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Porträt eines Porsche-Sprösslings:Jesus Cayenne

Ferdinand II., genannt "Ferry", baute nach dem Krieg das Porsche-Werk in Stuttgart-Zuffenhausen auf. Ferdinand III. Alexander, genannt "Butzi" (der in Zell am See lebt), entwarf den 911er, den Klassiker des Porsche-Designs. Nicht vergessen werden darf ferner die Tochter des "großen Technikers und Erfinders im Automobilbau" (Grabinschrift) - Luise Porsche. Sie heiratete den Salzburger Rechtsanwalt Anton Piëch und machte mit ihrem Mann die Porsche Holding zum größten Privatunternehmen Österreichs. Klingt, als sei der Werdegang eines Porsche-Sprösslings vorbestimmt.

"Schon als Kind wollte ich etwas Soziales machen", sagt nun aber Peter Daniell Porsche. "Etwas Sinnvolles mit dem Geld anfangen." Das war kein aus dem Nichts auftauchender Gedanke; an dieser Idee war eine wenig bekannte Familientradition nicht unschuldig.

Die Großmutter war Anthroposophin, und der Vater hatte bereits die Stuttgarter Waldorfschule besucht. Was eine interessante Kombination ergibt: Der Anspruch eines Sportwagen-Herstellers, immer der erste und schnellste zu sein, sollte in einer Waldorfschule mit dem Rüstzeug fürs Leben versehen werden? An einer Schule, die Schulbücher nicht kennt, bei der es keine Noten-Zeugnisse und keinen Klassenbesten gibt? Und bei der das Ausbilden von Phantasie, sozialem Bewusstsein, handwerklichen Fähigkeiten, ja Körpergefühl wichtiger sind als das Anhäufen von Wissen? Bei der die Kinder möglichst lange beim selben Klassenlehrer bleiben, weil Geborgenheit und Sicherheit als Voraussetzung gelten, "um die natürlichen Entwicklungsschritte des Menschen in die Pädagogik aufnehmen zu können". Sagt Porsche.

Nun, der Vater von Peter Daniell Porsche sah das nüchterner: "Er hatte das Gefühl, dort nicht genug gelernt zu haben." Der Junge sollte deshalb eine andere Schule besuchen. Nur war nach dem Umzug von Stuttgart nach Salzburg kein städtischer Kindergarten aufzutreiben, der den Ansprüchen der Eltern genügte - außer dem Waldorf-Kiga.

Folglich machte Peter Daniell Porsche dann doch die klassische Waldorfschul-Karriere. Nur bog er danach nicht ab wie sein Vater, sondern blieb dabei: "Anthroposophie bedeutet, allen Erscheinungsformen auf dieser Erde, egal ob Lebewesen oder Dinge, mit Respekt und Demut zu begegnen." Wer das so kundig dem Besucher erklärt, der könnte ein Problem mit schnellen Autos haben, die bei hoher Geschwindigkeit der Natur mehr Schadstoffe zumuten als andere. Peter Daniell Porsche aber gibt sich nicht als Zylinder-Heiliger und zwängt sich in einen Kleinwagen. "Ohne diese Autos, die nun mal so sind, wie sie sind, hätte ich nicht das Geld, um helfen zu können ", sagt er. Porsche steht zu seiner Familie. Was bedeutet: Er fährt mit seiner Familie, und zwar natürlich einen Porsche Cayenne.

Und er nimmt die Ausschüttungen entgegen, obwohl: "Das Aktiengeschäft bedeutet, dadurch zu verdienen, indem man anderen etwas wegnimmt. Denn die Geldmenge kann nicht größer werden." Diese Aggressivität ist Porsche fremd, aber er akzeptiert sie, auch weil die Wirtschaft im anthroposophischen Weltbild ihren Platz hat. Sie muss allerdings etwas zurückgeben an die Armen und Hilfebedürftigen.

