Kindererziehung Wer prägt mehr: Vater oder Mutter?

Wer dem anderen Elternteil ein saloppes "Das hat er bestimmt von dir" an den Kopf wirft, ist eigentlich unzufrieden mit dem Kind, versucht aber, die Last auf den anderen abzuwälzen. Dabei ist nicht klar zu sagen, wer mehr prägt: Vater oder Mutter. "Man weiß noch nicht mal, ob derjenige, der im Leben des Kindes immer präsent ist und sich kümmert, mehr prägt als einer, der sich kaum blicken lässt", sagt die Expertin. Auch hier könnte das Kind, in der Hoffnung Beachtung zu finden, sich so verhalten, wie es glaubt, dem Abwesenden zu gefallen.

Wenn Kinder ihren Eltern ähneln, kann es - zumindest das Optische betreffend - auch praktische Gründe haben. Studien zeigten, dass Einjährige ihrem Vater ähnlicher sehen als ihrer Mutter. Die Forscher gehen davon aus, dass die temporäre Gleichartigkeit ein Trick der Evolution sein könnte, um Männer von ihrer Vaterschaft zu überzeugen. Er soll sehen, dass es sich lohnt, für das Kind zu sorgen. Die Regel ist platt: die gleiche Nase = kein Kuckuckskind.

So steht nur fest, dass alles, was in einer Familie passiert und gelebt wird, Auswirkungen auf alle Mitglieder hat, im Übrigen auch auf Adoptiv- und Stiefkinder. Welche? Und in welchem Ausmaß? Das ist nicht vorauszusehen oder steuerbar. Ebenso wenig, ob sich Eigenschaften der Eltern auch in Geschwistern zeigen. Schließlich hat jedes Kind in der Familie seine Rolle, die ungeschriebene Gesetze mit sich bringt.

Silvia Dirnberger-Puchner

"Kinder verhalten sich oft so, wie sie glauben, es könnte den Eltern gefallen. Sie meinen, gelernt zu haben, dass sie nur Zuwendung bekommen, wenn sie funktionieren."

Wird etwa eine Mutter von drei Kindern schwer krank, könnte das Erstgeborene beginnen, seine Bedürfnisse zurückzustellen, um die Mutter nicht zu belasten, und versuchen, die Versorgungslast der Geschwister mit ihr zu teilen. Während dieses Kind lernt, zu funktionieren und eine Sensibilität entwickelt, was jemand in einem sozialen System braucht, haben die Jüngeren womöglich ganz andere Wertvorstellungen - obwohl sie im gleichen familiären Umfeld zur gleichen Zeit groß geworden sind.

Umgang mit Geld hängt oft von Eltern ab

Zu den häufigsten Mustern der "Transmission", wie die Weitergabe von Einstellungen und Verhaltensweisen von Eltern an ihre Kinder genannt wird, zählt Silvia Dirnberger-Puchner den Umgang mit Geld, Gefühlen und Ordnung. "Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht mit diesen Themen konfrontiert werden: Gönnen wir uns etwas oder halten wir das Geld panisch zusammen? Lassen wir Ärger freien Lauf oder verbergen wir ihn? Und wie sehr haben wir verinnerlicht, dass der Arbeit das Vergnügen folgt?"

Die vielen Altlasten können auch dramatische Folgen haben: Langzeitstudien haben gezeigt, dass Töchter von Teenagermüttern häufiger selbst jung Mutter wurden, und Scheidungskinder sich zu Beginn ihrer Ehe doppelt so oft wieder scheiden ließen wie Kinder, deren Eltern zusammenblieben. Die Wahrscheinlichkeit mit alkoholabhängigen Eltern selbst in eine Abhängigkeit zu geraten, liegt dreimal höher als mit nicht abhängigen Eltern.