Selbstbestimmtes Sterben Wie eine Änderung der Gesetze aussehen könnte

Dazu brauche ich Hilfe, am besten ärztliche Hilfe. Um diese Hilfe risikofrei möglich zu machen, braucht es eine Änderung unserer Gesetze, und zwar in eine Richtung wie sie die Niederlande, die Schweiz, der US-Staat Oregon und vor allem Belgien eingeschlagen haben. Aktive Sterbehilfe muss möglich und erlaubt sein, wenn jemand dies ernsthaft und aus eigener Entscheidung will. Niemand soll gezwungen sein, gegen seinen Willen ein Leben weiterzuführen, das er nicht mehr leben will.

Natürlich gibt es Einwände. Man kann Missbrauch befürchten und man kann die Sorge haben, dass eine solche Liberalisierung Schleusen öffnet, die nicht mehr zu schließen sind. Man muss diese Bedenken ernst nehmen, aber sie können nicht die letzte Antwort sein. Die Möglichkeit eines Missbrauchs kann nie ein Argument gegen eine Sache selbst sein - man muss versuchen, den Missbrauch zu verhindern. Dass dies geht, zeigen die Erfahrungen in den genannten Ländern. Auch ausufernde Selbsttötungswellen hat es dort nicht gegeben.

Dass es Ärzte gibt, die aus ihrem beruflichen Selbstverständnis heraus an einem Suizid nicht mitwirken möchten, ist selbstverständlich zu respektieren. Hier könnte es eine Lösung sein, solche Hilfestellungen in eigenen Einrichtungen wie den Sterbehilfeorganisationen Exit oder Dignitas anzubieten. Dort können sich die engagieren, denen solche Dienstleistungen am Herzen liegen. Der gern erhobene Vorwurf, hier würde mit der Not von Menschen Geld verdient, und das müsse um jeden Preis verhindert werden, ist absurd. Jedes Krankenhaus und jede Arztpraxis ist auch ein Unternehmen, das für seine Dienstleistung Geld nimmt. Warum soll das bei der Sterbehilfe verwerflich sein? In diesem Zusammenhang: In Deutschland werden jedes Jahr an die 100.000 Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen, also Embryonen getötet. Das bezahlen die Krankenkassen. Warum soll es bei der Sterbehilfe nicht so gehen?

Ein anderer Einwand wiegt schwerer. Wer garantiert, dass der Entschluss eines Sterbewilligen nicht nur aus einer vorübergehenden depressiven Verstimmung oder einer momentanen Mutlosigkeit resultiert? Die Antwort lautet: Niemand garantiert das. Es ist die Konsequenz der Freiheit, auch Fehlentscheidungen treffen zu können. Dieses Risiko ist unaufhebbar mit einer freien Gesellschaft verbunden. Es kann nicht das Argument dafür sein, dass andere festlegen, ob und wann wir über uns entscheiden können. Das Prinzip der Selbstbestimmung sollte auch am Ende des Lebens gelten.

Udo Reiter, 69, war 20 Jahre lang Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks. Seit einem Autounfall 1966 ist er querschnittsgelähmt. Ausgezeichnet wurde er unter anderem mit dem päpstlichen Gregoriusorden.