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Porträt:Wie befreit

Von der "Aktionshose Genitalpanik" bis zur eigenen Zigarettenmarke: Die Wiener Aktionskünstlerin Valie Export, 78, wird gerade neu entdeckt.

Wien, Innere Stadt. Valie Export betritt das Café Mozart, ohne Waffe. Es würde zwar kein Mensch auf die Idee kommen, dass die ältere Dame etwas Bedrohliches im Schilde führen könnte. Dafür sieht sie zu sympathisch aus und zu unauffällig, in dem hellen Wollmantel mit passendem Schal. Aber man muss die friedliche Absicht trotzdem betonen. Valie Export, bürgerlich Waltraud Stockinger, ist schließlich die bekannteste Ruhestörerin Österreichs. Mit Performances und MP-Posen hat sie die gemütvollen Wiener verstört, was denen gar nicht gefiel. Von der Provinz zwischen Bludenz und Knittelfeld ganz zu schweigen. Was soll man in solchen Städtchen auch halten von Kunst-Angriffen, die "Aktionshose Genitalpanik" heißen? Das ist ziemlich lange her. Aber jetzt wird Valie Export wiederentdeckt.

Die 78-Jährige hat zum Gespräch in das Kaffeehaus vis-à-vis der Albertina gebeten. Sie bestellt Früchtetee, streicht ihr rotgefärbtes Haar glatt und bittet mit ausgesuchter Höflichkeit um Hilfe beim Ausdrücken des Teebeutels. Der gebrochene Arm wurde gerade erst vom Gips befreit. Es schmerzt noch. Dann setzt sie sich zurecht in ihrer Ecke auf der Kaffeehausbank, lächelt und freut sich wahrscheinlich im Stillen, dass sie mal wieder ihr Gegenüber verblüfft. Kein Aufsehen, keine Parolen, keine Exzentrik, sieht man vom farbigen Brillengestell ab. Dabei ging es ihr doch immer um Provokation. "Eigentlich nicht", sagt Valie Export. "Es ging mir um den Fortschritt der Kunst." Sanfte Stimme. Sie wirkt wie eine milde Mutter der Revolte, die genug über die Stränge geschlagen hat. Nächstes Jahr wird sie 80.

Als junge Frau machte die gebürtige Linzerin mit jedem Auftritt Furore, in Kunstkreisen und bei den Menschen auf der Straße, die zufällig Zeugen oder Beteiligte ihrer Aktionen waren. Für das heute legendäre "Tapp- und Tastkino" gürtete sie sich eine Schachtel vor den Rumpf, in der Wildfremde dann auf Aufforderung ihre nackten Brüste befühlten. Sie verstand das als "erweitertes Kino", das Filmzuschauer mit dem konfrontiert, was im abgedunkelten Saal als normal angesehen wird: der voyeuristische Blick auf Frauenkörper.

Seit der MeToo-Debatte ist das Interesse an feministischen Positionen in der Kunst neu entflammt, und Kenner (oder die Künstlerinnen selbst) dürfte das bei aller Freude auch ein bisschen amüsieren. Großes gegenseitiges Schulterklopfen in der Szene, welche famosen Werke man da zutage fördert. Wie aktuell! Wie unverbraucht sie wirken! Ach wirklich? Davon hätte man sich all die Jahre längst ein Bild machen können. Valie Export - eine Wortschöpfung aus der Koseform von Waltraud und dem Exportieren, Nach-Außen-Tragen ihrer Weltsicht - ist seit den Sechzigerjahren aktiv. Das Museum of Modern Art in New York besitzt Arbeiten, Stars wie Marina Abramović berufen sich auf sie. Aber die Gesellschaft war offenbar lange nicht bereit für eine Wiederentdeckung.

Das hat sich geändert, seit Pionierkünstlerinnen der Emanzipation zurück auf den Magazincovern sind. Judy Chicago zum Beispiel, "the Godmother" nannte sie neulich die amerikanische Kunstkritikerin Sasha Weiss. In Paris gab es voriges Jahr eine viel beachtete Valie-Export-Ausstellung, unter den Gästen Größen der Frauenbewegung wie Agnès Varda. Kürzlich zeigte Valie Export in der Salzburger Galerie von Thaddaeus Ropac, demnächst startet eine Schau in Montréal. Eine späte Genugtuung, vom Zeitgeist begünstigt - wobei breitere Anerkennung in der Heimat erst nach Jahrzehnten überhaupt vorstellbar wurde.

In Österreich kann sich die Heimkehr schwarzer Schafe hinziehen. Da drüben, sagt Valie Export nach einem Schluck Tee und deutet hinter sich Richtung Fremdenverkehrsamt, das unweit des Café Mozart residiert, "machen sie mit Egon Schiele Werbung für Wien. Ich kann mich gut an die Zeit erinnern, als Schieles Werke hier alles andere als akzeptiert waren".

Was natürlich die Frage aufwirft, ob auch das Œuvre der wilden Valie eines Tages zum Austro-Klassiker avanciert. Eher schwer vorstellbar bei Arbeiten wie der "Aktionshose Genitalpanik", einer ihrer bekanntesten Schöpfungen. Das Beinkleid mit großem Loch im Schritt entblößt die Schambehaarung. Darin trat Valie Export 1968 mit wüster Lockenfrisur und finsteren Augen in Kinos auf, um den sexistischen Männerblick auf das Objekt Frau zu entlarven. In der dazugehörigen Fotoserie ist sie mit einer Maschinenpistole bewaffnet. "Ich glaube, das war zu viel", sagt sie heute über die radikale Performance. "Die Leute sind rausgegangen. Außer die in der ersten Reihe. Die konnten nicht aus."

