Max und Moritz Aber wehe

Vor 150 Jahren erschien "Max und Moritz" von Wilhelm Busch - das große, böse Lieblingsbilderbuch der Deutschen.

Von Hilmar Klute

Dieses "Ach" am Anfang! Der große Seufzer, der - so möchte man es verstehen - das behagliche Kopfschütteln des bürgerlichen Ohrensessel-Bewohners in einen selbstgefällig-resignativen Laut umsetzt: "Ach, was muss man oft von bösen / Kindern hören oder lesen." Schon das Wort "böse Kinder" würde heute eine Armee aus alarmierten Kinderpsychologen und Helikoptereltern ausrücken lassen: Böse Kinder gibt es doch gar nicht. Es gibt nur Kinder, die Regeln verletzen, weil sie nicht gelernt haben, wozu diese Regeln nützlich sind. Oder stimmt das gar nicht? Ist alles ganz anders und viel schlimmer? Sind Kinder in Wahrheit doch die verspielten Prototypen der späteren Arschgeigen, die unsere liebe Erde mit Krieg, Schmutz und Korruption überziehen?

Ach, es ist schwierig. Es ist auch deshalb schwierig, weil man nicht ganz genau weiß, auf welcher Seite Wilhelm Busch eigentlich steht. Er, der kinderlose Junggeselle, in dessen Bilderwelt die Kindheit eigentlich schon den kleinen Truppenübungsplatz für die späteren Niederträchtigkeiten des Erwachsenenalters darstellt. Die Kinder als unschuldige Püppchen, denen man noch beibringen kann, wie man gut und menschlich wird und bleibt? Erich Kästner mag diese hoffnungsverliebte Vorstellung angetrieben haben, Kinderbücher zu schreiben. Den anderen die Hölle auf Erden zu bereiten, sagt dagegen Wilhelm Busch, "das ist freilich angenehmer/ und dazu noch viel bequemer/ Als in Kirche oder Schule / festzusitzen auf dem Stuhle."

Auf jede Unartigkeit, jeden Regelverstoß folgt die monströse Bestrafung, und wer sich im Werk des großen, kalten Humoristen Wilhelm Busch umschaut, stellt fest, dass die Züchtigungen, die der Meister bereithält, bei der Bemessung der Grausamkeiten an Kafkas Straffantasien mindestens heranreichen. Übrigens hat sich die Literaturwissenschaft bereits eingängig mit der Busch-Lektüre Franz Kafkas beschäftigt. Es gibt dort erschreckende Querverweise. Man möge nur einmal Kafkas Strafkolonie mit der Zermalmungsszene am Ende von Max und Moritz vergleichen! "Aber wehe, wehe, wehe/ Wenn ich auf das Ende sehe!"

In dieser Geschichte gibt es nichts Gutes: Die Welt von Max und Moritz erscheint kalt und erbarmungslos. Zeichnungen: Wilhelm Busch - Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst

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Das Ende von Max und Moritz verweist auf den Anfang der Knabenblütenträume des enttäuschten Romantikers Wilhelm Busch. Wir erinnern uns: Für die beiden bösen Buben rundet sich der vergleichsweise kurze Lebensweg in der Mühle, wo sie direkt aus den Fudersäcken, in welche sie sich geschlichen hatten, in die Zähne des unerbittlichen Mühlrads geschüttet werden. Die Mühle des kleinen Kirchspiels Ebergötzen bei Göttingen ist einer der frühen Abenteuerspielplätze des Knaben Wilhelm. Hierhin zog er zu seinem Onkel Georg Kleine, der ihm Privatunterricht gab. Und hier freundete sich Wilhelm Busch gleich am ersten Tag mit dem Sohn eines der drei ortsansässigen Mühlenbesitzer an, dem gleichaltrigen Erich Bachmann.

Wilhelm Busch befeuert sein Genie mit Wein und täglich hundert selbst gedrehten Zigaretten

Busch erzählt von dieser, übrigens lebenslangen, Freundschaft in seinen Erinnerungsskizzen "Was mich betrifft", und wenn man ein paar Einblicke in das Making-of von "Max und Moritz" haben möchte, kann man sie in dieser kleinen Geschichte finden: "Wir gingen ins Dorf hinaus, um zu baden. Wir machten eine Mudde aus Erde und Wasser, die wir Peter und Paul nannten, überkleisterten uns damit von oben bis unten, legten uns in die Sonne, bis wir verkrustet waren wie Pasteten und spülten's am Bach wieder ab."