Draußen im Garten der Schule, gleich vor den Stufen zum Wintergarten, sind jetzt Kinder mit grünen Schürzen damit beschäftigt, Wiese und Pflanzen zu pflegen. Diese Kindern kommen in herkömmlichen Schulen nicht mehr zurecht. Einige von ihnen leiden an Behinderungen wie Autismus, Down-Syndrom oder Epilepsie. Andere sind von einer kaum zu bändigenden Aggressivität. Wieder andere leiden am ADHS-Syndrom oder an einer Überempfindlichkeit, die es ihnen nicht mehr möglich macht, am Unterricht in einer Großklasse teilzunehmen. Sie können sich nun einmal partout auf keinen Unterricht konzentrieren, in keiner großen Gruppe einordnen.

Viele Kinder stammen aus sozial benachteiligten Schichten. "Dahinter steckt in der Regel ein seelisches Leid", sagt Porsche. Immer mehr Schulen und Psychologen schicken solche Kinder hierher. Längst ist die Kapazität erschöpft. Manche können nach zwei Jahren wieder gehen, manche bleiben bis zum Hauptschulabschluss.

Für das, was Porsche hier tut, bekommt er kein Geld. Er ist der Obmann des Schulvereins, ein Ehrenamt. Er bezahlt sich selbst: 20 Prozent seiner Einkünfte behält er als eine Art Gehalt für sich, seine Frau und seine beiden kleinen Kinder. Der große Rest ist fürs Projekt. Wieder fallen seine breiten, kräftigen Hände auf. Mit einem Scheck über eine Million Euro an Greenpeace sei es nicht getan. "Das ist falsch! Ich schulde es den Mitarbeitern am Fließband, die das Geld erwirtschaften, dass ich selbst dafür sorge, dass das Geld gut und sinnvoll verwendet wird."

Die Familie bleibt für ihn allgegenwärtig. "Haben Sie bemerkt, dass ich immer Piëch-Porsche gesagt habe?", fragt Peter Daniell Porsche. Niemals, sagt er, würde er Porsche-Piëch sagen. Damit spielt er auf die Empfindlichkeiten innerhalb des Clans an und den Riss, der ihn teilt: Die Piëch-Kaufleute und die Porsche-Konstrukteure, hier die Rechner und dort die Erfinder, die genialen Designer. Porsche, der Name ist ein Marken-Denkmal. Und Piëch? Da fällt einem Ferdinand Piëch ein, der Porsche-Entwicklungschef, der Audi-Chef, VW-Chef.

Aber das Auto, in dem James Dean starb, es war nun mal kein Piëch 550 Spider.

Die kleine harmlose Nachfrage hat die große Industriellenwelt nach St. Jakob am Thurn geholt. Sie lässt den berühmten Gegensatz zwischen den beiden Clans sogar hier im "Schützenwirt" erahnen, sie beweist, wie sehr sich Porsche immer noch seiner Familie zugehörig fühlt, die ihm, dem Weltverbesserer von St. Jakob mit einer gewissen Verwunderung begegnet, wie er beiläufig erzählt. "Manchmal werde ich schon belächelt, weil ich als zu sozial eingestellt gelte."

Doch zum großen Essen eingeladen hat er die Familie schon, nur die Porsche-Leute versteht sich, in den schönen Wintergarten vom "Schützenwirt". 14 waren gekommen, erzählt er, und dann zählt er schnell noch einmal nach: nein, 16 waren es. Da hätten sie beisammen gesessen und alles schön gefunden. Aber weil er dann immer wieder solche Sachen sagt wie: "Ich will meinen Reichtum teilen, statt nur wieder eine neue Yacht zu kaufen", da hätte die Familie dann doch geseufzt und gesagt: "Wenn wir alle so wären wie du, lieber Daniell, dann würde es uns heute nicht so gutgehen." Da hat er geantwortet: "Wenn alle in der Wirtschaft so wären, dann würde es allen auf der Welt gutgehen."

