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Reportage:Stille im Saal

Jahrelang hat Hamburg auf seine Elbphilharmonie gewartet. Jetzt steht sie leer, und niemand weiß, wie es dort weitergeht. Ein Besuch bei Intendant Christoph Lieben-Seutter, Hüter eines potenziellen Corona-Hotspots.

Von Peter Burghardt

100 Tage Elbphilharmonie

„Ein genialer Entwurf“ sei die Elbphilharmonie, findet ihr Intendant Christoph Lieben-Seutter.

(Foto: dpa)

"Gehen wir in den Großen Saal", sagt Christoph Lieben-Seutter. Ein strahlend schöner Nachmittag Ende Mai in Hamburg, draußen glitzern die Glasfassade der Elbphilharmonie und die Elbe. Die gewölbten Fenster im Foyer filtern die Sonne.

Der Intendant verlässt sein Büro mit den weißen Möbeln und dem Blick auf den Hafen, zehnter Stock, beneidenswerte Lage. Er geht durch leere Gänge und über leere Treppen, vorbei an der leeren Kantine, leeren Bars, Desinfektionsständern und Abstandsregeln. Seine Schritte hallen auf dem hellen Parkett. Er schaut im zwölften Stock in eine leere Künstlergarderobe mit schwarzem Steinway-Flügel und weiterer Aussicht auf Schiffe, Kräne, Fluss. An der Tür steht noch der Name Manacorda und an der Tür daneben Zimmermann - der Dirigent und der Violinist hatten mit dem verkleinerten NDR Elbphilharmonie Orchester ein Videokonzert aufgenommen. Viel mehr als Streaming geht ja seit Corona nicht. Dann, einige Stufen weiter, öffnet Lieben-Seutter mit seiner Chipkarte den Großen Saal.

Ein Signal piepst, drinnen ist es schummrig und still, ehrwürdige Ruhe. Gedimmte Scheinwerfer an der Decke mit dem Klangreflektor beleuchten die Bühne nur sehr gedämpft. Es braucht gerade fast niemand Licht in diesem weltberühmten Saal der Elbphilharmonie.

Normalerweise würde im Großen Saal jetzt das Budapest Festival Orchestra mit dem Dirigenten Iván Fischer und dem Pianisten András Schiff aufbauen und proben und abends vor 2100 Zuschauern spielen, alle Plätze wären belegt. Christoph Lieben-Seutter würde die beiden Ungarn begrüßen, er kennt sie seit Jahrzehnten. "Ich hätte das Konzert halt sehr genossen", sagt er. Jedes Wort klingt in dem verwaisten Raum von der Form eines Weinbergs, zwischen den Wänden mit der weißen Haut aus 10 000 millimetergenau gefrästen Gipsfaserplatten, der Kreation des japanischen Akustikers Yasuhisa Toyota.

Vielleicht wäre Lieben-Seutter um halb acht erst zur US-Sängerin Joan As Police Woman in den Kleinen Saal nebenan gegangen. Für eine halbe Stunde wenigstens, um dann für die Budapester um acht hier im Großen Saal zu sein. Aber natürlich fällt wegen der Pandemie auch das flach.

Als er nach Hamburg kam, war er ein Hausherr ohne Haus

Sein Stammplatz liegt im Block 15 A, Nummer 3, er hatte ihn sich wegen der Akustik und dem nahen Ausgang ausgesucht. Er steigt die Treppe hinauf. Hunderte Male saß der Chef auf diesem gepolsterten Klappsitz, seit die Elbphilharmonie im Januar 2017 endlich losgelegt hatte und er endlich der Hausherr mit Haus geworden war. Ein großer, schlanker Mann mit Brille und leicht abgeschliffenem Wiener Einschlag, der wieder markanter wird, wenn er zum Beispiel von der Elbphilharmonie schwärmt, vor allem von der Elbphilharmonie vor Corona.

