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SZ-Serie: Freitagsküche:Café Central, Wien

Café Central, Wien

CAFE CENTRAL

Zelebriert sich selbst in den Gewölbehallen des Palais Ferstl: das Wiener Café Central

(Foto: ag.ap)

Sein "Schalerl" Kaffee in einer Kathedrale zu trinken, mag manche Seele erheben, andere lässt es schaudern. Das Café Central in der Herrengasse zu Wien, das an Berühmtheit alles in der an berühmten Kaffeehäusern so reichen Stadt überstrahlt, zelebriert sich selbst in den Gewölbehallen des Palais Ferstl, eines kolossalen Palastes der Neorenaissance. Die Ober beherrschen wie keine sonst, das Heischen eines durstigen Gastes ungerührt zu ignorieren, und den aus unerfindlichen Gründen Ungelittenen so lange darben zu lassen, bis er den Rückzug antritt. Gelittenen wird mit einer grandiosen Mischung aus Unterwürfigkeit und Herablassung serviert, wie es sie nur im Central gibt.

Beim Eintritt erschrickt man, grüßte man doch versehentlich den schnauzbärtigen Kahlkopf am ersten Tisch. Schriftsteller Peter Altenberg, der da hockt, ist aus Pappmaché - trauriger Abglanz der legendären Runde an Literaten und Poeten, die sich hier einst um ihn scharte, mit Alfred Adler, Egon Friedell, Hugo von Hofmannsthal, Anton Kuh, Adolf Loos, Leo Perutz und Alfred Polgar. Wie hatte Polgar damals geschrieben? "Das Central ist nämlich kein Caféhaus (...), sondern eine Weltanschauung." Heute hier im roten Plüsch, in dem schon Trotzki Schach spielte und Karl Kraus diskutierte, zu lesen, zu dösen, Kaffee zu erlesenen Süßigkeiten (und astronomischen Preisen) zu schlürfen, kann stocksteif machen vor musealer Feierlichkeit. Das Café Central gehört in den Wiener Museums-, nicht in den Gastronomieführer.

(Michael Frank)

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