Sinn und Unsinn Unterricht im guten Leben

An der Londoner "School of Life" sollen Kursteilnehmer lernen, ihre alltäglichen Probleme besser in den Griff zu bekommen - helfen soll ihnen dabei die Philosophie.

Von Alexander Menden

Das Thema des zweistündigen Kurses, für den die Teilnehmer rund 60 Euro bezahlt haben, lautet: "Weniger prokrastinieren". Erst gibt es Wein und Häppchen, dann, nachdem alle im Klassenzimmer in der Londoner "School of Life" Platz genommen haben, muss zunächst das Hauptproblem definiert werden. "Prokrastination", sagt Dozent Jack, ein schlaksiger Australier mit sanfter Stimme, "ist eine Vermeidungs- und Bewältigungsstrategie, die kurzfristige Stimmungsaufhellung oder mentale Geborgenheit verschafft." Er selbst habe sich dieser Strategie schon häufig bedient, um anstehende Aufgaben auf die lange Bank zu schieben. Die Anwesenden murmeln mitfühlend.

Über die leicht lesbaren Essays des Schulgründers rümpfen sie an den Universitäten die Nase

Am Tag vor dem Kurs sitzt Schulgründer Alain de Botton in seinem minimalistisch eingerichteten Arbeitszimmer im Londoner Norden und berichtet, wie alles anfing mit der "School of Life". "Wenn man in den philosophischen Seminaren in Oxford und Cambridge sagen würde: 'Ich möchte bitte lernen, wie man lebt', wäre die Reaktion dort: 'Was ist denn das für ein Freak? So etwas lehren wir hier nicht'." Aber in der heutigen Zeit, in der viele Menschen nicht mehr wüssten, wie sie ihre "Gehirne managen" sollten, müsste Leben lehren eine vordringliche Aufgabe von Bildung sein. "Wir glauben an Bildung, aber der Fokus liegt auf technischen und systematischen Aspekten. Wo lernt man, wie man eine gute Ehe führt, wie man Kinder aufzieht?"

An Alain de Botton scheiden sich die Geister. Der 45-Jährige, in der Schweiz geboren und in England aufgewachsen, hat mit leicht lesbaren Essays über den "Trost der Philosophie", "Die Kunst des Reisens" und "Glück und Architektur" eine treue Anhängerschaft gewonnen. Die einen finden diese Handreichungen hilfreich und loben seine Fähigkeit, abstrakte Konzepte wie den Stoizismus auf Alltagssituationen anzuwenden - Seneca als Berater im Straßenverkehr zum Beispiel. Die anderen halten seine Art, komplexe Denkzusammenhänge auf leicht konsumierbare Häppchen zu verkürzen, für intellektuell unredlich und oberflächlich. Erfolg hat er damit allemal.

Im Kurs "Weniger prokrastinieren" lernen die Teilnehmer, wie sie unangenehme Aufgaben nicht länger aufschieben.

(Foto: School of Life)

Vor sieben Jahren fragte sich de Botton: Wie wäre es, eine Schule zu gründen, die alles Wichtige lehrt, das normalerweise nicht im Lehrplan steht? Wie man nett zu anderen ist? Wie man die Ruhe behält? Wie man mit seinem Chef zurechtkommt? Gemeinsam mit der ehemaligen Tate-Kuratorin Sophie Howarth und einer Reihe Autoren und Psychotherapeuten erarbeitete er das Konzept für eine "undogmatische Schule, die emotionale Intelligenz" lehrt. Schließlich mietete man ein Ladengeschäft in der Londoner Marchmont Street.

Inzwischen gibt es nach einem Franchise-Prinzip betriebene Dependancen in Frankreich, Belgien, der Türkei und Australien. Die "School of Life" bietet mittlerweile sogar sehr einträgliche Coachings für Firmen an, aber den Kern des Angebots bilden die etwa 500 Kurse im Jahr. Für jeden Lehrgang gibt es ein 400 Seiten starkes Handbuch, das de Botton mit einem sechsköpfigen Autorenteam erarbeitet. Die darin formulierte "School of Life"-Methode, ein Mix aus Lehreransprache und Gruppensession, prägt die Arbeit der Kursleiter: "Unsere Basis ist Kultur - Kunst, Fotografie, Musik, Theater", erklärt er. "Im Prinzip bekommt man bei uns eine Dosis humanistischer Bildung. Wir schreiben zwar nicht außen drauf: Romantik des 19. Jahrhunderts, sondern 'Die gute Ehe'. Aber man kann das westliche Konzept einer guten Ehe ohne die romantischen Prinzipien des 19. Jahrhunderts gar nicht verstehen."

Das Kollegium setzt sich aus einer bunten Mischung von Freiberuflern zusammen: Life Coaches, Meditationslehrer, Psychologen, Künstler, Unternehmer. Der Versuch, Universitätsdozenten für die Schule zu gewinnen, war laut Alain de Botton ein "Desaster". Alle, die man gefragt habe, seien zu sehr dem Prinzip "Ich spreche, ihr hört zu" verpflichtet gewesen. Jack, der Prokrastinationsexperte, hat zwar in Oxford über die "Philosophie des Begehrens" promoviert. Für ihn sei es aber besonders schön, sich mit "intelligenten Menschen in einem nichtakademischen Rahmen" austauschen zu können: "An Universitäten sind immer alle so kritisch", sagt er.

