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Tagebuch New York:Flaschenpfand in New York

Umweltsünder Amerika? Ganz so einfach ist es nicht, die Amerikaner praktizieren sehr wohl Mülltrennung. Nur haben sie ihren eigenen "way of recycling".

Nikolaus Piper

Amerika produziert zwar unglaublich viel Müll. Anders als viele Deutsche glauben, kennen die Amerikaner aber durchaus Mülltrennung und Recycling. Zum Beispiel ist jede Bier- und Sprudelflasche mit einem Pfand belegt. Es beträgt, ausweislich der Beschriftung, in New York, Connecticut, Hawaii und ein paar anderen Bundesstaaten fünf Cent, in Michigan sogar zehn Cent.

Müllabfuhr New York

Auch wenn Obdachlose achtlos weggeworfene Pfandflaschen sammeln, um ihr Einkommen zu verbessern, bleibt für die New Yorker Müllabfuhr viel zu tun.

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Als ich diesen Tatbestand schon einmal in dieser Kolumne erwähnte, wiesen mich ein paar Leser darauf hin, dass die Regelung überhaupt nichts über die Umweltfreundlichkeit der Amerikaner aussagt. Fünf Cent seien viel zu wenig, um irgendjemanden dazu zu bewegen, sein Leergut in den Supermarkt zu schleppen.

Und die Leser haben recht. Tatsächlich kam ich mir immer ein wenig lästig vor, wenn ich - wie aus Deutschland gewohnt - mit meinen leeren Flaschen bei "Steve's C-Town" an der Kasse erschien. Die Kassiererinnen reagierten meist überrascht und hilflos. Einige mussten ihren Chef fragen, was nun mit diesem Mann und seinem merkwürdigen Begehren zu tun sei. Der wollte wissen, wie viel von dem Zeug ich denn habe, und bedeutete mir, ich solle die Flaschen in die Kiste hinten in der Ecke legen. Er zählte nicht einmal selber nach.

Selbst im Bioladen sind sie nicht darauf vorbereitet, Flaschen zurückzu-nehmen. "Wollen Sie wirklich Geld dafür zurück haben?" fragte mich die Kassiererin entgeistert.

Des Rätsels Lösung: Das Terrain ist besetzt. Wer abends durch die Straßen geht, sieht, wie Obdachlose von Haus zu Haus ziehen und den Müll - oder, wo es sie gibt, die Recycling-Tonnen - durchwühlen. Die Pfandfaschen sammeln sie ein und legen sie zum Beispiel in große Einkaufswagen, die sie vor sich herschieben.

Für viele Obdachlose ist das Sammeln von Pfandflaschen ein wichtiger Teil ih-res Einkommens. Sie bringen sie zu den Supermärkten, wo das Leergut in große Säcke gepackt wird. Einige unserer Nachbarn machen ihnen die Arbeit noch leichter: Am Abend, ehe die Müllabfuhr kommt, hängen sie Plastiktüten mit Pfandflaschen separat und abholbereit an den Treppenaufgang.

Das Modell ist sicher nicht die Lösung für die Sozial- und Umweltprobleme Amerikas. Trotzdem bringe ich mein Leergut heute nicht mehr in den Supermarkt.

weiter zum Eintrag vom 18. Juni 2007: Was ist schon real?

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