: Wer das Essen abholt, darf sich aussuchen, was er haben will. Erst danach wird die Nachbarschaft benachrichtigt. Normal eingekauft wird bei Ada und Emil fast gar nicht mehr.

Heute ist Emil nicht ganz zufrieden. Der Joghurt fehlt. Dafür gibt es Knoblauchbaguette und Bananen. "Das find ich gut." Oft rettet seine Mutter auch Sachen, die sie niemals kaufen würde. Weil zu viel Verpackung drumherum ist oder sie zu süß sind. Nach Weihnachten oder Ostern zum Beispiel gibt es oft kistenweise Schokolade.

Die Lebensmittel, die in Deutschland weggeworfen werden, sind meist nicht verdorben. Es kauft sie nur niemand mehr, weil ein Fest vorbei ist, sie eine Delle oder braune Flecken oder eine beschädigte Verpackung haben. Oder weil das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist. "Abgelaufenen Ketchup würde ich unbedingt draußen öffnen", sagt Emil und lacht. "Als unsere große Schwester das mal versucht hat", erzählt Ada weiter, "ist die Flasche explodiert und wir mussten in der Küche die Decke neu streichen." Sogar Lesebrillen und Socken hat die Familie schon gerettet. "Dabei werden die doch garantiert nicht schlecht", sagt Emil. "So was verstehe ich echt überhaupt nicht."

Seit er und seine Familie Essen retten, versteht Emil eine Menge nicht mehr. Er findet blöd, dass so viel weggeworfen wird. Manche Mitschüler halten das gerettete Essen für Müll. "Das stimmt aber nicht", sagt er fast ein bisschen wütend. "Ich will, dass meine Mama mal eine ganze Ladung in die Schule bringt, damit die anderen sehen, was da für coole Sachen weggeworfen werden!"

Seiner Familie geht es nicht darum, Geld zu sparen. Sie retten das Essen aus Überzeugung. Weil mit den Lebensmitteln auch die ganze Arbeit und Energie verschwendet wird, die für die Herstellung benötigt wurde. Eine wichtige Regel ist für Ada und Emil deshalb, von den geretteten Sachen so wenig wie möglich wegzuwerfen. Das klingt anstrengend, schmeckt aber oft richtig lecker. "Als wir im Sommer ganz viele Erdbeeren gerettet haben", sagt Emil, "da haben wir halt einfach Marmelade gekocht."

© SZ vom 14.11.2020
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