Als Christoph Lieben-Seutter vor 13 Jahren kam, war er der Hausherr ohne Haus. Die alte Laeiszhalle stand schon länger, aber noch lange nicht die Elbphilharmonie der Architekten Herzog und de Meuron, wegen derer er vor allem aus Wien in den deutschen Norden gewechselt war. Das dauerte noch zehn Jahre - die Frage nach der Elphi verkam zum Hamburger Running gag, Kategorie Berliner Flughafen. Dann ging es los, der Höhenflug begann, ständig ausverkauft, gut drei Jahre lang. Am Anfang wären sie Zehntausende Karten pro Abend losgeworden. Ein Welterfolg.

Für Intendant Christoph Lieben-Seutter ist der Corona bedingte Stillstand "eine Art von Déjà-vu".

Man vergaß fast die Kosten, wer wurde da nicht alles gefeiert seit der Eröffnung mit Bundespräsident und Stammorchester. Die Wiener Philharmoniker. Lang Lang. Igor Levit. Sol Gabetta. Burt Bacharach, mit 91 Jahren am Klavier, "say a little prayer". Die Tribalistas mit Marisa Monte, von denen eines von Lieben-Seutters Lieblingsalben stammt, lange hatte er sich um die Brasilianer bemüht. Bei Angélique Kidjo aus Afrika wurde auf der Bühne getanzt. Lambchop und Anohni, Laurie Anderson und Solange. Die Gala für den Hamburger Chaosgipfel G 20, als Kent Nagano Beethovens Neunte dirigierte, Donald Trump gelangweilt schaute und auf der Straße Randale tobte. 1300 Auftritte im Jahr in den Sälen des Unternehmens Elbphilharmonie, Millionen Besucher.

Vereinzelte Gäste oder Interpreten wie der Tenor Jonas Kaufmann bekrittelten zwar den Klang in Hamburgs neuem Wahrzeichen, was die Betreiber ärgert. Doch die meisten sind so beglückt wie Gastgeber Christoph Lieben-Seutter, geboren 1964 in Wien und seit 2007 Generalintendant der Laeiszhalle und Elbphilharmonie.

Bis zum 31. August ist Pause. Aber was dann?

In Hamburg vermisste der Österreicher allenfalls Momente wie die, wenn er im Wiener Café Imperial Stardirigenten begegnete, die zufällig vorbeischauten. "Das haben wir aber ganz gut aufgeholt mit der Elbphilharmonie." Er lacht. "Man kann sagen: Die Chancen, die das Haus geboten hat, haben wir gut genutzt." Kann man sagen, ja. Die Stardirigenten kommen auch nach Hamburg, außerdem erklärte Lieben-Seutter Interessierten wie Österreichs Kanzler Kurz oder den britischen Royals William und Kate das famose Werk. Für ihn ist die Elphi "ein genialer Entwurf, der nicht nur cool aussieht, wie jeder weiß. Was der äußere Eindruck verspricht, das löst sie auch ein." Bis die Töne bis auf weiteres verstummten.

Alles abgesagt, schon fast drei Monate lang. Die Viren. Der Intendant, der einst so geduldig auf die Einweihung dieser Elbphilharmonie gewartet hatte, wurde zum Hüter über einen gesperrten Hotspot der Musikwelt.

"Eine Art von Déjà-vu", sagt Christoph Lieben-Seutter. Andererseits war die Warterei damals, als die Elphi mit einiger Verzögerung auf dem ehemaligen Kaispeicher wuchs, eine andere. Erst sollte es 2010 soweit sein, dann 2012. Die Stadt hatte sich zwar zunächst verhoben, der Bau wurde zehnmal so teuer und viel später fertig als vorgesehen. Aber: "Da war kein einziger Vertrag unterschrieben", sagt der Manager, keine Verträge für Konzerte, "außer ein paar Absichtserklärungen ist nicht viel kaputt gegangen." Auch gab es seinerzeit am Ende doch einen Starttermin und Bedingungen, auf die man sich verlassen konnte. "Jetzt wissen wir zum Teil nicht, was in drei Wochen passiert."

Wie reagiert das Virus, wie die Politik? Aktuell ist bis 31. August Pause. Und dann? Was wird erlaubt sein, was nicht?