Angeeckt ist Waltraud Lehner, so lautet ihr Geburtsname, schon als Kind. Der rigiden Mutter - der Vater, ein überzeugter Nazi, fiel im Krieg - und den älteren Schwestern hat sie sich mit Aufsässigkeiten entgegengestellt. Schlangen ins Haus geschmuggelt, Gegenstände unter Strom gesetzt - lauter Versuche, Zuwendung einzufordern. Dass sie als Künstlerin dann mit Aktionen berühmt wird, die das Publikum und sie selbst an die Grenze des Zumutbaren bringen: Ist das nicht manchmal eine bittere Existenz, einsam, ohne Nestwärme? "Es kostet Kraft", sagt Valie Export und scheint sich für einen Augenblick wie eine Auster zu schließen. Solche Fragen passen nicht zum Mantra ihrer Generation: Alle Kunst ist politisch, das Persönliche trivial.

Die Gruppe des Wiener Aktionismus um die schillernden Leitwölfe Hermann Nitsch und Otto Muehl lag damals inhaltlich auf ihrer Linie. "Aber die haben mich nicht ernst genommen. Das gefiel mir nicht." Also wurde die hübsche Oberösterreicherin mit Diplom in Textildesign kein Kunst-Groupie im Machogehege, sondern ging ihren eigenen Weg. Im gar nicht so schönen Wien. "Es war alles sehr eng. Unglaublich konservativ. Überall die trostlosen Nachkriegsbauten." Sie trägt Miniröcke, lässt sich ein Strumpfband als Symbol der Unterdrückung auf den Schenkel tätowieren und nennt das "Body Sign Action". In der Straßenbahn beschimpft man sie als Flitscherl, als Dirne. Sie wird attackiert. "Diese Angriffe kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Ich war immer darauf vorbereitet, dass man mich wegstößt."

Pionierin der feministischen Konzeptkunst: Valie Export, 78.

Die "Zeit des Widerstands" nennt Valie Export ihre Jahre als Künstlerin von den späten Sechzigern an. Der Begriff klingt ein bisschen pathetisch, nach einer heldenhaften Epoche. Kollegen wie Nitsch lebten ihre Wut auf Konsumgesellschaft und Vergangenheitsverdrängung mit Orgien aus Blut, Urin und nacktem Fleisch aus. Wer sich hingegen Fotos von Valie Exports Arbeiten jener Ära anschaut, sieht eine junge Frau mit Wuschelfrisur, die koboldhaft scheu und sehr hartnäckig aussieht. Was ihre Aktionen im Vergleich zu denen der Männer charakterisiert: weniger Bombast, mehr Fantasie und Intelligenz.

Sie führt ihren damaligen Partner Peter Weibel an einer Leine durch Wien ("Aus der Mappe der Hundigkeit"), wiegt als Madonna statt Jesuskindlein einen Staubsauger im Arm ("Erwartung"). Sie erfindet sich in jeder Performance neu, das Lebensthema bleibt: die eingeengte Frau und ihre vermeintliche Verfügbarkeit als Sexobjekt, ewige Mutter, gehorsames Heimchen. Das Tapp- und Tastkino wird weltbekannt, Intellektuelle von Indien bis zu Eliteuniversitäten in den USA diskutieren darüber.

Wobei man gehört haben muss, wie Valie Export das Wort im Singsang wienert: Dapp- und Dastkino. Da wird die anarchische Kraft dieses scheinbar simplen Überrumpelungskartons erst spürbar. Und er erregte natürlich Neugier bei Männern. "Frauen haben amüsiert auf dieses Spiel reagiert.

Sie wollten sehen, wer mitmacht." Und jetzt, in der MeToo-Aufbruchstimmung, naht die Lösung des uralten Geflechts aus weiblichem Körper, männlichen Fantasien und Macht? Valie Export, die ihren Namen selbst nur in Großbuchstaben schreibt, hat da so ihre Zweifel. Einfache Lösungen haben ihr noch nie zugesagt. Natürlich sei der neu erstarkte Feminismus positiv. Sie findet aber auch das Plädoyer im "Brief der 100 Französinnen" für die liberté sexuelle wichtig. Sofern damit nicht wieder allein die sexuelle Freiheit der Männer gemeint sei.

Die Gemengelage bleibt also komplex, und was sie wundert: dass es in Sachen Gleichberechtigung schon wieder so ruhig geworden ist. "Da müsste doch viel mehr passieren." Es ist schon wahr: Wenn man überlegt, dass Valie Export für "Eros / ion" 1971 mit bloßer Haut über Glasscherben rollte, um dem männlichen Blick auf eine nackte Frau eine andere Perspektive entgegenzusetzen - dann ist dagegen der Auftritt in schwarzen Kleidern bei der Golden Globe-Zeremonie 2018 doch ein ziemlich dürftiges Signal. Okay, das ist Showbusiness. Aber warum, fragt sie sich, machen nicht mehr zornige junge Künstlerinnen im Fahrwasser von MeToo von sich reden?

Sie selbst ist schon länger recht ruhig geworden. Als Professorin für Medienkunst, als Documenta-Teilnehmerin und Co-Kommissärin des österreichischen Pavillons auf der Biennale in Venedig (2009) hat sie ihren festen Platz in der Kunstszene. 2017 eröffnete in Linz das Valie Export Center für Performance-Kunst.

Doch manchmal schimmert die alte Kraft noch durch. Als Valie Export im Café Mozart von dem Krankenpfleger erzählt, der ihr den Arm verband und den sie um einen speziellen leichten Gips bat. "Ich hätt' auch gern eine Dreißigjährige", habe der auf ihre Bitte erwidert. Gesagt hat sie darauf nichts. "Aber als ich jung war, wäre mir für den nur eine Antwort eingefallen", sagt sie. "Oaschloch."