SZ-Reihe "Deutschlandreise" Man treibt schön dahin

Rings ums "Höfle" in Denzlingen im Breisgau hat sich alles verändert. Nur das Wirtshaus bleibt, wie es war - zum Glück.

Von Monika Goetsch

Manchmal, wenn alles genau so sein soll wie immer, geht man in Gasthäuser wie das Höfle. Drückt am Fenster des Gasthofs auf die Glocke, gibt die Bestellung auf. Balanciert ein rundes Tablett mit Getränken zum Tisch unterm Baum. Schlürft zufrieden seine Schorle und isst Nudelsuppe mit Rindfleisch oder ein Leberwurstbrot mit sehr vielen rohen Zwiebeln und Senf. Kinder toben auf dem Spielplatz. Die Luft riecht nach Stall.

Kein Gedanke an Römer und Alemannen, alte Gräber und neue archäologische Technik, wenn man so mit Blick auf den Schwarzwald den Tag verhockt. Dass man hier auf zweitausend Jahren Geschichte sitzt: geschenkt. Ein Schild seitlich am Haus erinnert zwar daran. Aber für den, der am Gutedel nippt, ist da nur das Wirtshaus mit seinen in Sandstein gefassten Fenstern. Leicht erhöht über den Wiesen und Feldern und der einst wild mäandrierenden Elz gelegen, die heute begradigt dahinströmt. Durchaus kein gehobener Gasthof. Aber einer, der ist, was er immer war.

Seit 90 Jahren hat die Familie Trenkle den Hof gepachtet. Nebenan eröffnete in dieser Zeit ein Sportbad von ehrgeizigen Ausmaßen. Zehnmeterturm, Fünfzigmeterbahn, Kinderbecken, Sportplätze, Wiesen. Ebenfalls in den Siebzigerjahren wurde auf der anderen Straßenseite ein Wohngebiet hochgezogen, in Denzlingen "Klein-Manhattan" genannt, der mehrstöckigen Häuser wegen.

Das lange, einem Bachlauf folgende Dorf schwoll an, wie 1960 vom Innenministerium Baden-Württemberg beschlossen. Denzlingen, so das Vorhaben, solle "Entlastungsort" Freiburgs sein. Die Zahl seiner Einwohner wuchs binnen weniger Jahrzehnte an auf das Dreifache. Schneller als Mexiko-City, erzählt man sich. Die Neubauten, die sich in die Fläche fraßen, gehorchten dem jeweiligen Zeitgeschmack. Schlichte weiße Klötze mit Abstandsgrün, dunkelgraue Türme mit farbigen Balkonen; später, als es begann, enger zu werden, toskanisch anmutendes Gedränge in Pastell. Inzwischen ist der Ort, der einmal aus Höfen, kleinen Sandsteinbrücken und Feldern bestand, vor allem nüchtern und praktisch. 13 567 Einwohner. Ein Bildungszentrum. Ein Kulturhaus. Ein Seniorenzentrum. Und sogar ein Stadtpark.

Alles ist also anders geworden mit der Zeit. Nur das Höfle nicht. Eine Beharrlichkeit, die sicher dem Charakter des Pächters zu verdanken ist. Denn Andreas Trenkle schätzt Veränderungen nicht sehr. "'S isch halt so", sagt er gern.

Der mächtige Holzofen in der Küche zum Beispiel. Ziemlich mühsam zu befeuern und zu reinigen. Aber die Schnitzel geraten gut über dem Feuer, und so soll es bleiben. Trenkle weiß schon, dass man die Qualität eines Wirtshauses heute nicht mehr daran misst, wie groß die Portionen sind, sondern Kalorien zählt. Trotzdem verwendet er weiterhin Schmalz beim Braten. Schmiert die Butter, wie in seiner Kindheit, sehr dick aufs selbstgebackene Brot, das "a weng (ein wenig) das Markenzeichen" sei. Seine Mutter ging schließlich auch wöchentlich ins Brothäusle neben dem Gasthof und buk selbst, Woche für Woche. Ein Kreuz malte sie in jeden Laib. Helles, dichtes Brot mit fester Kruste. Ein ziemlicher Aufwand. Na und? Wenn's nun mal "so isch"?