Der Pianist Maurizio Pollini aus Italien kam schon am 9. März nicht, als noch musiziert wurde, er durfte nicht mehr reisen. Ersatztermin 2021. Am 11. März spielte James Blunt ohne Publikum, obwohl Veranstaltungen gerade noch stattfinden durften. "You're beautiful." Der Veranstalter, ein Telekommunikationskonzern, machte einen Live Stream daraus - das erste Geisterkonzert. Die Elbphilharmonie wurde in den Konzernfarben angestrahlt, 1,7 Millionen Menschen sollen auf Notebooks, Tablets oder Smartphones dabei gewesen sein.

Am Tag danach, dem 12. März, kündigte Christoph Lieben-Seutter das Brad Mehldau Trio an. Der Große Saal war halb leer, was sonst nie passiert wäre. "Wir danken Ihnen, dass sie gekommen sind", sagte Mehldau. "Ein sehr berührendes Erlebnis", sagt Lieben-Seutter heute, auch er sprach zur Einstimmung ein paar Sätze. Er wusste, dass dies für längere Zeit das letzte Konzert vor Menschen in der Elbphilharmonie sein würde, tags darauf trat das Verbot in Kraft. Kritik an dieser Vorführung beantwortet er so: "Es war gesetzlich erlaubt, und niemand war gezwungen zu kommen." Karten durften schon zurückgegeben werden. An den Toiletten waren bereits Hinweise auf das richtige Händewaschen.

Ab 13. März galt der Shutdown. Seitdem auch für ihn Distanz, Maske, Kurzarbeit, Zoom, Telefonate, immer wieder Home-Office. Und Abendessen daheim bei der Familie statt der gewohnten Abendkonzerte, stattdessen Konzertabsagen. Hunderte Absagen, darunter seltene Projekte wie das Osterfestival Seidenstraße, Sofia Gubaidulina, Saint François d'Assise. Manches wird sich nachholen lassen, irgendwann, anderes kaum, mit den Terminen ist es eh so schwierig.

Der Planer Lieben-Seutter weiß, dass sein Corona-Abenteuer vergleichsweise luxuriös ist am Arbeitsplatz mit dem vermutlich schönsten Panorama Hamburgs. Er lehnt sich nun in seinen Sessel. Drunten vor der Fensterfront fahren Barkassen vorbei und Frachter, die derzeit unbenutzten Kreuzfahrtschiffe liegen weiter hinten am Kai. Aber das Krisenmanagement von ihm und seinem Team kommt ihm vor wie "das Jonglieren von 500 Bällen".

Zehntausende Tickets müssen storniert und erstattet werden, sofern die Käufer nicht für einen Hilfsfonds für freiberufliche Künstler spenden wollen. Musiker, Agenturen und Veranstalter fragen, wie es weiter geht im städtischen Unternehmen Elbphilharmonie, diesem Geflecht mit eigenen Konzerten und fremden Mietern.

Im April setzte sich Christoph Lieben-Seutter trotz aller Ungewissheit hier an diesem Tisch in seinem Büro vor den Laptop.

Was machst du jetzt, fragte er sich. Das fertige Programm verkünden und in den Verkauf gehen? Einstampfen und abwarten?

Er stellte die Saison 2020/21 vor, die fünfte der Elbphilharmonie, 230 Seiten. Wirtschaftlich wäre es sinnvoller gewesen, ein halbes Jahr zuzumachen, sagt er, "aber nicht emotional." Zehn Prozent mehr Abos als zuvor wurden verkauft, obwohl unklar ist, was genau wie funktionieren wird.

An diesem Tag Ende Mai beginnt der Verkauf einzelner Karten. "Und weil turbulente Zeiten flexible Lösungen erfordern, müssen die Tickets erst sechs Wochen vor dem Konzert bezahlt werden", heißt es auf der Website. Titel: "Vorfreude klang nie schöner." Dazu gibt es einen Werbespot, in dem im Rhythmus die Wände Wellen werfen, die Sitze bewegen, die Lampen flackern. Der Zuschauer Lieben-Seutter findet es toll, was Musiker und Techniker virtuell hinkriegen, wie kreativ sie sind, selbst im Wohnzimmer. Er zappt sich manchmal durch. Auch sein Team lässt sich einiges einfallen, um die Lücke elektronisch zu füllen. Aber kein Clip und kein Stream ersetzt das Konzert vor Menschen. Für ihn ist das "einfach ein emotionales und geradezu metaphysisches Erlebnis. Das werden die Leute weiter haben wollen, gerade in einem so inspirierenden Saal wie der Elbphilharmonie". Nur: Was darf die Elbphilharmonie im Herbst wieder? Wer kann reisen? Das Gastspiel des Cleveland Orchestra im Oktober - gecancelt.

