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Thema der Woche:Fotofalle

Sams? Sommersprossen? Pickel? Nein. Solche Punkte nutzen Computer, um automatisch Gesichter zu erkennen – diese sind aber nur reingemalt.

(Foto: GCA/Bearbeitung SZ)

Gesichter sind genauso einzigartig wie Fingerabdrücke. Eine App erkennt sie auf Fotos und liefert private Informationen über die abgebildeten Menschen. In den USA wird sie bereits von der Polizei genutzt. Was bedeutet das alles?

Manche Menschen können sich Gesichter nur sehr schlecht merken. Andere vergessen niemanden, den sie einmal gesehen haben. Beides ist selten, Letzteres zumindest nützlich: Bei der Münchner Polizei zum Beispiel arbeiten 32 Super-Erkenner. Sie suchen in Menschenmengen nach Straftätern, die sie auf Fotos oder Videos gesehen haben. Mehr als 200 Fälle haben sie mit ihren Fähigkeiten schon gelöst, Computer können da nicht mithalten.

Bis jetzt! Am Wochenende wurde bekannt, dass manche Polizisten in den USA eine App namens Clearview nutzen. Auch sie erkennt Menschen anhand von Fotos - und liefert direkt passende Informationen: Name, Alter, Wohnort, Beruf und vieles mehr. Die App weiß solche Dinge, weil sie Zugriff auf eine gigantische Datenbank mit mehr als drei Milliarden Bildern hat. Die meisten stammen von Internetseiten wie Instagram, Facebook, Twitter oder Youtube und wurden mit einer Art Datenstaubsauger gesammelt.

Clearview heißt übersetzt "klare Sicht". Doch aktuell ist vieles unklar: Warum wurde die App geheim gehalten? Wer hat alles damit spioniert? Und ist das überhaupt legal? Noch kann man solche Apps nicht einfach runterladen. Und sie funktionieren auch noch nicht reibungslos. Bis es so weit ist, muss die Politik klare Regeln schaffen. Aber warum ist es überhaupt schlimm, wenn die Polizei, Unternehmen oder der Sitznachbar im Bus auf Knopfdruck erfahren können, wo sich Menschen aufhalten, ob sie Tischtennis oder Marshmallows mögen oder wie alt sie sind?

Das Problem ist, dass es dann keine Privatsphäre mehr gäbe. Staat, Chef oder Nachbarn müssen nicht wissen, wofür man demonstriert, wo man einkauft, wen man liebt oder welche Partei man wählt. Es geht sie nichts an. Außerdem: Was würden sie mit diesen Informationen alles tun? Der besten Freundin verrät man schließlich ganz andere Dinge als dem Sitznachbarn im Bus.

© SZ vom 25.01.2020
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