Man könnte den Mann darum stoisch nennen oder auch stur oder bescheiden. Wie auch immer: Während andere Leute sich und die Welt zu optimieren versuchen, versucht er zu halten, was schon immer so war. Die Wirtsfamilie wohnt und arbeitet, wo bereits seine Eltern, seine Groß- und Urgroßeltern wohnten und arbeiteten. Man schläft im ersten Stock des Hauses. Eine Küche gibt es da oben nicht. Denn kochen und essen kann man ja genauso gut unten, im Wirtshaus.

Die kaum veränderte Bauernwirtschaft heute: Der Hof reicht fast zwei Jahrtausende zurück. Eine Weile musste man im Gasthaus fürchten, nur noch die allzu Trinkfesten kämen her. Aber dann lockten Liveübetragungen die Fußballfreunde, der Gastgarten und der „Wurschtsalat“ die Radler, und die alten Denzlinger behielten ihr Refugium.

(Foto: Monika Goetsch)

An diesem Küchentisch reicht die Erinnerung zurück in Zeiten, als man die Gänsefedern fürs Kopfkissen selbst rupfte. Die Tante Trenkles weiß noch, wie es sich anfühlte, in kalten Kriegswintern Milch und Eier auf dem Schlitten ins Dorf zu ziehen, als Abgabe, voller Angst, es könnte was auslaufen oder kaputtgehen. Immer haben auch die Kinder "schaffe müsse", im Wirtshaus, vor allem aber in der Landwirtschaft. Denn den Wirtshausbetrieb führte man früher eher nebenbei.

Den Trenkles und manchen Gästen, die tagein, tagaus am Stammtisch sitzen, steht auch vor Augen, was nicht mehr da ist. Die Jukebox zum Beispiel, die bis in die frühen Achtzigerjahre hinein in der Gaststube stand und das Sprichwort herausforderte, ob man über Geschmack nicht doch streiten kann. Da waren die Flipperautomaten und die Jugendlichen mit dem Fünfmarkstück in der Tasche, für Bier und Butterbrot. Da war die tatkräftige, auf herzliche Weise barsche Wirtin Stefanie, die Mutter des Wirts. Ihr Foto, geschossen von ein paar Abiturienten, die Donnerstagsabends im Höfle Karten droschen, hängt noch immer groß an der Wand. Und da war das Altwerden, das Krank- und Traurigsein, die Erschöpfung und schließlich der Tod der Eltern, erst er, dann sie. Irgendwann musste der Holzofen in der Küche ersetzt werden, dasselbe Modell in neu. Die Sprossenfenster tauschte man gegen normale aus, der Denkmalschutz sah so was früher nicht so streng. Eine Aufschnittmaschine wurde angeschafft, um den Wurschtsalat schneller in so schmale Streifen zu schneiden, wie sich das in Südbaden gehört.

Wo Stall und Wirtshaus stehen, lag ein prächtiges römisches Landgut, eine Villa Rustica

Der Rauch, der hier legendär dicht in der Stube stand, hat sich inzwischen verzogen. Seit Rauchverbot herrscht, muss man auch nicht mehr jedes Jahr die Wände streichen. Wer rauchen will, geht einfach ins Nebenzimmer vor den Toiletten. Jugendliche kommen nur noch ab und zu vorbei. Es gibt inzwischen Restaurants und Kneipen für jedes Alter und Milieu. Auch das Höfle hat dadurch an bindender Kraft verloren. Der Vater von Andreas Trenkle sorgte sich sogar, es gehe den Bach runter mit seinem Wirtshaus. Zeitweise musste man fürchten, nur die allzu Trinkfesten kämen noch her. Die Familie hat das überstanden. In den letzten Jahren wirkt der Hof aufgeräumter, alles ist aufgefrischt und gelichtet, ein Holunderbusch blüht, der Spielplatz ist adrett. Das war's auch schon mit den Veränderungen.

Einen größeren Wurf hat sich Trenkle dann doch geleistet: Zur WM stellte er ein Zelt vorm Haus auf. Inzwischen ist es einem richtigen Haus gewichen, vom Wirt "Eventscheune" genannt und Ende April 2017 mit einem Fassanstich geöffnet - und einer 3:0-Niederlage des SC Freiburg gegen den SV Darmstadt 98. "The only place to watch soccer" postet ein User auf Facebook.