Auch Toilettenzugänge gehören gerade zu seinen Themen

"The hammer and the dance" sagt Lieben-Seutter, so nennt sich eine Corona-Analyse aus den USA. Der Hammer und der Tanz. Vorläufig wird in Deutschland wieder mehr Tanz gewagt, es könnte allerdings auch wieder der Hammer fallen, wenn die Fälle zunehmen.

Restaurants sind wieder offen, zuletzt wurden in Hamburg unter anderem Autokinos zugelassen. Entscheidungen über Konzerte sollen erst Ende dieses Monats fallen. "Für uns ist das tough", sagt Lieben-Seutter, weil jede Variante parallel geplant werden muss, eine ständige Rochade. Dürfen ab September 1000 der 2100 Plätze im Großen Saal benützt werden und 250 statt 550 im Kleinen Saal? Nach dem Schachbrettprinzip bei der Sitzordnung und mit Maske wie in Österreich? Mit noch weniger Publikum stünde der Aufwand kaum dafür, die Elbphilharmonie ist teuer. Steuert die Stadt mehr Geld bei, obwohl die Ära Corona ohnehin Milliarden Euro kosten wird? Bisher deckt Hamburg einen kleineren Teil der Kosten seines Musiktempels, den größeren decken Eintrittsgeld, Sponsoren, Förderer. Und wie groß dürfen die Orchester fürs erste sein? Die Elbphilharmonie wurde besonders für große Orchesterkonzerte gebaut, "die klingen da super", sagt Lieben-Seutter. Trübe Aussicht, "Hunderte Orchesterkonzerte im Schmalspurformat zu machen".

Zum Neustart am 2. September sollte das Pittsburgh Symphony Orchestra kommen, mit Anne-Sophie Mutter. Aber das wird nichts, ersatzweise tritt das NDR Elbphilharmonie Orchester mit Alan Gilbert zur Wiedereröffnung auf, es muss nicht fliegen, und anderntags die Violinistin Mutter beim Kammerkonzert. Jazzkonzerte könnten im Kleinen Saal mit zwei Sets stattfinden, das sind alles so Planspiele.

Lieben-Seutter steigt eine Treppe hinab, lichtdurchflutete Fluchten. Er kennt auch den Podcast des Virologen Christian Drosten und lässt sich von Experten der Uniklinik beraten. Chöre? Während Corona kompliziert, wegen der Aerosole, mehr noch als Bläser. Das Hüsteln auf den Rängen, sonst permanentes Ärgernis? "Hier hustet keiner mehr", sagt Lieben-Seutter. "Das Thema hat sich erledigt für die nächste Zeit. Husten im Konzert ist abgeschafft." Ein Scherz, aber nicht nur. Viele werden sich das Husten nach Kräften verkneifen.

Unterwegs zeigt Christoph Lieben-Seutter ein WC im Foyer. Sie überlegen, bei den Herren einen Durchgang durch die Besenkammer und bei den Damen durch die Wand zu schaffen, damit es keinen Gegenverkehr mehr gibt. An was ein Intendant derzeit so alles denken muss.

Der Aufzug rauscht in den 20. Stock, Lieben-Seutter führt durch die Kühne-Sky-Lounge auf die Terrasse unter dem geschwungenen, weißen Dach, seinen Ersatzalpen. Es geht dann hinab zur Plaza, achter Stock. Vor Corona wurde die Plattform mehr als zehn Millionen Mal betreten, jetzt darf eine begrenzte Schar auf den Rolltreppen wieder hochfahren. Mit Abstand. Maskenpflicht in Fahrstuhl, Shop, Toiletten. Dann, der Feierabend naht, geht der Herr über die Elbphilharmonie wieder allein hinauf ins menschenleere Konzerthaus.

© SZ vom 06.06.2020

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