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Familie:Einmischen oder raushalten?

Auch Saskia Timm sagt: "Ich dachte immer, wenn man die richtige Person kennen lernt, dann klappt das schon. Da bin ich mir jetzt nicht mehr so sicher."

Die 29-Jährige erzählt, sie habe darunter gelitten, zu Hause plötzlich zwischen den Fronten zu stehen - obwohl sie sich mit Mutter und Vater gut verstand. Der verletzte Vater schüttete ihr das Herz aus und redete schlecht über die Mutter; als es um Unterhalt ging, fragte die Mutter sie nach den Finanzen des Vaters aus. Beide sprachen nicht mehr miteinander, nur noch mit der Tochter. "Das hat mich geärgert, ich wollte keine Zeugenaussagen für die Scheidung machen", sagt sie.

Genau das ist der größte Unterschied zu jüngeren Kindern, die dem Konflikt der Eltern relativ hilflos ausgesetzt sind: Wer schon älter und unabhängig von Mutter und Vater ist, kann reflektierter mit deren Krise umgehen. Das ist Vorteil und Nachteil zugleich - denn dazu müssen sich die Kinder bewusst entscheiden, wie sie sich verhalten. Einmischen oder raushalten?

Zu Hause nur noch zu Gast

Michael Cöllen findet, die Kinder sollten sich einmischen. "Sie sollen Stellung beziehen, den Eltern Rückmeldung geben, wie sie deren Verhalten wahrnehmen, und auch Kritik üben am Verhalten." Sie sollten mit den Eltern Streitgespräche führen, sich aber nicht missbrauchen lassen und Partei ergreifen. "Das Ziel soll sein, dass die Eltern sich nicht sinnlos trennen und auf eine unwürdige Weise", sagt er.

Ganz anders sieht das Paartherapeutin Andrea Bräu aus München. Sie hält nichts davon, dass Kinder sich als Vermittler in den Konflikt der Eltern einschalten: "Ich bin das Kind, ich liebe beide gleich und sollte mich deswegen nicht auf die Seite eines Elternteils schlagen." Die Beziehung der Eltern gehe das Kind nichts an - noch dazu, weil die Gefahr zu groß sei, sich doch instrumentalisieren zu lassen. Normalerweise ergreife man nämlich automatisch Partei für den Schwächeren.

Saskia Timms Eltern haben noch ein Jahr lang zusammengewohnt, ohne miteinander zu reden. Dann ist ihre Mutter in eine andere Stadt gezogen. Allein. Warum, wollte sie ihrer Tochter erst nicht sagen. Erst vor zwei Jahren erklärte sie, dass es einen anderen Mann gebe. Die 29-Jährige besucht ihre Eltern heute abwechselnd, beide haben inzwischen neue Partner. Saskia Timm vermisst ihr Zuhause. Sie sagt: "Jetzt bin ich nur noch Gast."