Infektionsrisiko Krankenhaus:Angriff der Superbakterien

Bis zu einer Million Patienten infizieren sich jedes Jahr in Deutschlands Krankenhäusern mit mehrfachresistenten Erregern. Manche sterben daran.

Nina von Hardenberg

Ein Mann kommt für eine Meniskusoperation am Knie ins Krankenhaus. Der Eingriff verläuft gut. Doch zwei bis drei Tage später beginnt die Wunde zu nässen und wird heiß und rot. Die Ärzte verschreiben Antibiotika gegen die Infektion, doch das Knie eitert weiter.

Wenn die Mediziner schließlich einen Abstrich aus der Wunde ins Labor schicken, erhalten sie immer öfter eine alarmierende Antwort: Der Patient hat sich im Krankenhaus mit einem Bakterium infiziert, das gegen Antibiotika resistent ist. Er schwebt damit in Lebensgefahr.

In deutschen Kliniken stecken sich jährlich eine halbe bis eine Million Patienten mit mehrfachresistenen Erregern an. Das geht aus dem am Donnerstag in Berlin vorgestellten Bericht "Krank im Krankenhaus" der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene und der Allianz Versicherung hervor. Bei Patienten auf Intensivstationen liege das Infektionsrisiko bei mehr als 15 Prozent.

Die multiresistenten Bakterien entstünden unter anderem durch wahllosen und unnötigen Antibiotikaeinsatz und mangelnde Hygiene in Krankenhäusern. Zu den Bakterien, die Resistenzen entwickeln, gehört unter anderem Staphylococcus aureus.

Das Bakterium kommt in der Natur häufig vor und wird auch von vielen Menschen auf der Haut getragen. Bei immungeschwächten Menschen kann es Hautinfektionen hervorrufen. Gefährlich sind diese aber nur, wenn es eine Resistenz gegen Antibiotika entwickelt.

In Deutschland hat man bei zehn bis zwölf Prozent aller erfassten Staphylococcus aureus-Bakterien eine Resistenz festgestellt. In England liegt der Anteil dagegen bereits bei 30 Prozent.

Diese Superbakterien sind leicht übertragbar, schwer zu bekämpfen und die häufigste Ursache für lebensbedrohliche Infektionen bei Klinikpatienten, heißt es in dem Bericht.

Mangel an Hygienikern

"Neunzig Prozent der Krankenhäuser in Deutschland verfügen noch nicht mal über einen eigenen Hygieniker", kritisierte Klaus-Dieter Zastrow von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH). Die Politik müsse endlich das Problem der Krankenhaushygiene in Deutschland oben auf ihre Agenda nehmen, sagte auch DGKH-Präsident Axel Kramer.

In Deutschland sind die örtlichen Gesundheitsämter für Hygiene-Kontrollen in den Krankenhäusern und Arztpraxen zuständig. In den Ländern Berlin, Sachsen und Bremen sind die Krankenhäuser außerdem verpflichtet, einen Hygieniker zu beschäftigen. Nach Angaben von Markus Dettenkofer vom Universitätsklinikum Freiburg leiden insgesamt etwa vier Prozent der Patienten in Kliniken an dort erworbenen Infektionen.

Dazu zählten etwa Wundinfektionen, Lungenentzündung, Harnwegsinfektionen und Blutvergiftung. In der EU infiziert sich jeder zehnte Klinikpatient. Jedes Jahr stürben 50.000 Menschen an solchen Krankheiten, die oft von arzneimittelresistenten Erregern ausgelöst werden, berichtete kürzlich das Europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten.

© SZ vom 21.9.2007
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