Taktikänderung Mach dir dein Bild

Die einen können sich nicht oft genug fotografieren. Die anderen finden Selfies albern. Jetzt wollen Konzerne das digitale Selbstporträt durchsetzen.

Von Laura Hertreiter

Arm ausstrecken. Lächeln. Knipsen. Hilft ja nichts. Ja, auch wenn Sie Selfies schon des Namens wegen albern finden. Ja, auch wenn Sie sich überhaupt nicht in soziale Netzwerken einloggen, in denen das Bild gemocht oder kommentiert werden könnte. Und ja, auch wenn Ihre eigene Nase selbst fotografiert überdimensional wirkt. Klick. Vielen Dank, Ihr Geld wird überwiesen.

Bald schon könnte niemand mehr um das digitale Selbstporträt herumkommen. Denn Konzerne haben das Selfie als Identitätsnachweis entdeckt. Knipsen statt Pincode. Mastercard will noch in diesem Jahr ein Bezahlsystem anbieten, bei dem Kunden auf diese Weise bezahlen. Handy vors Gesicht, blinzeln, fotografieren. Das Blinzeln solle verhindern, dass Betrüger einfach ein vorgefertigtes Bild vor die Kamera halten. Kreditkartenkonkurrent Visa testet eine ähnliche Methode.

Auch der Onlinehändler Amazon hat laut einem kürzlich veröffentlichten Patentantrag ähnliche Pläne. Der Benutzer soll demnach ein Selbstporträt mit seinem Smartphone oder ein Video von sich aufnehmen, um sich für seine Bestellungen anzumelden. Ausgeklügelter noch als das Mastercard-Blinzeln soll das System den Kunden nach dem Zufallsprinzip auffordern, unterschiedliche "Augenbewegungen oder Ähnliches" zu machen. Grimasse bitte. Klick. Vielen Dank, Ihre Bestellung wird versandt.

Selfiekönigin Kim Kardashian (li.) bei ihrer Lieblingsbeschäftigung mit US-Politikerin Hillary Clinton - für die Fans auf Instagram und den Rest der Welt.

(Foto: ddp images/Instagram)

Das Selfie als neuer Pincode. Supersache - zumindest für alle, die soziale Netzwerke ohnehin täglich mit Millionen Selbstbildnissen fluten. Nie wieder Zahlendreher, nie wieder krampfiges Nummerntippen hinter vorgehaltener Hand, nie wieder paranoide Schulterblicke.

Und Selfie-Skeptiker? Wenn sich die Methode durchsetzt, könnten sie bald vor der unvermeidlichen Zwangsbekehrung stehen. Betroffen sind davon nicht Menschen, die mehr Füllfederhalter als Facebook sind, mehr Datenschutz als Duckface, mehr analog als digital. Denn nicht nur die Masse der Internetkritiker, sondern auch die der netzwerkenden Digitalmenschen teilt sich aus rätselhaften Gründen schon immer in zwei Lager.

Zum einen gibt es Nutzer, die selbst gemachte Profilbilder häufiger wechseln als ihren Haarschnitt. Die Sonnenuntergängen, Denkmälern oder wilden Tieren reflexartig den Rücken zukehren, um sich selbst davor zu fotografieren. Die sekundenschnell Teint, Augenfarbe, Haarglanz mit Bildbearbeitungsprogrammen optimieren. Und es gibt Nutzer, denen die Pose mit ausgestrecktem Selfie-Arm unangenehm ist. Die im Leben keinen Selfie-Stick anfassen würden. Denen der Anblick des eigenen Gesichts auf dem Display egal ist. Oder unangenehm. Zu kimkardashian.

Das Selfie ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts: Der Fotograf David Bailey mit dem Künstler Salvador Dalí (1972).

(Foto: David Bailey)

Über die mehr oder weniger katastrophalen Folgen des Selfieknipsens und Selfiekonsumierens wurde so viel geschrieben, dass ein Verbot oder zumindest Warnhinweise längst denkbar sind. Vorsicht! Diese perfekt inszenierten Bilder können Depressionen verursachen! Und zu Essstörungen führen! Oder auch: Vorsicht, Lebensgefahr! Denn schlimmstenfalls, so viel steht fest, bedeuten Selfies den Tod. Das belegen allein die Pressemeldungen des vergangenen Jahres aus aller Welt.

