Interview mit Patricia Riekel "In Deutschland gibt es keine Stars"

SZ: Wie wählen Sie Titelgeschichten aus? Muss es immer nur um Liebe, Leid und Trennungen gehen?

Patricia Riekel und Verona Pooth bei der Bambi Charity Gala. Riekel findet Pooth sympathisch, will sich aber in ihren Geschichten an "klare Fakten" halten.

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Riekel: Die Erfahrung zeigt: Männer alleine auf dem Titel funktionieren nicht. Ein anderes Gesellschaftsmagazin versuchte es mit Bill von Tokio Hotel auf dem Titel und musste die gleiche Erfahrung machen. Selbst George Clooney alleine auf dem Cover geht wahrscheinlich nicht.

SZ: Würde ich vielleicht kaufen.

Riekel: Sie schon. Aber Frauen möchten Geschichten, mit denen sie sich identifizieren. Nach dem Motto: Was würde ich tun, wenn mir das geschehen würde? Der erste Blick ist entscheidend: Komplizierte Zeilen, komplizierte Bilder verfehlen ihr Ziel. Ich würde mal sagen, dass es etwa zweihunderttausend Leserinnen gibt, die sich spontan für eine Zeitschrift entscheiden. Wenn man Donnerstag am Kiosk liegt, muss ein Prominenter auf dem Cover sein, der mir etwas sagt. Gehirnforscher haben festgestellt, dass man im Vorübergehen höchstens sieben Worte aufnehmen kann. Deshalb darf eine gute Coverzeile nie lang sein - und sie sollte Worte enthalten, die blitzschnell Emotionen auslösen.

SZ: Das macht die Konkurrenz ähnlich.

Riekel: Richtig. Die Nachrichtenlage ist für alle gleich. Wir müssen daher erfühlen, ob es sich noch lohnt, über einen bestimmten Prominenten zu berichten. Die Nachricht an sich ist in der Regel bereits bekannt. Das Internet ist den Printmedien ja um Lichtjahre voraus. Wenn Heath Ledger stirbt, weiß das die Welt 23 Minuten später. Aufgabe von Bunte ist es, die Welt anzuhalten, Bilder zu bringen, die einen magischen Moment einfrieren. Wie in diesen Glaskugeln, in denen es schneit, wenn man sie schüttelt.

SZ: Sie schütteln also in der Redaktion und sehen dann noch einmal, sagen wir, Carla Bruni neben der Queen in der Kutsche.

Riekel: Gutes Beispiel. Der Staatsbesuch in London ist durch alle Tageszeitungen gegangen. Wir haben bei Bunte überlegt: Bringen wir Carla Bruni auf dem Titel? Eigentlich stehen bei uns ja eher deutsche Prominente im Vordergrund. Aber Carla Bruni ist eine Sehnsuchtsfigur, eine neue Jackie Kennedy, mit einer bewegten Vergangenheit. Wenn die dann auf die Queen trifft, wird es spannend . . . Das Ex-Model, das man auch schon nackt gesehen hat, und die Queen, die moralische Instanz, was für ein Gipfeltreffen! Damit hat Bunte eine gute Auflage erzielt. Die Sarkozys sind in der Welt des Boulevard angekommen. Und jetzt möchten die Leser alles über die beiden wissen.

SZ: Carla Bruni liebt den Präsidenten und sieht gut aus. Meist haben Sie größere Schwierigkeiten, eine Figur mit Starpotential zu präsentieren. Sind Leute wie Hardy Krüger Junior oder Nino di Angelo, die bei Ihnen eine Bühne bekommen, wirklich wichtig?

Riekel: Es gibt höchstens ein Dutzend prominente Menschen, die auf dem Titel für eine stabile oder steigende Auflage sorgen, zum Beispiel die Mitglieder des monegassischen Fürstenhauses und Frauen mit einem interessanten Lebensweg - Sabine Christiansen zum Beispiel...

SZ: Hmm, eigentlich nur eine Fernsehfigur.

Riekel: Ja, aber sie ist eine spannende Persönlichkeit. Ihr privates Leben interessiert ihre Fangemeinde, auch wenn sie das jetzt nicht so gerne hört. Interessanterweise sind aber oft die größten Quotenkönige auch die größten Auflagenkiller. Nehmen wir Günther Jauch.

SZ: Ein Spießer?

Riekel: Nein. Aber man darf nichts über ihn privat schreiben, und wahrscheinlich gibt es da auch nichts zu melden, weil er sehr solide lebt. Bei Frau Christiansen fanden es viele Frauen spannend zu beobachten, wie sie mit einem privaten Problem umging. Viele Zuschauer glaubten, ihren Seelenzustand am Sonntagabend an ihrem Äußeren ablesen zu können. Sabine Christiansen ist eine sehr professionelle Frau, aber dennoch: Sie wurde auf einmal schlanker. Nach ihrer Trennung trug sie Schwarz. Und dann kam plötzlich eine helle Phase, und als sie sich in ihren französischen Freund verliebte...

SZ: ...den "Jeans-König" aus Frankreich.. .

Riekel: Richtig, Norbert Medus. Auf einmal konnten Fernsehzuschauer verfolgen, wie sie Jeans trug und ganz andere Sakkos. Sie wurde sportlich, das Lady-Image verschwand. Solche Beobachtungen machen Frauen Spaß.

SZ: Sie kennen viele der Leute, die bei Bunte eine Rolle spielen, persönlich. Wie wichtig ist das Patricia-Riekel-Netzwerk?

Riekel: Auf der einen Seite kenne ich viele Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen. Mit einigen bin ich privat befreundet. Das ist schön, weil man als Journalistin näher an Geschichten dran ist. Gleichzeitig aber verhindert Nähe, dass man ungehemmt über diese Stars schreiben kann. Nähe verpflichtet. Ich mag Exupérys "Der kleine Prinz", besonders die Stelle, wo der Fuchs zum kleinen Prinzen sagt: Zähme mich. Der kleine Prinz fragt: Was ist das? Und der Fuchs erklärt ihm, dass Zähmen heißt, sich jemanden vertraut zu machen, und das wiederum bringt Verpflichtungen mit sich. Freundschaft bedeutet: auf den anderen aufpassen, möglicherweise ein Leben lang. Das sagt sehr viel über Freundschaft aus, aber es lässt sich manchmal schwer mit der Tätigkeit eines Journalisten vereinbaren.

SZ: Die Bunte selbst ist nicht immer zimperlich im Umgang mit Prominenten, wenn wir beispielsweise mal an die Seitensprünge von Lothar Matthäus denken.

Riekel: Wenn ich ein Idol bin, muss ich damit rechnen, dass die Medien mich beobachten. Wer Charity-Programme veranstaltet und seine Mutter im Krankenhaus nicht besucht, muss mit negativen Berichten leben. Wer sich wie Horst Seehofer mit seiner Familie fotografieren lässt und sich auf ein christlich-konservatives Familienbild beruft, aber eine schwangere Geliebte in Berlin hat, der kann nicht auf Diskretion hoffen.

Lesen Sie auf Seite 3, weshalb Riekel den sarkastischen Tonfall ihres Vorgängers geändert hat.