Zu den zahlreichen Gästen, die regelmäßig zum Fußballschauen vorbeikommen, gehört auch Dieter Geuenich. Der Professor emeritus für Mittelaltergeschichte hat 1984, zum tausendjährigen Bestehen des Dorfes, eine erste Ortsgeschichte verfasst (und später noch zwei weitere, zusammen mit dem Heimatforscher Dieter Ohmberger). Ein außergewöhnlicher Fund hatte damals gerade dafür sensibilisiert, wie weit die Historie des Mauracher Hofs wirklich reicht.

Beim Versuch, einen Kabelgraben für das Schwimmbad anzulegen, fanden die Bauarbeiter mehrere alte rote Keramikscherben. Nördlich des Hofes bargen Bagger einen dünnwandigen Kupfertopf. Das zerdrückte blaue Ding stammte offensichtlich, wie auch die Scherben, aus sehr frühen Zeiten. Ein Stempel auf den Scherben bestätigte: Die Schale hatte Vindemialus getöpfert, dessen in der Nähe von Karlsruhe gefertigte Keramik sich im Imperium Romanum offenbar gut verkaufte. Südlich des Hofs stieß man beim Graben außerdem auf drei Gebäudemauern. Gut möglich schien, dass auch sie aus römischer Zeit stammten.

Die Gemeinde war unbeeindruckt. Wie geplant baute sie den Schwimmbadparkplatz genau darüber hinweg. Das Höfle setzte damals Sulz und Leberle, Spätzle und Brägele (Bratkartoffeln) auf die Speisekarte, für die hungrigen Badegäste. Keine Pommes, wie sie der Onkel von Andreas Trenkle nebenan im Schwimmbadrestaurant anbot, rot, weiß, rot-weiß und mit Bratensauce. "Sonst riecht das ganze Haus nach Pommes Frites!"

Die Mauern aber ruhen seither ungestört in der Erde, unter den in heißen Sommern dicht an dicht geparkten Autos, unter Schweinestall, Kuhstall, Scheune und Gasthof. 2011 rückte man ihnen allerdings noch einmal zu Leibe, mit einem Georadargerät, das elektromagnetische Wellen in den Boden schickt. Eine Technik, mit deren Hilfe Soldaten Landminen aufspüren. Sichtbar wird, was unter der Erde ruht - ganz ohne Grabung. So erfuhren die Denzlinger, dass sich am Fuß des Mauracher Berges ein zweiflügliger römischer Gutshof gewaltigen Ausmaßes befunden hat. Eine villa rustica, aus einem Haupthaus und mehreren Nebengebäuden bestehend und von einer langen Mauer gerahmt.

Hat dieser spektakuläre Fund Leben und Arbeit der Familie Trenkle verändert? Keineswegs. Geuenich ist sich sicher: Auch die Gäste sind sich "nicht dessen bewusst, dass sie ihr Bier auf den Mauern eines römischen Gutshofes trinken, wenn sie Fußball schauen".

Man hätte die Mauern nun natürlich bergen und vorzeigen können. Aber die Vergangenheit erschließt man nicht ungestraft. Was der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, verwittert. Auch, wenn man es unter Glas packt. Man beschloss also, die Mauern zu lassen, wo sie waren. Und das Wissen um den Mauracher Hof und die Denzlinger Geschichte per Smartphone und Schautafeln ganz einfach zugänglich zu machen. So lernt man via Handy, dass die Römer nach 260 n. Chr. die Limeslinie aufgaben und sich vor den Angriffen der Alemannen hinter die Rheingrenze zurückzogen. Diese Gruppe der Germanen siedelte sich hier an. Gehöft und Berg nannten sie Muron, bei den Mauern. Mit eben diesen Mauern konnten sie jedoch wenig anfangen. Die Alemannen wohnten lieber in Holzhäusern, "das entsprach ihrer einfachen Lebensweise", so Geuenich. Auch der Alemanne Denzilo wird sich wohl mit seinen Leuten am Mauracher Berg niedergelassen haben. So könnte sich der Ortsname Denzilinga, das heutige Denzlingen, erklären - frühe alemannische Siedlungen enden fast immer auf "ingen".