Bald darauf drückte Peter Daniell jedem einen Zahlschein in die Hand. Das ersparte er ihnen nicht? Oh nein, sagt er. "Da bin ich schon unmöglich." Er sei schließlich froh über jeden Euro, wenn es um die Schule gehe: Am Ende waren es 25.000. Hinterher hätten ihn dann ein paar Nichtfamilien-Menschen gefragt: Was, mehr nicht? Nicht mal 50.000?

Auch das ist die Welt des Peter Daniell Porsche. Die Leute können nie vergessen, dass er ein Sechzigstel Multimilliardär ist. Ein Reicher, der mit seinem Geld den Leuten alles abnimmt, der sie "bequem macht und verantwortungslos". Deshalb lehnt Porsche es ab, die 350.000 Euro, die die private Schule jährlich selbst aufbringen muss vom 700.000-Euro-Etat, allein hinzublättern. "Es ist nicht gut, sich auf einen allein zu verlassen: Dann sitzt man im Lehnsessel; einmal geschnarcht und schon gegessen!"

Lieber schreibt er eine Gedichtsammlung wie "Das Vorhangschloß", in jeder Zeile ein Mensch, der nur das Gute will, und der dann auch, wen wundert's, aus seinen allerbesten Absichten keinen Hehl zu machen vermag: Ein Poesiealbum voller freundlich-gereimter Kalenderweisheiten, wie der, dass einem Baum, der allein im Wald steht, nur so lange kalt ist, bis er bemerkt, dass er Teil des warmen Waldes ist: "und plötzlich ist ihm nicht mehr kalt".

Damit all das Wohlgemeinte seinen Zweck erfüllt, übernahm Porsche einen Teil der Druckkosten und lässt nun zehn Euro von jedem verkauften Buch der Schule zukommen. 2500 sind schon verkauft, 150 hat die Familie erworben. Da klopft es an der Terrassentür. Ein Herr im Freizeithemd bittet um Einlass. Porsche, irgendwie alles und nichts in diesen Räumlichkeiten, kein Chef und Geschäftsführer, aber schon der allgegenwärtige Hausherr, fragt nach seinem Begehr und zeigt ihm den Jacobisaal. Der Mann will hier die Hochzeit seiner Tochter feiern. Nun, es ist ein Porsche, der diesen Festsaal, der auch eine Turnhalle für die Schule ist, ersonnen hat. Und plötzlich ist er doch so, wie es das Klischee erwarten lässt.

Dass Traditionen, seien sie nun aus Arzt- oder Hochseefischer- oder Autobauerfamilien hervorgegangen, die Persönlichkeit prägen und Talent präjudizieren: Die Bühne kann aus dem Boden sechzig Zentimeter hochfahren, erklärt er. Sie ist nach vorne und nach hinten kippbar. Die Seilzüge können zweieinhalb Tonnen schwere Lasten schweben lassen, und drehbar ist die Bühne übrigens auch.

"Da werden sogar die Leute vom Salzburger Schauspiel neidisch", sagt der Techniker Porsche und schaut scharf, ob auch alles an seinem Platz ist. Ach ja, seine Abschlussarbeit an der Waldorfschule war übrigens ein selbstgebautes solargetriebenes Gefährt. Und, auch das nur am Rande, wenn er ein Auto bauen würde, wäre es alltagstauglich, schnell, kompakt, leicht, elegant - und ohne all den technischen Luxus. "Es wäre ein Auto, wie es mein Urgroßvater gebaut hätte." Der Porsche Cayenne habe 160 Stellmotoren, für Rückspiegel, Seitenspiegel. "Aber wozu denn bloß?", fragt Porsche. "Da wundert man sich, dass man nicht jeden Tag gleich in die Werkstatt weiterfahren muss!"

Der Festsaalbesichtiger verabschiedet sich. Aber er muss noch etwas loswerden: "Ich weiß übrigens jetzt, wer Sie sind." Pause. Der Mann überlegt offenbar, ob er mit der Frage rausrücken soll, die ihm längst auf der Zunge liegt. Er überlegt nur kurz. Dann fragt er: "Haben Sie auch Aktien, Herr Porsche?"

© SZ am Wochenende vom 7./8./9.4.2007
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