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Spreebogen:Der falsche Ausweis

Journalisten schauen bei den Nachlässigkeiten von Politikern sehr genau hin. Das ist auch richtig so. Und wie steht es mit der eigenen Schlampigkeit? Naja, kommt immer darauf, wo man gerade hin will und ob einen die Sicherheitskräfte kennen.

Neulich war ich im Restaurant des Bundestages zum Essen verabredet. Um den Bundestag zu betreten, brauchen wir Journalisten einen Hausausweis. Mein Hausausweis hängt an einem roten Band, und das rote Band hängt in meinem Büro über dem Garderobenständer, neben einigen anderen Erinnerungsstücken, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben. Als ich mein Büro verließ, griff ich routinemäßig nach meinem Ausweis, und als ich am Bundestag ankam, stellte ich fest, dass es der falsche war. Es handelte sich statt dessen um die Akkreditierung für den Besuch von Präsident Barack Obama in Berlin vor genau zwei Jahren. Dieser Ausweis hängt auch an einem roten Band.

Ich glaube, fast allen Kolleginnen und Kollegen in Berlin ist schon mal das Missgeschick passiert, dass sie ihren Hausausweis nicht dabei hatten. Mir sowieso. Ich arbeite allerdings seit fast 15 Jahren in der Parlamentsredaktion. Damit will ich sagen, dass es mir inzwischen so oft passiert ist, dass es eigentlich nicht mehr passieren dürfte. So kann man sich täuschen. Es sind diese Momente, in denen ich darüber nachdenke, ob es einem wie mir wirklich zusteht, die Politik für Versäumnisse zu kritisieren, wenn ich nicht einmal in der Lage bin, immer den richtigen Ausweis dabei zu haben.

Im Ostflügel des Bundestages gehen die Journalisten durch einen Eingang, an dem ein Wachdienst die Ausweise kontrolliert. Ich steuerte direkt auf eine Dame in der Wachdienstkabine zu und erzählte, was geschehen sei. Der Vorteil an 15 Jahren in Berlin ist ja, dass manche Leute mein Gesicht inzwischen kennen, auch weil es sich um ein sehr markantes Gesicht handelt, in dessen Konturen eine interessante Mischung aus Intellektualität und Lebensfreude geschrieben steht. Um es kurz zu machen: Die diensthabende Dame kannte mich nicht.

Sie warf einen Blick auf meinen falschen Ausweis und sagte, dass der Ausweis abgelaufen sei. Das war eine bemerkenswerte Feststellung, weil der Ausweis ja selbst an dem Datum seiner Gültigkeit nicht zum Betreten des Bundestages berechtigt hätte, weil Obama vor zwei Jahren nicht im Parlament sprach, sondern vor dem Brandenburger Tor. Es war also völlig egal, ob der Ausweis abgelaufen war oder nicht, es war schlicht der falsche Ausweis. Allerdings hatte ich nicht das Gefühl, dass diese Diskussion mich weiterbringen würde. Deshalb stimmte ich der Wachdame einfach zu und erklärte noch mal, dass es sich um ein Versehen handele, eine Verwechslung zweier Ausweise, und dass ich zum Essen verabredet sei. Dann fragte ich sie, ob nicht eine Ausnahme . . . Sie antwortete, eine Ausnahme sei nicht möglich, da könne sich ja sonst jeder die dollsten Geschichten ausdenken.

Was soll ich sagen? Recht hat sie. So ein Wachdienst tut nur seine Pflicht. Ich habe später meiner Frau von dem Vorfall berichtet und die Frage aufgeworfen, ob die Dame nicht etwas flexibler hätte sein können. Vielleicht, antwortete meine kluge Frau, aber wenn eines Tages der "Islamische Staat" seine Fahne auf dem Reichstag hisse, würden wir Journalisten natürlich wieder schreiben, dass die Sicherheitsvorkehrungen versagt hätten.

Ja, das könnte sein.