Der geübte Buschianer hebt lehrerlämpelhaft den Finger: Natürlich, die Szene beim Bäcker, als Max und Moritz fast schon erlegt worden wären, vom braven Bäckersmann nämlich, der ihren fünften Streich im Handumdrehen in eine Hinrichtung verwandelte. Die beiden Knaben sind durch den Schornstein in die Backstube gerutscht und direkt im Mehl gelandet. Als sie auf den Stuhl steigen, um die frischen Brezeln vom Regal zu stibitzen, fallen sie in die Teigwanne - in diesem Zustand greift der Bäcker sie auf und steckt sie kurzerhand in den Backofen. Nach angemessener Backzeit zieht er sie mit der Backschaufel aus der Hitze und stellt sie - weil er glaubt, sie seien "perdü" - an die Wand. Aber sie fressen sich wie zwei Mäuse durchs Gehäuse und entkommen ein allerletztes Mal dem Tötungsbemühen der braven Bürger.

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München, im November 1863. Wilhelm Busch ist 31 Jahre alt, hat sein Kunststudium verbummelt und steht kurz vor einer gescheiterten Künstlerexistenz. Er füttert die satirischen Fliegenden Blätter mit Karikaturen und heiteren Texten und gehört der Künstlervereinigung "Jung München" an.

Buschs Künstlertum ist bis dahin alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Den Kontakt zu den Eltern hat er abgebrochen, weil der Vater die Boheme-Existenz des Sohnes nicht goutiert. Dabei ist der Junge nicht faul, er zeichnet Tag und Nacht, befeuert sein Genie mit Wein und täglich hundert selbst gedrehten Zigaretten - Nikotinvergiftungen sind für Wilhelm beinahe so alltäglich wie für andere Menschen die Grippe.

In diesem trüben Herbst 1863 beginnt Wilhelm Busch etwa hundert Blätter mit den Streichen der beiden Jungen zu zeichnen. Der pausbäckige Erich Bachmann wird Vorbild für den pausbäckigen Max. Und der schmale Wilhelm Busch, der als Junge eine interessant gekräuselte Locke auf der Stirn trug, wird zum schmalen Moritz mit der auffälligen Haartolle. Busch bietet die Arbeiten dem Dresdner Verleger Heinrich Richter an. Richter ist der Sohn des großen spätromantischen Idyllenzeichners Adrian Ludwig Richter. Beide, Vater und Sohn, kommen schnell zu dem Ergebnis, dass die kultivierte Leserschaft wohl kaum eine Bildergeschichte erbaulich finden dürfte, in welcher Tiere gequält, Lebensmittel gestohlen und ehrwürdige Bürgerleute zum Affen gemacht werden. Also bietet Busch seine Geschichte dem Verleger Kaspar Braun an, der auch die Fliegenden Blätter herausgibt und sofort zusagt.

Im Oktober 1865 erscheint "Max und Moritz", Wilhelm Buschs erste große Arbeit, im Verlag Braun&Schneider. Allerdings: Der Verkauf von "Max und Moritz" vollzieht sich schleppend, es dauert drei Jahre, bis die erste Auflage verkauft ist. Mit den Jahren wird das Ding zum Longseller; der Erfolg der Bildergeschichte kräftigt das wirtschaftliche Rückgrat des Verlags und verhilft dem Zeichner und Dichter Busch zu großem Ansehen und finanzieller Unabhängigkeit. Schlechte Kritiken, Verbote und Zensur trüben die Erfolgsgeschichte überraschenderweise nicht. "Max und Moritz" ist so etwas wie die Urzelle der deutschen Kinderliteratur. Aber warum eigentlich? Es ist doch ein grundböses, grundkaltes und gründlich hoffnungsloses Werk.

