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Medizin und Wahnsinn (62):Ein Stich fürs Leben

Manchen Kollegen ist nur mit gezielten Nadelstichen beizukommen. Auch wenn das brutal erscheint.

Sie war rundherum ein gehemmter Typ. Besonders wenn sie locker sein wollte, wirkte sie aber sowas von blockiert. Man mochte sie sowieso kaum ansprechen.

Kollegen bedürfen mitunter ein paar Schmerzreizen.

(Foto: Foto: iStockphotos)

Stand man aber mit ihr im Fahrstuhl oder in der S-Bahn, war es peinlicher als mit anderen Kollegen. Selbst der harmloseste Smalltalk verlief stockend.

Sie war weitgehend humorfrei, eine Gefangene ihrer selbst. Irgendwann musste es aber auch bei ihr mal raus. Dann entluden sich ihre aufgestauten Emotionen in unkontrollierten Wutausbrüchen, in Konferenzen war sie gefürchtet. Ein jähzorniger Gott, der im Affekt Blitze schleudert, war nichts dagegen.

Viele Menschen fürchteten, näher mit ihr zu tun haben zu müssen. Eines Tages stand sie plötzlich vor meinem gelben Sofa. Sie traute sich nicht, sich zu setzen. Dann setzte sie sich doch.

Sie hatte Verstopfung und fragte nach natürlicher Abhilfe. Zudem fühlte sie sich "vergiftet" und hatte das Bedürfnis nach "innerer Reinigung". Auch hatte sie eingesehen, dass sie etwas für ihren Gefühlshaushalt tun musste, wenn er jemals in wohltemperierten Bahnen verlaufen sollte.

"Schön, wenn der Schmerz nachlässt"

Sie hatte sich allerdings nicht für eine Religionsgemeinschaft, sondern für eine Therapierichtung entschieden. Nachahmer kann man nur warnen, es sei denn, sie sind Esoteriker oder Masochisten.

Sie hatte sich einem "ausleitenden Verfahren" hingegeben, einer Methode, der Schulmediziner geradeheraus mit einem Naserümpfen begegnen. Statt sich aber an medizinhistorisch geadelte Techniken wie Schröpfen oder Aderlass zu halten oder ein paar Brech- oder Abführmittel zu nehmen, war sie auf die zu Recht kaum bekannte Baunscheidttherapie verfallen.

Die Kollegin war nicht dumm und zu eigener Recherche fähig. Wie sie sich dennoch für ein Heilverfahren erwärmen konnte, das im 19. Jahrhundert von einem Ackerbaugerätehersteller und Mechaniker erfunden worden war, blieb mir rätselhaft.

Gut, der Mann hatte zwar die Muttermilchpumpe und das Gewehrvisier entscheidend weiterentwickelt. Aber war ihr tatsächlich entgangen, dass Carl Baunscheidt das Folterinstrument, das er 1848 für den therapeutischen Gebrauch vorstellte, erst "Mücke" und dann "Lebenswecker" genannt hatte?

Ein humorbegabter Mensch würde doch Zweifel bekommen, bevor er sowas an seine Haut lässt. Allenfalls für Ärzte in Guantanamo mochte das Gerät von beruflichem Interesse sein.

Der mit 30 Stahlnadeln bewehrte Pinsel funktioniert nach dem Prinzip: "Schön, wenn der Schmerz nachlässt". Am Rücken oder anderswo wird er in die Haut gestoßen. Damit auch möglichst viel Schmerz nachlassen kann, werden reizende Öle und Essenzen zur akuten Wundverschlimmerung beigegeben.

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