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Tierwelt:Puhhhh!

Viele Bären leben unter fiesen Bedingungen in Gefangenschaft. In Müritz bekommen sie eine neue Chance - und einen Wald für sich.

Von Bettina Schütz

Faulbär oder Braunbär? So entspannt wie hier war es in Lunas Leben nicht immer.

(Foto: ©BÄRENWALD Müritz/Maria Andresen)

Auf der anderen Seite des Zauns ist ein Trampelpfad. Dushi wandert dort hin und her, immer und immer wieder. Von ihrer Ruhehöhle bis in die Ecke ihres Geheges und wieder zurück. Das ist anstrengend für die Braunbärin, denn sie läuft nur auf drei Tatzen. Wie sie ihre linke Vorderpfote verloren hat, weiß niemand.

Was die Tierpflegerinnen aber wissen: Die Bärin hat jahrelang in einem viel zu kleinen Käfig in einem Safari-Park gelebt und dort sehr gelitten. Dushi ist noch immer gestresst davon, deshalb verhält sie sich manchmal komisch. Auch jetzt noch, nach mehr als einem Jahr im Bärenwald Müritz. Das ist ein Schutzzentrum für Bären, das von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten betrieben wird. Auf dem hügeligen und waldigen Gelände in Mecklenburg-Vorpommern leben derzeit 15 Bären - auf einer Fläche so groß wie 16 Fußballfelder. Sie alle haben eine Gemeinsamkeit: Bevor sie nach Müritz kamen, lebten sie in Gefangenschaft und wurden schlecht behandelt.

Da ist zum Beispiel Rocco, der acht Jahre lang in einem Metallkäfig auf einem Hinterhof in Albanien eingesperrt war. Oder die Bärengeschwister Sylvia und Pavle, die früher völlig abgemagert in einem Zirkus lebten. Da ist der 300-Kilo-Koloss Balou, der sein Leben in einem Park ohne Rückzugsmöglichkeiten fristete. Und die scheue Luna, die mit ihrem plüschigen, hellbraunen Fell mehr nach Teddy als nach Raubtier aussieht. Luna ist die Jüngste im Bärenwald. Sie war erst wenige Monate alt, als sie von ihrer Mutter getrennt und in einen Vergnügungspark gebracht wurde, wo sie ständig Lärm und Besuchern ausgesetzt war.

Wie sich das anfühlt, können die Besucher in einer Art Tunnel nachempfinden. Dort verdunkelt eine Augenbinde alles, nur ein Handlauf bietet Orientierung. Daran tastet man sich entlang, stößt an Gitterstäbe und hört Geräusche und Stimmen, die man nicht einordnen kann. Etwa so erleben Bären die Gefangenschaft - und es ist beängstigend.

Im Bärenwald sollen die Tiere ihre schlechten Erlebnisse vergessen. Er ist so etwas wie ein Sanatorium für Bären. Die Tierpflegerinnen und Pfleger setzen alles daran, dass sie es so schön und so natürlich wie möglich haben. Obwohl keiner der Bären je in der Wildnis wird leben können, soll es sich doch so anfühlen: Alle Bären haben zum Beispiel Teiche oder Badebecken, denn frei lebende Bären lieben Bäder und brauchen Wasser für die Fellpflege. Jedes Tier hat außerdem viel Platz und ein eigenes Stück Wald, damit es sich zurückziehen kann. So können die Bären selbst entscheiden, ob sie sich den Besuchern zeigen wollen oder nicht. Das ist wichtig, denn Bären sind Einzelgänger und nur glücklich, wenn sie auch mal Ruhe haben. Im Winter verschwinden sie sogar ganz, um Winterruhe zu halten. Viele Bärenbewohner mussten das Schlafen erst wieder lernen, weil sie in ihrem vorigen Leben nie Winterruhe halten durften. Außerdem denken sich die Pfleger Spiele aus, um die Tiere zum Graben, Klettern und Baden anzuregen. Viele müssen auch all das erst lernen - obwohl es das ist, was Bären in der Natur eigentlich tun.

Und was ist mit dem Bärenhunger? Ein- bis zweimal am Tag verstecken die Pfleger Futter für die Bären - hinter Büschen und Bäumen, in Futterbällen oder aufgehängten Autoreifen. Sie spießen Äpfel auf Äste, hängen Weintrauben an Zweige oder vergraben Gemüse unter einem Steinhaufen. So können die Tiere umherstreifen und sind beschäftigt. Denn in der Wildnis verbringen sie bis zu 15 Stunden am Tag mit Futtersuche. Zwölf Kilogramm vertilgen sie dabei, das ist fast eine Schubkarre voll mit Gemüse, Obst, Brot, Eiern, Hundefutter, Fleisch und Nüssen. Beim Vorbereiten des Futters können die Besucher den Pflegern übrigens manchmal über die Schulter schauen. Lustig: Jeder Bär hat eine Leibspeise. Balou zum Beispiel liebt Möhren und Tomaten, Dushi Weintrauben und Luna kann von Wassermelonen nie genug bekommen. Manchmal sind sich Bären und Menschen eben sehr ähnlich.

© SZ vom 18.07.2020

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