Die Sanduhr passend zum Kurs gibt es im hauseigenen Lädchen für umgerechnet 30 Euro.

(Foto: School of Life)

Im Klassenzimmer der "School of Life", dessen Wände mit Schwarz-Weiß-Impressionen eines Wohnzimmers dekoriert sind, gibt Jack nun Tipps: Zum Beispiel empfiehlt er Apps, die zeitweise den Zugang zum Internet sperren, damit man sich voll auf seine Arbeit konzentrieren kann. Er erklärt, welche Gehirnteile beim Verzögern von Arbeit gegeneinander arbeiten - anscheinend der präfrontale Cortex und das limbische System. Er animiert die Anwesenden immer wieder, einander zu erklären, warum sie bestimmte Aufgaben aufschieben, und er rät, sich jeden Tag eine Ruhezeit zu nehmen. Nützlich könnte dabei eine der kleinen Sanduhren sein, die man im hauseigenen Lädchen für umgerechnet 30 Euro kaufen kann. Im Angebot sind auch "Philosophischer Honig" für 35 Euro ("bezogen aus den Geburtsorten großer Denker") oder Leinentaschen, auf denen "Emotionales Gepäck" steht, 50 Euro.

Denise, eine Sozialarbeiterin, habe sich schon mal zu diesem Kurs anmelden wollen, sagt sie: "Aber ich habe es so lange vor mir hergeschoben, bis er voll war. Da wusste ich: Den nächsten Kurs muss ich besuchen!" Denise erzählt von Schwierigkeiten, Berichte für Gerichtstermine rechtzeitig fertig zu schreiben, weil so viel Verantwortung damit verbunden sei. Für sie ist das Prokrastinieren ein existenzielles Problem.

Inwieweit der Abend an der "School of Life" Denise weiterhilft, ist schwer zu sagen. Obwohl die Analyse der Gründe dafür, warum man etwas aufschiebt, recht umfassend ist, schwanken viele Lösungsvorschläge zwischen offensichtlich und esoterisch: dass man sich nicht so unter Druck setzen und bereit sein solle, "sich selbst zu vergeben", zum Beispiel. Was die humanistische Bildung angeht, so zitiert Jack aus Mark Aurels "Meditationen", in denen der Philosophenkaiser rät, das Wichtigste sei erst einmal, aus dem Bett zu kommen. Und wenn gar nichts mehr helfe, könne man sich immer noch daran erinnern, dass angesichts der Endlichkeit des Lebens die anstehende Aufgabe ein vergleichsweise kleines Problem sei. Dazu projiziert Jack kurz noch Philippe de Champaignes berühmtes Schädelgemälde "Memento Mori" an die Wand. Die Kunst- und Kulturbeflissenheit, auf der die "School of Life" aufbauen soll, wirkt hier eher wie Zuckerstreusel auf der Life-Coaching-Torte.

Und überhaupt: Ist Philosophie nicht eher dazu da, um Fragen zu stellen, als um Antworten zu geben? Muss Kunst einen Nutzwert haben? Mit solchen Fragen konfrontiert, wird Alain de Botton "richtig wütend": "Das ist, als ob man in ein Restaurant ginge und der Kellner sagt: 'Ich bin nicht hier, um dir etwas zu Essen zu servieren, sondern um gemeinsam darüber nachzudenken, ob Essen wirklich dasselbe wie Nahrung ist.' Da draußen haben die Menschen psychische Krisen - und du sagst mir, dass die Philosophie ihre Jahrtausende währende Mission, solche Probleme zu lösen, aufgegeben hat?" Darüber streite er sich ständig mit den Leuten von den philosophischen Seminaren: "Ich hasse, was sie tun, und sie hassen, was ich tue." Dasselbe gelte für die L'art pour l'art-Haltung. Der vorherrschende Relativismus verbiete es, zu sagen: Das ist gut oder schlecht; solche Kategorien dürfe man der Kunst nicht mehr aufbürden. "Es ist ein Revierkampf um die Deutungshoheit."

Wann passiert es denn schon, dass man mit einem Fremden ein ernsthaftes Gespräch führt?

Vielleicht ist es nur eine Frage des Anspruchs. Sicher, vieles wirkt hier wie ein Lifestyle-Angebot für Menschen mit urbanen Luxusproblemen. Aber wenigstens bekommt man die Gelegenheit, in der Anonymität der Großstadt etwas zu erleben, das weder in einem Vortragssaal noch in der Kneipe ohne Weiteres passiert: Man kann mit Fremden ernsthafte Gespräche führen, die deutlich über Small Talk hinausgehen. Natürlich darf man bedauern, dass man sich solche Momente erkaufen muss. Aber auch da steht die "School of Life" in einer philosophischen Tradition. Die griechischen Sophisten verkauften schon vor zweieinhalb Jahrtausenden ihre Weisheit in Form von nützlichen Tipps an die Bürger. Dafür wurden sie vom philosophischen Establishment schief angesehen. Sie lebten aber nicht schlecht davon.