Jugendamt und Kindesentzug "Die haben mir mein Kind weggenommen"

Falsche Vorsicht: Weil eine Gutachterin sie für krank und gefährlich hielt, musste der Sohn von Bettina S. ins Heim. Eine tragische Geschichte. Und eine, die erst nach dem Tod von Kevin möglich wurde.

Von Charlotte Frank

Der Tag, an dem Marcel verschwand, war ein Donnerstag im März, statt der Schultasche lag mittags ein Brief im Flur. In dem Moment, als Bettina S. den Umschlag öffnete, wurde die Stille im Haus ohrenbetäubend, sie hatte nur noch einen entsetzten Gedanken im Kopf: "Die haben mir mein Kind genommen."

Ein Kind muss ins Heim - obwohl es nicht müsste (Symbolbild)

(Foto: dpa)

Sieben Monate später sitzt Bettina S., 35, in ihrer Küche in der Nähe der bayerischen Stadt Nördlingen, die Anstrengung der vergangenen Wochen hat dunkle Ringen unter ihre Augen gemalt. Trotzdem wirkt sie gelöst, blickt immer wieder hinüber zu Marcel, der mit dem Appetit eines Achtjährigen Quarktorte in sich hineinstopft. Drei Tage ist es her, dass er aus dem Heim entlassen wurde. Drei Tage, dass ein Fall endete, über den Bettina S.' Anwalt sagt, er habe ihn "selbst nach 20 Jahren familienrechtlicher Praxis für unmöglich gehalten". Marcels Therapeut sagt, er hätte sich "nicht träumen lassen, dass ein Amt das Kindeswohl so missachtet", und selbst der örtliche Landrat Stefan Rößle räumt ein, einiges an der Geschichte sei "überraschend". Aber man sei eben vorsichtig geworden.

Alle sind vorsichtig geworden, in ganz Deutschland: 2009 wurden 33710 Kinder aus ihrer Familie genommen, so viele wie noch nie. Seit 2005 ist die Zahl um 31 Prozent gestiegen. 2005 war das Jahr mit den wenigsten Inobhutnahmen, 2006 war das Jahr, in dem in Bremen der kleine Kevin starb. Seither schauen die Jugendämter noch genauer hin, erst recht in einem Landkreis wie Donau-Ries, zu dem Nördlingen gehört: 2007 wurde dort die einjährige Leonie vom Freund ihrer Mutter getötet. In der Region werden Entscheidungen nun offenbar besonders schnell getroffen, als schlage das Pendel in die andere Richtung aus.

Eine Einfamilienhaussiedlung am Rande eines bayerischen Dorfs. Die Garagen sind bunt bemalt, auf der Straße verwischen Kreidebilder, aus Baumhäusern schauen Kinder wie Vögel aus dem Nest. Hier lebt Bettina S. mit ihrem zweiten Mann, hier sollte Marcel zur Ruhe kommen nach all dem Streit der Eltern.

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