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Familientrio:Verschwundenes Erbe

Eine Leserin findet die Ohrringe nicht wieder, die sie von ihrer Großmutter als vorzeitiges Erbe bekommen hat. Ständig fragt die alte Dame nach dem Schmuck. Soll die Leserin ehrlich sein?

Meine Großmutter hat fünf Enkel, aber zu mir hat sie eine besonders innige Beziehung. Sie hat mir vorab goldene Ohrringe vererbt, die sie selbst von ihrer Mutter hatte. Seit einiger Zeit kann ich die Ohrringe nicht mehr finden. Meine Oma hat aber ein Elefantengedächtnis und kommt ständig auf den Schmuck zu sprechen. Ich bring's nicht übers Herz, ihr die Wahrheit zu sagen. Muss ich?

Sonja H. aus München

Kirsten Fuchs ist Schriftstellerin und lebt mit Tochter, Mann und Hund in Berlin. Sie schreibt vor allem Kurzgeschichten und Romane, aber auch Theaterstücke sowie Kinder- und Jugendbücher. Ihr Buch "Mädchenmeute" erhielt 2016 den Deutschen Jugendliteraturpreis.

(Foto: Stefanie Fiebrig)

Kirsten Fuchs:

Wenn Sie Ihrer Oma die Wahrheit sagen, kann sie traurig und enttäuscht sein. Wenn Sie ihr nicht die Wahrheit sagen, kann sie das Gefühl haben, dass sie belogen wird, und dann wird sie vielleicht noch trauriger und noch enttäuschter sein. Also besser die Wahrheit sagen. Diese Wahrheit kann ja ungefähr so klingen: "Ich habe aufgeräumt, und jetzt finde ich die Ohrringe nicht wieder, aber sie sind auf jeden Fall irgendwo. Ich suche jeden Tag danach, aber eigentlich verliert ein Haus nichts, und in einem guten Haushalt taucht alles nach spätestens 30 Jahren wieder auf. Die Ohrringe sind irgendwo, Oma!" Also ich würde auf jeden Fall den Wert der Gefühle der Oma und den Wert der Ohrringe der Oma ganz groß betonen in meiner Rede. Überlegen Sie sich vorher, was Sie sagen, und dann suchen Sie jeden Tag danach, damit Sie nicht gelogen haben.

Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor von Erziehungsratgebern und des Blogs "Kinder verstehen". Er hat vier erwachsene Kinder und lebt mit Frau und jüngstem Kind in Ravensburg.

Herbert Renz-Polster:

Oh weh, das ist die Höchststrafe. An den goldenen Ohrringen hängt ja eine ganze Familienaufstellung, eine Rangordnung der Wertschätzung und Zuneigung, ein Vermächtnis im schwersten Sinn des Wortes. Und dann auch noch das: Zur Lösung Ihres Dilemmas müssen Sie sich zwischen zwei Formen der Mitmenschlichkeit entscheiden: einer nicht ohne Grund "sozial" genannten Lüge, die deshalb so menschlich ist, weil sie einem anderen Kummer, Leid und Galle erspart. Und vielleicht der einzige Weg ist, um Ihre Beziehung zu erhalten. Auf der anderen Seite die Ehrlichkeit mitsamt der darin enthaltenen Wertschätzung: Ich nehme dich ernst, ich vertraue mich dir an. Das aber funktioniert nur, wenn Ihre Beziehung durch das entsprechende Vertrauen unterlegt ist, und Sie damit rechnen können, dass der Verlust der Ohrringe Ihre Beziehung nicht zerstört. Ist dieses Vertrauen vorhanden, würde ich die letztere Variante wählen, ist sie das nicht, die erstere.

Collien Ulmen-Fernandez

Collien Ulmen-Fernandes ist Schauspielerin und Moderatorin. Die Mutter einer Tochter hat mehrere Texte zum Thema Elternsein veröffentlicht, 2014 erschien von ihr das Buch "Ich bin dann mal Mama".

(Foto: Anatol Kotte)

Collien Ulmen-Fernandes:

Vor Gericht und vor der Großmutter haben Sie selbstverständlich das Recht zu schweigen und auch, wenn Sie die Angeklagte sind, zu lügen; die Frage ist, ob Ihnen bei der insistierenden Oma immer wieder kreative Ausreden einfallen, warum Sie die gottverdammten goldenen Ohrringe nicht tragen. Mir persönlich wäre das auf Dauer viel zu stressig. Ich wäre da schnell am Ende meines Lateins und würde ihr alles gestehen, einfach, weil alles andere mir viel zu anstrengend wäre. Wichtiger aber ist, wie es Ihnen geht: Wenn Sie der Großmutter glaubhaft darlegen können, die Ohrringe seien verliehen, passten nicht zur Tagesbluse, entsprechen nicht dem Fashionstyle der Saison oder sind Ihnen so wertvoll, dass Sie sie aus Angst vor Diebstahl oder Verlust an einem geheimen, sehr sicheren Ort verwahren, ist Lügen als Angeklagte selbstverständlich immer eine Option.

Haben Sie auch eine Frage? Schreiben Sie eine E-Mail an: familientrio@sueddeutsche.de