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Syrische Flüchtlinge:Deutschland - das muss ein Scherz sein

Hanadi lächelt, als sie sich daran erinnert, wie sie vor bald vier Jahren aufwachte. "Ich dachte, alles sei ein Scherz. Deutschland, was ist das?", habe sie sich gefragt. In Syrien hat sie früher Nachrichten im TV über dieses Land gesehen, so weit weg. Bilder vom FC Bayern München.

Hanadi eilt zur Tür, gleich wird sie im Gemeinschaftsraum wieder die Geschichten ihrer deutschen Mitbewohnerinnen hören, wie sie vor ihren Familien weggelaufen sind. "Dann denke ich, wie glücklich ich mit meiner Familie sein kann. Könnte." Vater, Mutter, ihre zwei Brüder: Alle überwintern gerade in Libanon, in einem Ein-Zimmer-Rohbau mit Vorzelt in der Beqaa-Hochebene. Dem UN-Hilfsprogramm ist das Geld ausgegangen, die Brüder verdingen sich als Gelegenheitsarbeiter, es ist kalt. Aber sie leben. Irgendwie. Sie sind weit weg für Hanadi und Ahmad.

Die Haut ihres Bruders Ahmad ist zu 75 Prozent verbrannt.

(Foto: Sascha Montag/Zeitenspiegel)

Hanadi sagt, mit der Sehnsucht nach ihrer Familie komme sie nicht klar. "Hätte ich das Geld, würde ich jeden Tag mit ihnen telefonieren." Und dann kommen wieder die Gedanken: "Hier habe ich so viel, und sie haben dort so wenig." Bevor Hanadi die Tür hinter sich zuzieht, bereitet sie zehn verschiedene Tabletten vor, die sie täglich nimmt: für die neue Haut, für den Magen, um morgens aufstehen zu können und gegen den Kopfschmerz. An die Blicke auf der Straße habe sie sich gewöhnt, sagt sie. Dass sie aus einem Feuer kam, sieht man trotz Strähne und Mascara.

Krankenhausgeruch wirkt beruhigend

Am nächsten Morgen scheint die Wintersonne, als Hanadi ihren Bruder Ahmad vor der Eingangstür der "SchlaU"-Schule südlich vom Hauptbahnhof abklatscht. Beide eilen zum Unterricht - Ahmad, 20, wohnt mittlerweile allein in einer Einzimmerwohnung in Schwabing. Noch während sie im Koma schliefen, sammelten Schulkinder Spenden, andere verkauften selbstgebastelte Postkarten. Ein Anwalt setzte eine Aufenthaltserlaubnis durch. Seitdem übernimmt das Jugendamt die Lebenskosten.

In der "SchlaU"-Schule lernen nur junge Flüchtlinge, 2014 schafften 97 Prozent von ihnen den Schulabschluss, 89 Prozent fanden Arbeit oder gingen an weiterführende Schulen. Erste Stunde, Deutsch: Die Lehrerin erklärt den Begriff "Missverständnis". "Sich im Gespräch nicht angucken gilt in Deutschland als respektlos", sagt sie. "In anderen Ländern nicht." "Wie in Afghanistan", meldet sich eine Schülerin. "Meine Therapeutin schaut mir immer in die Augen, das ist unangenehm", grinst ein anderer. Hanadi lacht, aber man hört es fast nicht. Im Koma sind ihre Stimmbänder zusammengeklebt, seitdem flüstert sie nur.

Nach den Hauttransplantationen müssen die beiden schmerzhafte Physiotherapie über sich ergehen lassen.

(Foto: Sascha Montag/Zeitenspiegel)

Wenn sie die Schmerzen nicht mehr erträgt und vertraute Gesichter sehen will, geht sie ins Krankenhaus und besucht ihre ehemaligen Ärzte und Pfleger, redet. "Der Geruch dort tut gut, er macht mich friedlich." Eineinhalb Jahre verbrachten beide in Krankenhäusern. So lange dauerte es, bis die neue Haut nicht mehr juckte und sich zusammenzog, austrocknete oder sich entzündete.

Auch Ahmad will an diesem Tag nach der Schule im Haunerschen Krankenhaus vorbeischauen. Eine syrische Familie ist dort eingetroffen, er hilft ehrenamtlich beim Übersetzen. "In Syrien hatte mein Vater eine Wäscherei samt Werkstatt für Autos, einen Traktor zum Verleihen", erzählt er. Er arbeitete mit, düste mit dem Moped herum. Sein Traumjob Mechatroniker aber ist in weite Ferne gerückt: Die neue Haut ist nicht widerstandsfähig genug, schon kleine Wunden bluten lange. An Autos schrauben geht noch nicht.