Im Januar posierten zwei Männer für ein Selbstbild mit entsicherter Handgranate im russischen Uralgebirge. Übrig blieb nur das Smartphone. Im März drängten sich sieben Inder an Deck eines Bootes, Gruppenselfie. Es kenterte, keine Überlebenden. Im Mai fiel ein Indonesier in einen Vulkankrater auf Java. Im Juli starb ein Wanderer in Wales bei einem Gewitter, laut Behörden hatte der Blitz in seinen Selfie-Stick eingeschlagen. Etwa zur selben Zeit startete die russische Regierung eine Warnkampagne, da im Land Dutzende Menschen bei Selbstporträtversuchen gestorben und Hunderte verletzt seien.

Astronaut Charles "Pete" Conrad wird bei der Mondlandung im Helm seines Kollegen Alan Bean reflektiert (1969).

(Foto: The LIFE Picture Collection/Getty)

So viel steht also fest: Selfies können hochriskant sein. Mysteriös aber bleibt, warum sie manchen Menschen Freude bereiten - und anderen nicht. In den vergangenen Jahren hat die Wissenschaft immer wieder versucht, Antworten auf die Frage zu finden. Die grellste: Wer ständig Selfies poste, sei ein Narzisst. Genau das könnte der Hauptgrund für Selfie-Gegner sein. Etwa für die mehr als tausend Mitglieder des digitalen Anti-Selfie-Clubs, die Gesichter auf ihren Fotos mit schwarzen Quadraten, Kreisen und Kreuzen auslöschen.

Anlass für die Narzissmus-These ist unter anderem die Forschung von Jesse Fox, Dozentin für Kommunikation an der amerikanischen Ohio State University. Sie veröffentlichte im vergangenen Jahr eine Studie, für die sie und ihre Kollegen 800 zwischen 18 und 40 Jahre alte Männer zu ihrem Fotoverhalten im Netz befragt hatten. Diejenigen Teilnehmer, die ihre Selfies hingebungsvoll bearbeiteten und in großer Zahl posteten, neigten zum Narzissmus, lautete das Ergebnis. Was gern übersehen wurde: Insgesamt lagen alle Verhaltensweisen "im normalen Bereich". Das heißt: Die Selfiekönige der Studie waren möglicherweise selbstverliebter als die anderen Teilnehmer, aber keinesfalls pathologische Narzissten.

Oscar-Selfie von Bradley Cooper mit Hollywood-Stars (2014).

(Foto: ABC)

Andere Wissenschaftler gehen vom Gegenteil aus. Uwe Hasebrink, der in Hamburg zur Mediennutzung forscht, etwa. Das Selfie, sagt er, bilde lediglich die Anforderung der Gesellschaft ab: "Wir müssen möglichst individuell, anders, einzigartig sein." Deshalb gelte auch dafür die analoge Regel: "Besonders laut zu schreien, man sei der Tollste, lässt nicht unbedingt auf Selbstbewusstsein schließen."

Viel mehr als um Selbstverliebtheit scheint es um Kontrolle zu gehen. Denn erstens ist das Selfie der bessere Spiegel: Das eigene Bild lässt sich dank Instagramfilter und Photoshop nicht nur mühelos korrigieren, sondern einmal gepostet, erhält man neben der eigenen auch die Zustimmung der anderen per Like und Herzchenkommentar. Die Bamberger Soziologin Bernadette Kneidinger hat Facebook-Nutzer befragt, wie sie in dem Netzwerk interagieren und kam zu dem Ergebnis, dass der Hauptgrund für das Posten von Selfies das Bedürfnis ist zu bestimmen, wer man ist. Zumindest im Netz.

Der Kontrollfaktor hängt dabei direkt mit der Bildlogik zusammen: Das Objekt bestimmt selbst, wie es inszeniert wird, es ist ja zugleich sein Schöpfer. Perspektive, Belichtung, Filter, Zuschnitt - wer ein Selfie postet, zeigt sich so, wie er gern gesehen werden will. Deshalb lieben viele Feministinnen das Selfie. Die Darstellung von Weiblichkeit entziehe sich so der Perspektive des Mannes, dem male gaze. Selbst wenn das Selfie einen nackten Hintern zeigt.

Schön. Nur: Wenn die Kreditkarte oder der Onlinehändler den Fotografen zu Blinzeln und Grimasse auffordern - dann ist die Illusion von Kontrolle mit einem Wimpernschlag erloschen.