Neue Hochstapelei Die zarten Blüten der Angeberei

Es ist nicht mal zwei Jahre her, dass Sigmar Gabriel eine SMS öffentlich machte, die Angela Merkel ihm kurz zuvor geschickt hatte. Und dass uns gerade ad hoc nicht einfällt, was genau da drinnen stand, hängt damit zusammen, dass so gut wie gar nichts da drinnen stand. Nichtsdestotrotz: Die Veröffentlichung wurde damals als einmaliger Vorgang gedeutet, als ungeheuerlich, durch nichts zu erklären oder zu entschuldigen: als SMS-Armageddon.

Wenn heute der politische Geschäftsführer der Piratenpartei, Johannes Ponader, mehrere privat an ihn geschickte Kurznachrichten an die Presse schickt, in denen ihm sein Parteichef Christoph Lauer den Rücktritt nahelegt, so wie unlängst geschehen, so ist das laut common sense keine Ungeheuerlichkeit mehr, sondern legitime Strategie. Und das sogar im Namen der von Lauer und den Piraten selbst postulierten Transparenz!

So ein Lauer kann sich dann zwar heute in eine Talkshow setzen - was er auch direkt tat - und erläutern, worum es ihm bei "Transparenz" geht, nämlich nicht darum, dass jemand seine privaten SMS veröffentlicht, sondern um Information des Bürgers. Aber er wird dann auch gleich wieder von einem anderen Aufmerksamkeitsstrategen niedergerufen. In diesem Fall von seinem Gastgeber Markus Lanz, der zwar behauptet hatte: "Wir haben Sie eingeladen, weil wir versuchen wollen, das zu verstehen . . ." Der aber seinerseits ja auch um Quoten-Aufmerksamkeit buhlen und daher ordentlich für Tumult sorgen muss.

Hochstapler Eines Tages kommt einer, der dich durchschaut
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"Hochstapler-Syndrom"

Eines Tages kommt einer, der dich durchschaut

Unser Autor plagt sich mit der Sorge, dass er in Wahrheit gar nichts kann. Dass er trotz Ausbildung und Studium nur ein geschickter Blender ist, ein Hochstapler. Ist eine solche Angst berechtigt?

In den Fünfzigern hatte es etwas Verdrehtes, wenn jemand um jeden Preis der Lauteste oder Auffälligste sein wollte. In den Zwanzigern hatte man noch mehr Verständnis für Paradiesvögel, schließlich war die Gesellschaft gerade dabei, sich von Grund auf zu erneuern, und dazu bedarf es Reibung. Nur ist damit eben auch wieder nicht die Reibung gemeint, die man heute wohl erzeugen will, wenn man Desirée Nick, die übrigens auch kein Paradiesvogel ist, zwischen Hans-Ulrich Jörges und Wolfgang Kubicki setzt und dann alle zusammen über das Dschungelcamp diskutieren lässt.

Zarte Angeberei bei F. Scott Fitzgerald

In jener Zeit, den Zwanzigern also, schrieb F. Scott Fitzgerald "Der Große Gatsby" und beschrieb darin einen völlig neuen Aspekt der Angeberei: Wie zart nämlich, wie bittersüß und aussichtslos sie sein kann, wenn sie von Liebe motiviert und von gesellschaftlichem Dünkel begleitet wird. Das Buch gilt als eines der besten Bücher, die je geschrieben wurden, der neureiche Jay Gatsby als einer der vielschichtigsten Helden, als Game Changer der Weltliteratur. Und doch wäre er den Menschen heute genauso suspekt wie eine stramme Jungswade in einem pastellfarbenen Burlingtonstrumpf.

"In seinen blauen Gärten", heißt es im "Gatsby", "schwirrten Männer und junge Mädchen wie Falter zwischen dem Geflüster und dem Champagner und den Sternen umher. " Und weiter: "An den Wochenenden verwandelte sich sein Rolls Royce in einen Omnibus, der von neun Uhr morgens bis lange nach Mitternacht Leute aus der Stadt abholte und wieder zurückbeförderte . . ." Nicht nur würden heute unelegante Flashmobs Jay Gatsbys Partys stürmen und schulschwänzende Aktivisten gegen seinen Kohlendioxidausstoß demonstrieren, es wäre viel schlimmer: Man würde ihn für einen Kretin halten.

Was für ein Opfer!

Heute kaufen Leute Freunde bei Facebook, weil sie davon finanzielle Vorteile haben. Und da häufte dieser Gatsby sein Vermögen nur an, schmiss nur deshalb Riesenpartys für wildfremde Menschen, um - ein Mädchen zu beeindrucken?!? Was für ein Opfer! (Der Typ, nicht das Geld).

Verächtlicher als die unglücklichen Angeber betrachtet man heute eigentlich nur noch die glücklichen Angeber. Reich zu sein und guter Dinge, zwischen einem Schloss am Rhein und einem Strandhaus in Malibu pendelnd - und dann noch eine Vorabendsendung moderieren zu wollen, in der es um mehr als um Lkw und Biergläser geht: Diese Idee Thomas Gottschalks nahmen die Deutschen persönlich. Nur so ist die Vehemenz zu erklären, mit der Gottschalks ARD-Sendung im vorigen Jahr in der Luft zerrissen und abgesetzt wurde; gerade so, als sei auf seinem Sendeplatz vorher an der Patentformel für den Weltfrieden geforscht worden. Thomas Gottschalk hat möglicherweise nie das 2007 erschienene Buch "Die Macht der Emotionen" des französischen Evolutionsbiologen François Lelord gelesen. Dabei erklärt es so einiges, zum Beispiel, warum der Neid gerade in Demokratien so groß und häufig ist: Er ist ein Antriebsfaktor. Wenn in einer Gesellschaft zumindest theoretisch alle die gleichen Chancen haben, entsteht ein offener Wettbewerb um Macht und Wohlstand, und ein Wettbewerb entscheidet sich nun mal häufig durch Hauen und Stechen.