Ein Jahr #Aufschrei:Theresa Kellner, Managerin

Auch sie heißt eigentlich anders: Theresa Kellner arbeitet in der mittleren Führungsebene eines Münchner Dax-Konzerns. Sie musste erst lernen, wie sich Sexismus in Abhängigkeitsverhältnissen auswirkt.

"Ich habe mich als Berufsanfängerin in einer männerdominierten Branche schnell in die Kleinmädchen-Ecke drängen lassen. Ich habe stets gelächelt, meine langen Haare geschüttelt, über schlüpfrige Altherren-Witze gelacht, mit Kollegen geschäkert, mit Kunden geflirtet, mein Aussehen bewusst eingesetzt, um das zu bekommen, was ich wollte. Aber auf Augenhöhe hat mich damals wohl kaum einer der Kollegen gesehen. Eher als eine Frau, die im Windschatten von gönnerhaften Vorgesetzten aufsteigt.

In dieser Situation ist es viel wahrscheinlicher, Opfer von Diskriminierung oder sexueller Belästigung zu werden. Es entstehen Abhängigkeitsverhältnisse, die schwer zu durchbrechen sind. Nicht viele Männer nutzen das aus, doch die, die es tun, werden zum Problem. "Ich schulde ihm doch was, er hat sich stets für mich eingesetzt" - solche Gedanken haben Frauen, deren persönliche Schmerzgrenze längt überschritten ist.

Mit einer, der es so erging, habe ich eng zusammengearbeitet. Wir fingen vor etwa acht Jahren in der gleichen Abteilung an. Sie fuhr ebenfalls die Kleinmädchen-Schiene, hatte jedoch irgendwann Probleme mit einem Kollegen, der ihre Signale missverstanden hatte oder missverstehen wollte. Bis heute bereue ich es, ihr nicht den Rücken gestärkt zu haben. Sie verließ wenig später das Unternehmen, unser Kontakt brach ab.

Nach diesem Vorfall habe ich mein Verhalten radikal geändert. Ich lächelte weniger, band mein Haar zum Zopf und kicherte nie wieder in Konferenzen, wenn ein Kollege anzügliche Witze machte. Was ich aus der ganzen Sache gelernt habe? Um Sexismus und Diskriminierung im Büro im Keim zu ersticken, braucht es starke, selbstbewusste Frauen, die ihre Weiblichkeit nicht verstecken, aber auch nicht überstrapazieren. Und es braucht Frauen, die sich genauso füreinander einsetzen wie Männer es füreinander tun. #Aufschrei hat eine wichtige und richtige Debatte angestoßen. Doch ich glaube, dass wir noch am Anfang eines schwierigen gesellschaftlichen Wandels stehen."

Protokoll: Jana Stegemann

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