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Familientrio:Heimlich Skifahren

Familie W. war mitten in der Pandemie im Skiurlaub in der Schweiz. Und dann will die Tochter von dort auch noch Postkarten verschicken. Eine gute Idee?

"Wir waren trotz allgemeiner Warnungen in den Ferien in der Schweiz beim Skifahren, haben dort aber in einer einsamen Hütte gewohnt und uns natürlich von allen Menschen ferngehalten. Meine Tochter wollte Postkarten verschicken. Ich hielt sie aus Angst vor Anfeindungen zurück. Hätte ich sie lassen sollen?" Inga W., Heidelberg

Margit Auer
Schwarz weiß

Margit Auer ist die Autorin der Kinderbuch-Bestseller-Reihe "Die Schule der magischen Tiere", die inzwischen mehr als zwei Millionen Mal gedruckt und in 22 Sprachen übersetzt wurde. Sie hat drei Söhne, die fast alle schon erwachsen sind, und lebt mitten in Bayern.

(Foto: Auer)

Margit Auer:

Dass Ihre Tochter Postkarten schreiben will, finde ich super. Sie darf schreiben und malen, soviel sie will - von zu Hause aus! Der nächste Briefkasten ist nicht weit entfernt, richtig? Aus Ihrer Frage höre ich ein schlechtes Gewissen heraus - aus gutem Grund. Die Idee, mit der Familie Skiurlaub zu machen, war total daneben. Sorry, das muss ich in dieser Deutlichkeit sagen. Ich glaube auch nicht, dass der Urlaub eine Erholung war. "Natürlich" haben Sie sich von allen Menschen ferngehalten. Soso. Sind Sie nicht Lift gefahren? Wo hätten Sie die Postkarten gekauft? Ihrer Tochter haben Sie mit diesem Urlaub am wenigsten einen Gefallen getan. Kinder sind kleine Plappermäuler, was ich sehr nett finde. Und jetzt? Muss sie herumdrucksen und darf niemandem davon erzählen. Das ist doch doof. Kinder halten sich gern an Regeln, wenn sie vernünftig sind. Die Corona-Regeln sind vernünftig, Punkt.

Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor von Erziehungsratgebern und des Blogs "Kinder verstehen". Er hat vier erwachsene Kinder und lebt mit Frau und jüngstem Kind in Ravensburg.

(Foto: Random House)

Herbert Renz-Polster:

Ich finde, Sie haben das gemacht, was alle fordern, und was bei Lichte betrachtet auch die beste Strategie zur Eindämmung einer Pandemie ist: verantwortliches Handeln, durch das Übertragungen minimiert werden. Warum soll man sich in einer Pandemie nicht mit seiner Familie in eine einsame Hütte zurückziehen dürfen? Gesetze gebrochen haben Sie auch nicht. Alles Weitere ist für mich eine Frage des sozialen Stils. Ich verstehe gut, wenn jemand in Ihrer Situation sagt: Ich handle verantwortlich, dazu stehe ich, warum soll ich damit hinter dem Berg halten? Aber es gibt eben auch die andere Seite: Da haben wir als Familie das Glück, die Welt zu genießen, während andere sich einschränken müssen und oft sogar mit der A-Karte dasitzen. Und dann auch noch eine Postkarte aus dem Schweizer Hütten-Idyll bekommen, mit Skiern vor der Tür. Ich glaube, Ihre Tochter wird verstehen, wie das wirken kann und entsprechend handeln.

Collien Ulmen-Fernandez

Collien Ulmen-Fernandes ist Schauspielerin und Moderatorin. Die Mutter einer Tochter wohnt in Potsdam und hat den Kinderbuch- Bestseller "Lotti und Otto" und den Elternratgeber "Ich bin dann mal Mama" verfasst.

(Foto: Anatol Kotte)

Collien Ulmen-Fernandes:

Da es meiner Meinung nach in Sachen "Urlaub in Corona-Zeiten" vor allem darauf ankommt, wie man es macht, spare ich mir an dieser Stelle das Corona-Moralisieren und komme gleich zum eigentlichen Problem: Ich denke, im Zweifel sollte man zu seinen Entscheidungen stehen und entsprechend auch mit Kritik umgehen können. Sich den Widersprüchen des Lebens zu stellen, kann für Kinder eine wichtige Lektion sein. Sicherlich haben Sie mit ihrer Tochter über das Coronavirus gesprochen, und darüber, weshalb Sie trotzdem in den Urlaub gefahren sind. Wie ist die Haltung Ihrer Tochter dazu? Haben Sie Ihrer Tochter erklärt, weshalb sie diese Postkarte nicht schreiben soll? Hätte sie diese Karte geschrieben, wäre sie vielleicht gezwungen gewesen, sich mit den Pros und Contras auseinanderzusetzen. Vielleicht hätte sie sich beim nächsten Mal gar von sich aus gegen einen solchen Urlaub ausgesprochen? Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Sie Ihre Tochter mit dem Verbot in die Verlegenheit gebracht haben, vor ihren Mitschülerinnen Geheimnisse zu haben. Vielleicht muss sie sogar aktiv lügen. Ich denke, die Entscheidung, ob sie dieses Thema mit ihren Freundinnen verhandeln möchte, sich vielleicht sogar rechtfertigen muss, sollte einzig und allein bei Ihrer Tochter liegen.

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Schreiben Sie eine E-Mail an: familientrio@sueddeutsche.de

© SZ vom 06.02.2021
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