Behaglich wälzen sich die Schweine des Hofs unter freiem Himmel im Schlamm

Auch das Geheimnis der Severinskapelle, deren Ruine sich in unmittelbarer Nähe des Hofs auf dem Mauracher Berg befindet, wurde mittlerweile gelüftet. Jahrhundertelang standen die verwitterten Kirchenmauern unbeachtet dort oben herum. Romantiker und Leute, die keinen Garten haben, grillen hier gern ihre Steaks. "Respektlos" hat man nämlich, wie Geuenich bemerkt, ein Grillhäusle aus den Steinen der Ruine angelegt.

Illustration: SZ-Grafik

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Dass die Kirche, deren wilder Verfall so gar nicht zu dem gut aufgeräumten Dorf da unten passen will, aus dem Jahr 1497 stammt, steht über der Eingangspforte. Sechzig Jahre lang war sie Wallfahrtskirche. Nach der Reformation wurde der Mönch, der sich um sie kümmerte, verjagt. Die Mauern verfielen. Schon vorher muss sich hier ein Gebäude befunden habe. Urkunden legten ohnehin nahe, dass zum mittelalterlichen Hof "ze Mure", der lange im Besitz des Konstanzer Bischofs war, auch eine Pfarrkirche gehörte. Handfeste Beweise erbrachten Archäologiestudenten der Uni Freiburg, die 2011 mit Lehrgrabungen auf dem Mauracher Berg begannen. Dabei erschlossen sie ein Friedhofsfeld mit Schädeln, Knochen und Skeletten von wohl dreihundert Begräbnissen, die sich auf die Zeit zwischen dem 12. und dem 15. Jahrhundert datieren ließen. Für den Historiker ist das alles da, Schicht um Schicht. Eine Geschichte der Veränderungen, tief und bewegt. Die Gäste dagegen spüren, wie sich die Gegenwart dehnt und weitet.

"Das ist was von früher, Heimat pur", sagt Dirk Schindelbeck, Autor und Kulturhistoriker, der gelegentlich auch im Höfle sitzt, zum Beispiel, um mit Gästen aus der italienischen Partnerstadt Schlachtplatte zu essen, Blut- und Leberwurst und Bauchspeck. Oder um an einem Text "zu kneten". Im Ort sei das Alemannische auf dem Rückzug. Man hat dort Kleinkunst und manchmal sogar ein gewisses "städtisches Flair mit dörflichem Charme". Hier dagegen, sagt auch Geuenich, sitzen die "alten" Dorfbewohner, das Höfle sei ihr Refugium. Aber da sind auch die Fahrradfahrer und Spaziergänger, die bei schönem Wetter einen Stopp einlegen, Apfelschorle bestellen und das Gesicht in die Nachmittagssonne halten. Junge Leute schieben zwei Tische zusammen und hocken da bis in den Abend hinein. Familien sind froh, dass die Kinder hier endlich mal niemanden stören.

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Die Serie "Deutschlandreise" besucht Schauplätze der Literatur und Geschichte. Nächste Folge: Mit Mark Twain auf dem Neckar.

Und ab und zu folgt man den Kleinen in den Stall, zu den dreißig Mastbullen. Mutprobe! Man besucht die Schweine, die sich so mittelalterlich-schmutzig unter freiem Himmel durch den Dreck wühlen, dass schon Kleinkinder die Nase rümpfen. Spaziert den Feldweg runter, vorbei an den zotteligen, schottischen Hochlandmutterkühen und Kälbern, die immer draußen sind. Dahinter Felder, auf denen Getreide und Mais wachsen, Pfirsiche, Zwetschgen und Äpfel. Ein schmaler Bach am Fuß des Berges, ein Wehr, der weite Himmel über den Hügeln im Norden und Osten, ganz ruhig und steil aufsteigend, der Schwarzwald. Man treibt so dahin, am frühen Abend, wenn das Licht so satt und schön ist, wie es ganz sicher immer schon war, und denkt: Dass sich das Höfle nach all den spektakulären Funden (es soll sich um den größten bekannten römischen Gutshof des Landkreises handeln) nicht in "Villa Rustica" umbenannt hat - auch das darf man den Trenkles hoch anrechnen.