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"Max und Moritz" wurde seit seinem Ersterscheinen im Oktober 1865 weltweit viele Millionen Mal verkauft und in circa 200 Sprachen übersetzt, dazu in fast alle deutschen Dialekte. Die erste Übersetzung im Ausland erschien 1866 in Dänemark, eine englische 1871, eine japanische 1887. Die Wirkungsgeschichte behandelt das leider nur antiquarisch erhältliche Buch von Manfred Görlach: "Max und Moritz in aller Munde: Wandlungen eines Kinderbuches" (1997). Informationen auch unter www.wilhelm-busch-seiten.de und die Wilhelm-Busch-Gesellschaft, Hannover (www.karikatur-museum.de). Joachim Käppner

In dieser Geschichte gibt es nichts Gutes. Sie ist bevölkert von Spießern, selbstgefälligen Kleinbürgern und sozial isolierten Sonderlingen. Und sie wird vorwärts getrieben von den zum Teil entsetzlichen Taten zweier Jungen, die offenbar ohne Eltern aufwachsen, jedwedes moralische Rüstzeug ablehnen und eine erschreckende Mitleidlosigkeit an den Tag legen. Gleich im ersten Kapitel präparieren sie Brotstückchen dergestalt mit Bindfäden, dass die Hühner und der Hahn der Witwe Bolte sich am Apfelbaum strangulieren. Im zweiten Streich besitzen sie die Unverfrorenheit, das Geflügel, von der trauernden Witwe notgedrungen kross gebraten, mit einer Angel durch den Schornstein vom Herd zu stehlen. Was für eine Gnadenlosigkeit. Und was für eine Respektlosigkeit die beiden dem geachteten Schneider Böck entgegenbringen. Sie locken ihn mit dem miesen Ziegenruf "Meck meck meck" aus seiner Stube. Zuvor hatten sie den Steg angesägt, der über den Fluss führt. Natürlich bricht der Steg und der Schneider fällt in den Fluss. Wunderbar die Rettung durch ein herbeifliegendes Gänsepaar! Wunderbar die Linderung, welche die Schneidersgattin dem bauchschmerzgeplagten Böck mit einem simplen Hausfrauentrick verschafft: "Hoch ist hier Frau Böck zu preisen/ denn ein heißes Bügeleisen/ auf den kalten Leib gebracht/ Hat es wieder gut gemacht."

Aber wunderbar ist eben auch, wie Wilhelm Busch diese grausamen Menschenschinder-Geschichten aufschreibt und zeichnet. Seine Figuren sind ikonografisch ins Gedächtnis der Deutschen hingescannt. Wer an einen Schneider denkt, hat den bebrillten, spinnendürren Böck vor Augen; wer sich den Prototyp des moralgefestigten, sittenstrengen Lehrers vor Augen führen möchte, sieht vor sich den Zeigefinger des orgelspielenden Lehrer Lämpel. Und dieser eine Satz, kurz vor der schrecklichen Explosion, klingt wie das letzte Credo des selbstgefälligen, untergehenden Bürgertums: "Ach, spricht er, die größte Freud/ Ist doch die Zufriedenheit."

Wilhelm Busch hat den Zitatenschatz der Deutschen gefüttert wie kaum ein Zweiter. "Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich": Das sagt man gerne mal, wenn man eine Sache erledigt hat und die nächste Sache ansteht. Das Kurze, das Bündige, die Schlüssigkeit, die durch den perfekten Reim entsteht: In "Max und Moritz" hat Wilhelm Busch seine große Kunst zum ersten Mal vorgeführt. Er wird dieses Prinzip im Laufe der Jahre weitertreiben; man ist versucht zu sagen, perfektionieren. Aber ist "Max und Moritz" nicht schon perfekt? Der ganze Wilhelm Busch ist darin.

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Am Schluss, also nach dem erzählten Ende in der Mühle, steht so etwas wie eine Umfrage unter den Beteiligten. Jeder gibt noch einmal seinen Senf zum Geschehen ab. Und keiner von den ehrbaren Bürgern, nicht die Witwe, nicht der Lehrer, der Schneider nicht und schon gar nicht der Bäcker und der Müller - niemand spricht ein Wort des Bedauerns über den Tod der zwei Kinder Max und Moritz. Onkel Fritze, dem sie Käfer ins Bett gestreut hatten, sagt allen Ernstes: Das kommt von dumme Witze. Wirklich? Auf Kinderscherze steht die Todesstrafe? Ein freudiges Gebrumm, heißt es, geht im Dorf herum. Die Menschheit ist böse, hart und unversöhnlich. So lautet die Botschaft des Herzenshumoristen der Deutschen.

So sieht sie aus, unsere Welt, "abgemalt und aufgeschrieben" vom großen, kalten Wilhelm Busch.