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Die Unverwechselbaren: Dean Martin:Swingen und Wanken

Eiswürfel im Glas, eine Stimme aus dem Himmel, Blitzen in den Augen: That's Amore. Über Dean Martin und die Kunst, einen Drink zu halten.

Jetztzeit: Robbie Williams geht golfen, und er geht auseinander. 2001, als er noch nicht seinen Zenit überschritten hatte, beschwor er die Vergangenheit - und eine Art zu Singen, die dem Dasein jede Schwere nimmt. Er nannte seine Scheibe "Swing when you're winning", und er gab Interviews. Wieso das "Rat Pack"? Wieso der Vegas-Sound von Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Jr.? Was bewundert er an dieser Truppe, die das Show-Business damals beherrschte? "Die Kunst, einen Drink zu halten", war die trockene Antwort. Cheers.

Der ewige Stenz, American Way.

(Foto: Foto: Getty)

Der beiläufige Glamour - darin liegt auch heute noch die Wirkung der Vegas-Clique. Das lange Highball-Glas schräg in der Hand halten, ohne etwas zu verschütten. Aber solche Leichtigkeit muss man erst einmal aushalten. Für Williams waren die Auftritte mit den Evergreens Glückskonserven, die ihn fast ins Koma gestürzt hätten: Bei "My way" heulte er schon mal. Danach ging es abwärts mit der Karriere.

Der schöne Preisboxer aus Steubenville

Dean Martin dagegen blieb lange Jahre locker, (über)lebte die Leichtigkeit mit allen Konsequenzen - und wie kein anderer: abends keine zwei Stunden Gags und Songs. Mehr arbeiten wollte er nicht. Vormittags ging er lieber Golfen statt zu proben. Und er zeigte damit auch den anderen Jungs vom "Rat Pack", wie man den Drink richtig hält, die Zigarette scheinbar ewig glühen lässt, und wie man die Bühne zum gemütlichen Wohnzimmer macht.

Denn seine Show, mit der Dean Martin zum bestbezahlten Mann des US-Fernsehens wurde, war eingerichtet wie daheim bei Gutbürgers.

Damals: Scheinbar mühelos wird aus Dino Paul Crocetti, geboren 1917, ein Star, die Bühnenfigur Dean Martin - und die Presse wird sich zeitlebens das Maul zerreißen, weil er scheinbar nichts tut, und seine Songs nur so hinschmalzt. Der Sohn eines italienischen Barbiers aus Steubenville, Ohio, hat einfach zu viel Talent, um sich anzustrengen. Das Alkohol-Schmuggeln mit der örtlichen Mafia ist ihm nicht genug, er wird kein Gangster; er ist zu schön für das Preisboxen; er singt sich über den Alltag hinweg und lässt sich die Nase richten; er schaut sich - wie Sinatra - seine Art zu singen von Bing Crosby ab: das Crooning. Bei diesem Gesang werden dann Steine weich, denn die Sängerstimme kommt irgendwo aus der Tiefe, die Zuhörer werden mit Big Band ganz nah an ein warmes Lagerfeuer der Emotionen gerückt.

Diese Art zu singen findet ganz natürlich zu ihm. Deans Stimme klingt irgendwo unter einem künstlichen Sternenzelt aus - und nimmt dabei den Umweg über das bebende Dekolleté mancher Frau. Dean schienen sie auf der Bühne egal zu sein - er machte stattdessen zynische Witzchen, die ihn mit den Männern im Publikum verbrüderten. Er wusste, wer die Drinks zahlt.

Und die Frauen kamen trotzdem: drei Ehen, sieben Kinder, zahllose Ladies. Dieses Lächeln, die verschatteten Augen - irgendwie muss dieses Geheimnis zu lüften sein. Und doch sagte seine zweite Frau nach zwei Jahrzehnten Ehe, er sei ein Geheimnis geblieben.

Ohne diese Kühle, seine Ironie wäre es auch nicht möglich gewesen, Gaga-Texte wie den von "That's Amore" zu Welthits zu machen. Kostoprobe: "Bells will ring /ting-a-ling-a-ling /ting-a-ling-a-ling /And you'll sing /Vita bella".

Ting-a-ling: Mit seiner Verweigerung, sich oder das Business zu ernst zu nehmen, kam der Erfolg. Als der Italiener den Juden Jerry Lewis Mitte der Vierziger traf, kamen die Millionen - und zehn Jahre Film und Blödelei als stoischer Gegenpart der Clowns. Ohne ihn wäre Lewis nicht so groß geworden: Martin gab ihm die Einsätze und wusste ihn zu stoppen. Sie trennten sich im Streit, aber seinem Buch über die gemeinsame Zeit gab Lewis einen passenden Untertitel: "Eine Liebesgeschichte".

Später verliebte sich Frank Sinatra in ihn. Er war der bessere Buddy als Lewis: Mit Jerry, dem Abstinenzler konnte man schließlich nicht saufen gehen. Und der Erfolg wurde größer in Vegas. In den Sechzigern, auf dem Höhepunkt seiner Karriere hatte Martin im Fernsehen eine Dreistunden-Woche. Eine proben, dann kamen die Gäste. Die Zuschauer schalteten ein, obwohl er sich versang, obwohl er sich versprach, obwohl er wankte.

Auf der nächsten Seite: Wanken und Lallen - das angetrunkene Crooning nach Dean-Martin-Rezept.